Journalismus im Kriegsgebiet: Eine Frage der Ethik

Bild: Natalia Michajlenko

Bild: Natalia Michajlenko

Am 5. September 2014 verschwand Andrej Stenin, ein Fotograf der russischen Nachrichtenagentur Rossija Segodnja, in der Ostukraine spurlos. Nach Angaben des Sicherheitsdienstes der Ukraine soll er an Folterungen ukrainischer Soldaten beteiligt gewesen sein, Beweise dafür gibt es nicht. Der unabhängige Fotograf Denis Sinjakow geht für RBTH der Frage nach, inwieweit Journalisten in Kriegsgebieten Beteiligte des Geschehens sind. Nachtrag: Erst jetzt, einen Monat nach Verschwinden von Andrej Stenin, wurde bekannt, dass das Auto des Fotografen beschossen und in Brand gesteckt worden war. Alle Insassen, darunter auch Stenin, sind dabei ums Leben gekommen. Dies bestätigten mehrere unabhängige Quellen.

Das Verschwinden von Andrej Senin ist eine große Tragödie für seine Familie, für ihn selbst und seine Kollegen. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er lebt und nach Hause zurückkehren wird, den ukrainischen Militärs wiederum, sofern er in ihrer Gewalt ist, dass sie ihn freilassen.

 

Schütze dich selbst

Hunderte Fotografen setzen derzeit an irgendeiner Frontlinie in Syrien ihr Leben aufs Spiel und hoffen, ihre Bilder der „New York Times“ verkaufen zu können. Jeder hält sich selbst für einen Journalisten und nicht für einen Kriegsfotografen. Oft klaffen Selbsteinschätzung und Realität allerdings weit auseinander. Ich empfehle jedem Journalisten, sich vor einer Reise in ein Kriegsgebiet die Frage des „Wozu?“ zu stellen. Was möchte man als Fotograf über diesen Krieg erzählen? Gedanken der Art, die Bilder könnten die Welt verändern, sind Unsinn, an den ein Journalist selbst nicht glaubt. Auch wird er von keiner Redaktion gezwungen, dorthin zu fahren. Es ist seine freie Entscheidung. Er sollte daher auch selbst für seine Sicherheit sorgen.

Ich erinnere mich an Fälle, in denen junge Kollegen ums Leben kamen, weil sie nicht wussten, wie sie mit den Menschen im Krieg reden sollten. Die Redaktionen können ihre Mitarbeiter leider nicht vor solchen Gefahren schützen. Schließlich sind diese die Quellen der Information, nicht umgekehrt. Damit bleibt es auch deren Aufgabe, die Risiken abzuwägen. Eine Redaktion wird ihre Mitarbeiter lediglich dazu anhalten, kugelsichere Westen zu tragen. Wer dieser Anweisung nicht folgt, ist im Schadensfall nicht versichert.

 

Mittendrin, statt nur dabei: Eine Frage der journalistischen Ethik

Die ethische Frage des Journalismus über die unmittelbare Beteiligung am Kriegsgeschehen wird sehr häufig diskutiert. Eine eindeutige Antwort scheint es nicht zu geben. Unter den Kriegsjournalisten sind relativ viele Personen mit moralisch nicht gerade strengen Prinzipien anzutreffen. Fotojournalisten sind noch dazu in ihrer Mehrheit dumm. Wird in der Metro jemand verprügelt – wie viele Augenzeugen werden ihm zur Hilfe kommen? Maximal wohl zehn Prozent der Anwesenden. So ist es auch mit den Journalisten – sie engagieren sich nicht für die Opfer von Kriegshandlungen, werden aber auch an keinen Metzeleien teilnehmen. Kamera und Notizblock tragen weder zu Mut noch zu Ehrlichkeit und Moral bei.

Auf Seminaren für Journalisten, die in Krisenregionen arbeiten, brachte man uns bei, Verletzten Hilfe zu leisten. Von einem einwöchigen Kurs waren fünf Tage diesem Thema gewidmet. Ob ich mein Wissen anwenden und mutig genug sein werde, einer wahnsinnig gewordenen bewaffneten Menge gegenüberzutreten und „Stopp“ zu sagen, weiß ich nicht. Ich wünsche mir, dass es so wäre. Niemand aber weiß, wie er sich im Ernstfall verhalten würde.

Mein Kollege, der Fotograf Sergej Maksimischin, zitiert gerne eine Redewendung: „Krieg beginnt, wenn der CNN kommt, er ist beendet, wenn seine Leute wieder wegfahren.“ Leider ist das so. Viele Meisterwerke des Fotojournalismus wären ohne den Journalisten nicht zustande gekommen, weil sich ohne ihn eine solche Situation erst gar nicht ereignet hätte. Ich möchte gerne glauben, dass die gegenteilige Behauptung ebenfalls wahr ist und die Gegenwart einer Kamera irgendjemanden je von einem Verbrechen abgehalten hat. Ich fürchte aber, das kommt eher selten vor.

 

Wo bleibt die Solidarität unter Journalisten?

Ich erinnere mich an keinen Fall, in dem die Medienbranche in Russland gemeinschaftlich für jemanden eingetreten wäre. Eine solche Gemeinschaft gibt es nicht und wird es auf lange Sicht nicht geben. Sie kann nicht entstehen, solange es normal ist, dass Journalisten gegenseitig aufeinander einhacken und staatliche Fernsehsender sich erdreisten, einen Beitrag über einen hervorragenden Journalisten mit den Worten zu unterlegen, „ein Journalist mit doppelter Staatsangehörigkeit entpuppte sich als Informant des ‚Rechten Sektors‘“.

Es gibt daher heute nur vereinzelte Gruppen von Journalisten, die bestimmte ethische und moralische Prinzipien anerkennen und jemanden aus ihren Reihen unterstützen. Und das ist durchaus anzuerkennen. Manchmal ist der Beistand aus den eigenen Reihen und durch angesehene Kollegen wichtiger als die Unterstützung durch andere Personen. Leider kommt es auch vor, dass eine andere Gruppe alles daran setzt, einem Berufskollegen zu schaden. So war es in meinem Fall nach der Festnahme in der Barentssee (Sinjakow wurde mit einer Gruppe von Greenpeace-Aktivisten festgenommen, die die russische Öl-Plattform Priraslomnaja besetzt hatten, und saß fast zwei Monate lang in Untersuchungshaft, Anm. d. Red.). Ein ähnliches Schicksal widerfährt derzeit Andrej.

Ich kann nicht sagen, was genau einen Journalisten zum Journalisten macht, unter anderem auch in Kriegssituationen. Bestimmt sind es weder die Akkreditierung noch der Auftrag einer Redaktion, obwohl beides juristisch erforderlich sein kann. Es ist wohl eher seine Autorität, die aus der Arbeit und seiner persönlichen Entwicklung entsteht. 

Ich weiß nicht, welche Fragen sich Andrej gestellt hat, als er sich auf den Weg zum nächsten Kriegsschauplatz machte und was er mit seinen Aufnahmen erzählte. Ich kenne seine Bilder nicht. Aber dass er ein Journalist ist, steht außer Frage. 

 

Denis Sinjakow ist ein unabhängiger Fotograf. Zu unterschiedlichen Zeiten arbeitete er mit Reuters, Lenta.ru und Greenpeace zusammen. Seine Arbeiten erscheinen in russischen und ausländischen Medien.

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