Worüber Russen und Ukrainer streiten

Bild: Natalja Michajlenko

Bild: Natalja Michajlenko

In dem Moment, wo Menschen zu Waffen greifen, endet die Gerechtigkeit. Von diesem Zeitpunkt an werden Diskussionen darüber, wer Recht hat und wer schuldig ist, sinnlos. In einem Essay stellt die preisgekrönte Journalistin Olga Allenowa ihre Sicht auf den Konflikt in der Ukraine dar.

Ich kann nicht verstehen, warum die Russen ihre Grenzen überschreiten und in einem anderen Land kämpfen. Ich verstehe auch nicht, warum ukrainische Bodentruppen friedliche Städte außerhalb des eigentlichen Krisengebiets angreifen. Ich begreife nicht, warum sich Menschen nicht zu Demonstrationen gegen den Krieg versammeln und warum die russische Gesellschaft nicht stärker die Schließung der Grenzen fordert, damit die sogenannte „Volksmiliz" nicht mehr mit Waffen versorgt werden kann. Und warum verlangt die ukrainische Bevölkerung nicht, dass das Militär aufhört, auf Städte zu schießen, in denen friedliche Menschen leben?

Ich verstehe diesen Krieg nicht und ich will ihn auch nicht verstehen. Ich möchte auch niemandem mehr erklären müssen, welche Seite Recht hat und welche Unrecht. Ich meide auch die Diskussionen in den sozialen Netzwerken, denn wenn man sich erst einmal auf diese einlässt, stellt man sich automatisch auf die eine oder andere Seite.

Wir Russen denken nämlich, dass wenn wir uns eine Wahrheit festgelegt haben und uns dieser sicher sind, wir diese beweisen müssen, um dadurch den Tod, den Schmerz und das Leiden in einem fremden Land rechtfertigen zu können. Der Abschuss der ukrainischen Kampfjets, die Dutzenden verwitweten Frauen und verwaisten Kinder – daran sind für uns die Ukrainer schuld, die ihre eigenen Städte unter Beschuss nehmen, in denen ihre eigenen Bürger leben. Und nun erhalten sie dafür eine Antwort: Die sogenannten „Terroristen" oder „Separatisten" schließen mit schweren Geschützen zurück. In den Städten liegen jetzt Leichen auf der Straße und weinende Frauen beklagen Tote. Und sobald jemand versucht, mit den Worten „Leute, hört auf! Zeigt Mitgefühl für das Leid der anderen" auf sie einzureden, dann wird diese Person sogleich gefragt, auf welcher Seite sie steht und welches „Blutregime" sie unterstützt: das ukrainische oder das russische?

Im Krieg gibt es jedoch keine Schuldigen oder Unschuldigen. Die ukrainischen Soldaten, die bei dem Abschuss des Flugzeugs ums Leben kamen, führten lediglich einen Befehl aus. Niemand weiß, ob sie tatsächlich kämpfen wollten oder nicht. Ihre Frauen und Kinder, die ihre Ehemänner und Väter nie wieder sehen würden, sind die wahren Opfer dieses Krieges. Die Bürger ostukrainischer Städte, die von der ukrainischen Armee unter Beschuss genommen wurden, zählen ebenfalls zu den Opfern

dieses Krieges. Und die Opferzahlen steigen weiter. Ein Russe, der denkt, er muss seinen Landsleuten in der Donbass-Region helfen, verlässt seine Familie, sein Zuhause, seine Arbeit und bricht auf, ohne mit Sicherheit sagen zu können, ob er seinen Zielort überhaupt erreichen wird. Eine Frau aus Lugansk lässt ihre Kinder bei ihren Eltern und zieht sich eine Militäruniform an, um ihre Heimat vor den „Bandera-Anhängern" zu schützen. Ein bestürzter Fähnrich betet im Hain vor einer ukrainischen Stadt, rund um ihn herum wird geschossen. Jemand nimmt dieses Szenario auf seinem Handy auf. Die Angst dieses Menschen ist auch noch auf der anderen Seite des Bildschirms deutlich zu spüren. Auch die Menschen, die am Majdan ihr Leben lassen mussten, die Toten im Gewerkschaftsgebäude in Odessa, die Tausenden Bewohner ukrainischer Städte, die nicht wissen, ob es für sie ein Morgen geben wird, sind Opfer dieses Krieges.

Der Krieg ist ganz nah. Wenn wir ihn rechtfertigen oder uns auf die eine oder andere Seite stellen, bedeutet dies, dass wir ihn akzeptieren. Wir bemerken gar nicht, dass wenn wir in sozialen Netzwerken mit Schaum vor dem Mund erklären, wer im Recht und wer im Unrecht ist, wir selbst bereits zu den Opfern dieses Krieges geworden sind. Wir dachten, dass die Bürger in den südöstlichen Gebieten unseres Nachbarlandes nur so lange

kämpfen würden, bis sie etwas zurückgewonnen hätten. Damit würde dann alles enden. Doch wir sehen zu, besprechen die Ereignisse, ziehen Schlüsse daraus und leben einfach weiter. Das Rad wurde allerdings ins Rollen gebracht und es wird immer schwerer, es aufzuhalten. Der Krieg muss gestoppt werden, denn er rollt direkt auf uns zu.

Die abgeschossene Boeing ist die Antwort auf folgende Frage: Geht uns der Krieg etwas an? Ja, er geht jeden einzelnen von uns etwas an. Denn früher oder später könnte jeder von uns unmittelbar von ihm betroffen sein. Als man vor der niederländischen Botschaft in Moskau Blumen mit den Worten „Verzeiht uns" niederlegte, löste es große Emotionen in den sozialen Netzwerken aus: Die einen wunderten sich, warum man Russland etwas unterstellt, wenn doch nicht bewiesen werden kann, wer für den Abschuss der Boeing verantwortlich ist. Andere lobten Russland für den Abschuss und gaben sogar zu, dass Russland schuld an der Katastrophe sei. Es wurde versucht, zu beschuldigen und zu rechtfertigen. Im Grunde genommen hat man jedoch diese Tragödie nur dazu verwendet, um seine eigene Wahrheit und Rechtmäßigkeit zu beweisen. Dabei gab es lediglich einen Moskauer, der um Verzeihung bat – weil er selbst lebt und diejenigen, die an Bord der Boeing waren, nicht mehr.

Die internationale Gemeinschaft, die jahrzehntelang damit beschäftigt war, eigene Mechanismen zur Prävention sowie Lösung von Konflikten auszuarbeiten, kann heute nichts tun, um den Krieg zu beenden. Deswegen sind auch die Kriege im Irak, in Afghanistan und in Russland ein Zeugnis davon, dass die Menschheit nicht wirklich darum bemüht ist, Konflikte zu vermeiden und sie beizulegen. Man kann eben offiziell einen Schuldigen nennen – Russland, USA, Slobodan Milošević, Saddam Hussein, Dschochar Dudajew –, doch dieser wird immer nur für die eine Seite der Schuldige sein, während er es für die Gegenseite nicht sein wird.

Dort, wo man das Gewehr in die Hand nimmt, endet die Gerechtigkeit. Wenn ein Mensch zur Waffe greift, ist es bereits unwichtig, welche Motive

ihn dazu bewogen haben. Diese könnten zwar anfangs wohlwollender Natur gewesen sein, doch früher oder später findet man sich doch auf der Seite des Bösen wieder. So gibt es einen Film, in dem die Hauptrolle, ein Geistlicher, sagt: „In der Bibel steht: Du sollst nicht töten! Und über diesem Satz steht kein Verweis auf eine Fußnote. Denn das Gebot betrifft alle Situationen. Du sollst einfach nicht töten – das ist alles."

Dem Bösen kann man lediglich mit Gutem begegnen. Indem man den Flüchtlingen und all jenen hilft, die Hilfe brauchen – sei es mit Geldspenden und Kleidung, oder mit Gebeten. Jeder so, wie er kann. Man darf all dem nicht bloß zusehen oder andere Menschen in den sozialen Netzwerken beschimpfen und erniedrigen. Man darf sich nicht zur Waffe dieses Krieges machen. So sagt man, dass solange das Gute überwiegt und das Böse noch nicht die Oberhand gewonnen hat, die Welt nicht untergehen wird. Wenn sie untergeht, dann wird nicht einer daran schuld sein, sondern wir alle.

 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst beim Magazin "Ogonjok"

Olga Allenowa ist Journalistin und Sonderberichterstatterin der russischen Tageszeitung „Kommersant". Sie verfasste Reportagen zu den Terroranschlägen im Dubrowka-Theater und in Beslan sowie zu den Ereignissen in Inguschetien, Südossetien, Kabardino-Balkarien, Georgien, Abchasien, Aserbaidschan und in Bergkarabach. Zudem schrieb Allenowa das Buch „Tschetschnja rjadom" (zu Deutsch: „Tschetschenien ist ganz nah"). Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Preise.

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