Ein Europa, das wir verloren haben

Bild: Alexej Jorsch

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Auch 25 Jahre nach dem Mauerfall sind die Ursachen der Teilung noch nicht verschwunden, meint der Politologe Fjodor Lukjanow.

Die Berliner Mauer war das Symbol einer absurden ideologischen Konfrontation. Mit ihrem Ende, so hätte man denken können, wären auch alle Ursachen der Teilung verschwunden. Aber es zeigte sich, dass der Wunsch ein gemeinsamer war, der Weg aus dieser Konfrontation jedoch vollkommen unterschiedlich gesehen wurde.

Gorbatschow ging davon aus, dass die Architektur des gemeinsamen europäischen Hauses von den „Ingenieuren" der beiden ehemaligen Lager gemeinsam entwickelt werde. In diesem Sinne folgte Gorbatschow, auch wenn er dies wahrscheinlich nicht wollte, der Logik des Wissenschaftlers und Dissidenten Andrej Sacharow mit dessen Aufruf zu einer Konvergenz von Kapitalismus und Sozialismus.

In der Praxis hat der Westen den Zerfall der UdSSR als Beleg dafür gewertet, dass sein Weg der uneingeschränkt richtige war, sowohl moralisch als auch historisch und ökonomisch. Und was eine stufenweise, ausgewogene Annäherung, ein qualitativ neues Konstrukt werden sollte, verwandelte sich binnen kurzer Zeit in eine Aufteilung des „sowjetischen Erbes".

Dieser Ansatz für die Errichtung eines „gemeinsamen europäischen Hauses" konnte nach westlichen Maßstäben nur in einem einzigen Falle zum Erfolge führen – wenn auch Russland das Schicksal der Sowjetunion geteilt hätte. Wäre Russland auseinandergefallen, wären wohl seine Bestandteile früher oder später vom europäischen Integrationsprozess in der einen oder anderen Form verdaut worden. Einen anderen Weg als die einseitige Verbreitung seines juristischen und normativen Raums auf die Nachbarstaaten hat die Europäische Union nicht gekannt.

Russland als gleichberechtigten Miterbauer eines neuen Europas anzuerkennen, war der Westen nicht in der Lage. Mit einer Rolle als Juniorpartner gab Russland sich jedoch nicht zufrieden.

Wenn die Sowjetunion – nicht etwa als kommunistisches Imperium, sondern als eine durch den gegenteiligen Vorteil zusammengehaltene Vernunftgemeinschaft – erhalten geblieben wäre, hätte Europa sich wirklich auf der Grundlage gleichberechtigter Prinzipien vereinigen können. Diese Integration hätte auf zwei Säulen gestanden: Brüssel und Moskau. Und die Frucht dieser Konvergenz wäre eine qualitativ vollkommen andere Struktur

gewesen. Und natürlich hätte 25 Jahre später nicht die Frage einer neuen Aufrüstung Zentraleuropas und einer Rückkehr der Gefahr für die europäische Sicherheit im Raume gestanden.

Mag sein, dass dies nur eine Utopie war. Zu dem Zeitpunkt, als beschlossen wurde, das gemeinsame europäische Haus zu errichten, war es bereits zu spät. Die Sowjetunion überschritt den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab, und ihre westlichen Opponenten spürten die Möglichkeit eines bedingungslosen Sieges und waren an Verhandlungen fortan nicht interessiert.

Wenn dies so ist, könnte das Europa, das wir verloren haben, nur in den Köpfen von Idealisten existieren – wo es auch immer bleiben wird. Es würde sich im Gedächtnis einprägen, zusammen mit den unwahrscheinlich berührenden Bildern aus dem Spätherbst 1989, als Tausende glückliche Berliner frohlockten, dass die Mauer weg ist. Und ehrlichen Herzens glaubten, dass es nie wieder eine Mauer geben wird.


Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Foreign Affairs.

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