Warum ist Russland am Rande der Rezession?

Bild: Tatjana Perelygina

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Der Hauptgrund für die Stagnation der russischen Wirtschaft besteht darin, dass sich das Modell des Wirtschaftswachstums der 2000er Jahre, das auf einer beständig wachsenden Nachfrage beruhte, erschöpft hat, mein der Ökonom Wladimir Mau.

Russlands Wirtschaft ist im zweiten Quartal dieses Jahres nur um 0,8 Prozent gewachsen. Einige Ökonomen sehen diesen Absturz als Rezession vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise. Doch in der Realität hat die Verlangsamung des Wachstums in Russland andere Gründe.

Gegenseitige Sanktionen sind ohne Zweifel eine bedrohliche Angelegenheit, der Handelskrieg zwischen Russland, Europa und den USA kann zu nichts Gutem führen. Gleichzeitig durchläuft die Welt eine globale Systemkrise, die mit den Krisen in den 1930ern und 1970ern vergleichbar ist. Das ist eine sehr schwierige Situation, aber die Sanktionen sind weder für die russischen noch für die europäischen Probleme die Ursache: Diese sind viel früher entstanden. Die Sanktionen sind eher eine Folge der Krise.

Für die Wirtschaft Europas war ein niedriges oder gar kein Wachstum in den vergangenen Jahren die Norm, heute balanciert auch Russland am Rande der Rezession. Diese Entwicklung hat mehrere Gründe. Erstens: Russland realisiert seinen Außenhandel zu mehr als 50 % mit den Ländern der Europäischen Union. Wenn diese Länder – wie in den vergangenen Jahren geschehen – schwächeln, wird es auch in Russland kein dynamisches Wachstum geben. Zweitens gibt es zyklische Gründe: Große, meist staatliche Konzerne haben ihre Investitionen heruntergefahren. Die Olympischen Winterspiele in Sotschi haben das Finanzpolster der Unternehmen zusätzlich stark belastet. Der Investitionszyklus 2012-2013 ist abgeschlossen, ein neuer ist nicht in Sicht. Drittens ging der Staat bereits im Krisenjahr 2008 an seine Reserven und stützte die heimische Wirtschaft zur Ankurbelung der Konjunktur. Jetzt sind die Ressourcen aufgebraucht.

Doch der Hauptgrund für die Stagnation der russischen Wirtschaft besteht darin, dass sich das Modell des Wirtschaftswachstums der 2000er Jahre, das auf einer beständig wachsenden Nachfrage beruhte, erschöpft hat. Als die Weltmarktpreise für Erdöl nicht mehr stiegen und interne Probleme an die Oberfläche kamen, stellte sich ein Effekt ein, den die Ökonomen als die „Falle des mittleren Einkommens" bezeichnen. Russland hat sich zu einem Land mit hohen Arbeitskosten und schlecht funktionierenden Wirtschaftsinstitutionen entwickelt. Im „Doing Business-Report" der Weltbank schloss Russland beim Pro-Kopf-BIP zu den entwickelten Länder auf, blieb aber im Ranking der Qualität der Institutionen auf dem Niveau von Entwicklungsländern. Heute ist dies das eigentliche Strukturproblem der russischen Wirtschaft, was internationale Investoren mit einem Engagement in Russland zögern lässt. Die Geschäftswelt ist zwar bereit, relativ schlechte

Institutionen bei niedrigen Kosten zu tolerieren oder für gute Institutionen mehr zu zahlen. Doch die Kombination schlechter Institutionen und hoher Arbeitskosten ist für Unternehmen nicht akzeptabel und lässt den Zufluss an Kapital versiegen.

Aus der Wirtschaftsperspektive liegen die Schritte, die jetzt unternommen werden müssen, auf der Hand: Gerade jetzt ist ein Übergang von der „Nachfragewirtschaft" zur „Angebotswirtschaft" notwendig, zu einem wirtschaftlichen Umfeld mit stabilen und vorhersehbaren „Spielregeln", günstigen Kreditmöglichkeiten (was eine niedrige Inflation erfordert) und akzeptablen Steuern. Zudem muss der Produktionssektor stärker gefördert werden. Angesichts der politischen Spannungen um die Ukraine hofft ein Teil der politischen Elite Russlands auf die Fähigkeit der Gesellschaft zu einer gewissen Mobilisierung. Eine viel effektivere Antwort auf die Sanktionen der USA und der EU wäre anstelle des Importstopps für Nahrungsmittel eine wirtschaftliche Liberalisierung gewesen, die die Modernisierung von Institutionen vorantreibt, die für ein Wachstum unabdingbar sind. Diesen Weg ist übrigens China gegangen, das nach den Ereignissen von 1989 auf dem Tian'anmen-Platz internationalen Sanktionen entgegensehen musste. Dank zügiger liberaler Reformen begann schon bald darauf im Jahr 1992 ein Investitionsboom.

Zu den Problemen Russlands zählt auch das Sozialsystem. Das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie das Rentensystem stammen noch aus der

industriellen Phase des Landes und entsprechen den Bedürfnissen dieser Epoche. Die Menschen arbeiteten meist ein Leben lang in einem Beruf und starben, bevor sie das Rentenalter erreicht hatten. Heute haben wir eine ganz andere Situation: Die Menschenlernen ein Leben lang und wechseln ihre Berufe. Ärztliche Hilfe nimmt man nicht nur im Notfall in Anspruch, sondern auch zur Vorbeugung, was das Gesundheitswesen stark belastet.

Während Russland diese Aufgaben angeht, muss es gleichzeitig die größte Errungenschaft der letzten zehn bis 15 Jahre erhalten: die makroökonomische Stabilität. Diese Stabilität ist nur schwer zu erschaffen, aber sehr leicht zu zerstören.


Wladimir Mau ist Rektor der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten der Russischen Föderation.

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