Freier Rubel schützt Russland vor Inflation

Bild: Konstantin Maler

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Die Zentralbank der Russischen Föderation verkündete den endgültigen Übergang zur Politik eines „frei floatenden Rubelkurses“ und der Abschaffung aller Kurs-Grenzen, Korridore und sonstiger Attribute einer Politik der Währungssteuerung. Welche Auswirkung wird das in der Praxis haben und wie wird sich dies auf den Anstieg der Inflation in Russland auswirken?

Vor allem sollte nicht vergessen werden, dass die russische Wirtschaft im Wesentlichen vom Erdölpreis abhängt. Diese Abhängigkeit findet ihren Ausdruck in einem kontinuierlichen Anstieg der Erdölpreise in Rubel. Bei steigenden Erdölpreisen auf dem Weltmarkt konnte die Landeswährung in den Jahren 2003 bis 2010 einen festen Kurs halten. Mit der zunehmenden Stabilisierung der Preise in US-Dollar aber und deren Verfall seit 2011 begann der Rubel zu schwächeln. In diesem Jahr kann man sogar von einem Kursabsturz sprechen. Gleichzeitig blieben die Rubelpreise für Erdöl annähernd auf demselben Niveau, da die nationale russische Währung in etwa gleichem Maße an Wert verlor.

Dieser anhaltende Trend wird vor allem durch die Struktur der russischen Wirtschaft und die Haushaltslage diktiert. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds trägt der russische Staat in diesem Jahr mit mehr als 70% zum BIP bei. In den vergangenen zehn Jahren nahm der Anteil der Ausgaben des Staates für den Sozialbereich, das Rentensystem und die Verteidigungsausgaben kontinuierlich zu. Dabei stammt der Großteil des Steueraufkommens von Unternehmen mit staatlicher Beteiligung. Deren Einnahmen hängen in starkem Maße entweder, wie im Fall des staatlichen Eisenbahnmonopolisten RZD, von indizierbaren staatlichen Tarifen oder aber, wie im Fall der petrochemischen Giganten Gazprom und Rosneft, von der internationalen Konjunktur und vom Rubelkurs ab. Um die Rentabilität ihrer Unternehmen zu sichern und dem Staat die notwendigen Steuern abführen zu können, sind die Unternehmen an einem Ansteigen der Tarife und der Rubelpreise der zu exportierenden Rohstoffe interessiert.

Vom Standpunkt des Staates hat der Übergang zu einem frei floatenden Rubelkurs seinen Grund in einem Wechsel zur Politik der Inflationsdämpfung. Wie aber wird das bei einem solchen Wirtschaftsmodell funktionieren? Erstens wird sich der Währungsmarkt in einem äußerst instabilen Zustand befinden, da die externe Nachfrage nach Rubel vor allem

durch Exporteure und ausländische Investoren gespeist wird und diese unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht daran interessiert sind, einheimische Aktiva zu erwerben. Für sie ist es günstiger, bei den Banken kurzfristige Kredite mit einem Zinssatz von zehn bis 15% p.a. aufzunehmen, um die Steuern zu zahlen und später einen Gewinn aus den Valutaeinnahmen einzustreichen. Zweitens muss die Zentralbank Russlands, um das fragile Gleichgewicht auf dem Währungsmarkt zu unterstützen, eine äußerst rigide Kreditpolitik führen, was zweifelsohne eine negative Auswirkung auf das Wirtschaftswachstum hat, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Jahresende die Inflation drücken wird. Zumindest sollte die 2014 durchgeführte monetäre Straffung zu diesem Effekt führen.

Drittens werden die anhaltenden geopolitischen Spannungen zu einem weiteren Kapitalabfluss führen, vor allem, weil die Auslandsschulden getilgt werden müssen. Die Auslandsschulden Russlands betragen gegenwärtig mehr als 600 Milliarden US-Dollar und, in Abhängigkeit vom Tilgungsplan, wird sich dessen notwendige Finanzierung wesentlich auf die Investitionsentscheidungen der russischen Großunternehmen und Banken auswirken. Der Abfluss des Kapitals verschärft die Finanz- und Kreditbedingungen in der Wirtschaft noch mehr und erfordert von der Zentralbank Russlands eine Erweiterung der Binnenkredite, was allerdings im Widerspruch zu der Notwendigkeit steht, die Stabilität auf dem Währungsmarkt zu sichern.

Unterm Strich basiert die Politik der Zentralbank auf dem Einsatz des Zinssatzes als Hauptinstrument zur Inflationssenkung. Allerdings könnte der Preis, der gezahlt werden muss, um das gestellte Ziel zu erreichen, äußerst hoch sein – eine Verringerung des Wirtschaftswachstums, die Umwandlung

der Sparguthaben in US-Dollar (die Sparer, die ihre Guthaben in Rubel angelegt haben, mussten Verluste von etwa 20 bis 30% hinnehmen) sowie ein Rückgang des allgemeinen Lebensniveaus der Bevölkerung. Wenn die erste, schmerzhafte Phase der Anpassung an die neue Wirtschaftspolitik überwunden sein wird, werden wir möglicherweise in Russland vor dem Hintergrund einer geringeren Inflation ein Wirtschaftswachstum erleben. Ohne eine Erweiterung des Kreditrahmens und einen niedrigen Zinssatz erscheint dies allerdings nicht sehr wahrscheinlich.


Konstantin Korischenko ist Leiter des Lehrstuhls Fondsmärkte und Finanzengineering an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst sowie ehemaliger Vize-Direktor der Zentralbank Russlands.

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