Wer hat Angst vor einer multipolaren Welt?

Bild: Tatjana Perelygina

Bild: Tatjana Perelygina

Nach dem Ende des Kalten Krieges hat es der Westen versäumt, an die Stelle des bipolaren Weltbildes ein multipolares treten zu lassen. Stattdessen wird aktuell versucht, Russland zu isolieren. Das könnte negative Folgen für die Lösung globaler Probleme nach sich ziehen.

Hundert Jahre sind seit Beginn des Ersten Weltkrieges vergangen. Damals hatte es den Anschein, als hätte die Menschheit bereits ein hohes Maß an gegenseitigem Verständnis und Fortschritt erreicht. Dennoch führten Widersprüche in der zivilisatorischen Entwicklung zu Millionen von Toten. Das große kulturelle und intellektuelle Potenzial der europäischen Zivilisation konnte auch den Zweiten Weltkrieg nicht abwenden, der unter anderem durch eine fremdenfeindliche Rassentheorie, die sogar in den hoch entwickelten europäischen Nationen Zustimmung fand, ausgelöst wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Kalte Krieg. Vor einem Vierteljahrhundert fielen die ideologischen Voraussetzungen für dessen Fortführung weg, der Ostblock löste sich auf, die Sowjetunion zerfiel. Diesem Beispiel folgten jedoch nicht die früheren Gegner dieses Blocks, die ihre militärpolitischen Strukturen nicht nur bewahrten, sondern noch ausbauten. So wurden die Voraussetzungen für neue Spaltungen und Widersprüche in Eurasien begründet. Vor diesem Hintergrund sind die Ereignisse der letzten Jahrzehnte zu betrachten, angefangen mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien bis hin zum derzeitigen Ukraine-Konflikt.

In den Jahren des Kalten Krieges betrieb der Westen gegenüber der multinationalen und multikulturellen Sowjetunion eine Containment-Politik. Aber die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Der Westen hat jedoch keine andere, qualitativ neue Politik gegenüber dem modernen Russland, dem Rechtsnachfolger der UdSSR, entwickelt. Die Einbeziehungspolitik hätte anders sein können. Aber der Westen vermochte es nicht, der Versuchung zu widerstehen, sich den „Sieg" im Kalten Krieg zunutze zu machen. Dabei war das Ende des Kalten Krieges ein gemeinsamer Erfolg und ein Ergebnis von Bemühungen aller seiner Teilnehmer. Wie dem auch sei, man verhielt sich kleinkariert und teilte die Welt in „unsere Leute" und „Fremde" auf. Man stellte jeden ehemaligen Mitgliedstaat der Sowjetunion vor eine falsche Wahl: Mit uns oder gegen uns? Anfangs waren es Polen und Bulgarien, später Georgien und Moldau, heute ist es die Ukraine und später sind es vielleicht Belarus und Kasachstan.

Und Russland? Hat eigentlich der Westen eine „Russland-Strategie"? Eine wirkliche Strategie, der eine europäische Strategie, eine eurasische Strategie und eine Weltstrategie folgen? Nein, die gibt es nicht. Und hat es nie gegeben. Wenn es nämlich diese Strategie gäbe, hätten wir uns – wie seinerzeit Frankreich und Deutschland, die die heutige Europäische Union geschaffen haben – darauf konzentriert, was uns eint, statt darauf, was uns immer noch trennt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden in der Politik des Westens gegenüber Russland jedoch immer die Unterschiede betont.

 

Russland zu isolieren ist ein Fehler

Der Westen läuft Gefahr, Russland zu verlieren, indem er sich „neue Verbündete" an seinen Grenzen zulegt. Das ist eine Fehlkalkulation, Russland wird dadurch nicht untergehen. Jedoch erschwert diese Politik zugleich Alliiertenverhältnisse und Interaktion auf globaler Ebene. Solange wir nicht alle an einem Strang ziehen, kann der Terrorismus nicht besiegt werden, ist ein wirksamer Schlag gegen den internationalen Drogenhandel nicht möglich, werden globale Energieprobleme, Fragen der Ressourcenverteilung oder die Frage nach dem freien Zugang zu Trinkwasser ungelöst sowie die nachhaltige Entwicklung auf der Strecke bleiben.

Der Westen will die Situation in der Ukraine als Folge von imperialistischen Bestrebungen Russlands, das seine Nachbarländer bedroht, darstellen. Diese Reduzierung der Krise trägt jedoch keineswegs zu einer Suche nach Auswegen aus dieser Situation bei. Die tatsächlichen Ursachen für die tragischen Ereignisse in der Ukraine wurzeln vor allem in dem Versuch, den inneren Konflikt in diesem Land als Folge von widersprüchlichen Wertvorstellungen der Völker darzustellen, hinter denen eine neue Einteilung in „richtige", also in solche, die bereit sind, bestimmte Werte zu übernehmen, und „falsche" Nationen steht. In Wirklichkeit beruhen die Konflikte, die man als Zivilisationskonflikte darstellen will, meistens auf wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Sie sind mit einem sinkenden Lebensstandard, einer schwachen nationalen Entwicklung und einem Gefälle in der Aufteilung von Wirtschaftsgütern und globalen Ressourcenströmen verbunden.

Im Fall der Ukraine wurden all diese Probleme noch durch Bestrebungen von Nationalisten zugespitzt, die historischen, nationalen und kulturellen Traditionen des eigenen Landes zu ignorieren, es in „unsere Leute" und „Fremde" aufzuteilen und anschließend in ein Land nur für Ukrainer zu verwandeln. Die unvermeidlichen Folgen einer solchen Politik variieren von Handgreiflichkeiten gegen Bürger, die mit dieser Politik nicht einverstanden sind, bis hin zu einem landesweiten Bürgerkrieg. Wobei dies in erster Linie durch eine vorbehaltlose Unterstützung, die die ukrainischen Nationalisten aus dem Ausland genießen, ermöglicht worden ist.

Das russische Beispiel zeugt hingegen davon, dass ein Miteinander von verschiedenen Ethnien, Kulturen und Religionen im Rahmen eines

einheitlichen Staates über Jahrhunderte möglich ist. Die russische Geschichte ist im Grunde genommen die Geschichte eines Dialogs zwischen Zivilisationen. Er verlief nicht immer ideal. Unser Land vermochte es jedoch, für das allgemeine Wohl Modelle für ein Miteinander zu finden. Daher sind seine Erfahrungen einzigartig und einer Untersuchung wert. Vielleicht war Russland gerade wegen seiner zivilisationsbedingten Besonderheiten niemals eine Kolonialmacht, sondern trug vielmehr zum Zerfall des Kolonialsystems in der Welt bei.

Russland ist nach wie vor bereit, seinen Beitrag zur Entwicklung des Zivilisationsdialogs zu leisten, weil es keine Alternative dazu sieht. Genauer gesagt, sieht es, wie Szenarien, die als Alternative vorgeschlagen worden sind – insbesondere Modelle für eine unipolare Weltordnung – in eine Sackgasse geführt und eine Gefahr dargestellt haben. Die Menschheit tritt, wenn auch schmerzhaft, in ein neues Zeitalter ein, das Zeitalter der multipolaren Weltordnung. Man sollte sich lieber darauf einstellen, anstatt sich an Praktiken aus der Vergangenheit zu klammern.

Konstantin Kossatschow ist Leiter der Föderalagentur Rossotrudnitschestwo für Angelegenheiten der GUS, für Fragen der im Ausland lebenden Mitbürger und für internationale humanitäre Zusammenarbeit.