Warum Russland gegen den NATO-Beitritt der Ukraine ist

Bild: Alexej Jorsch

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Eine Provokation von außen kann die politische Stabilität der postsowjetischen Länder zerstören, meint der Politologe Andrej Suschenzow.

Stellen wir uns einmal vor, dass vor 23 Jahren nicht die Sowjetunion, sondern die Vereinigten Staaten auseinandergefallen wären. Die Küsten- und Grenzstaaten Washington, Kalifornien, Arizona, New Mexico, Texas, Florida und Georgia hätten sich von den USA abgespalten. Die ehemaligen Vereinigten Staaten hätten ihren direkten Zugang zum Pazifischen Ozean verloren, und wichtige Objekte der staatlichen Infrastruktur wären auf dem Territorium anderer Staaten verblieben – das Weltraumflugzentrum, Militärbasen und -häfen, Erdölpipelines und Eisenbahnmagistralen, GPS-Knoten und Industriezentren.

Vor diesem Hintergrund hätte nun ein einflussreiches und aktives Europa sein Engagement in Nord- und Lateinamerika verstärkt. Die externe Kraft hätte den ehemaligen US-amerikanischen Staaten den Beitritt in ihr Militärbündnis und eine Wirtschaftsintegration unter der Losung „Staaten haben das souveräne Recht, ihren eigenen Weg zu gehen" angeboten. Zwischen den USA und dieser externen Kraft beginnt nun ein „Nullsummenspiel". Die Differenzen führen zu einem Konflikt um das Weltraumflugzentrum in Cape Canaveral und den Flottenstützpunkt in San Diego. In dieser Auseinandersetzung dehnt die externe Kraft ihr Einflussgebiet aus, und die USA verteidigen ihre Interessen.

Mit einer solchen Logik lässt sich auch die Politik Russlands in der Ukraine erklären, das dort seine Interessen verteidigt – seine Militärbasis auf der Krim, den Erdöl- und Erdgastransit nach Europa, die Industrie- und Handelskooperation sowie die Rechte der russischen Bevölkerung. An der Stelle Moskaus hätten die USA genauso gehandelt.

Aber gegenwärtig dehnt nicht Europa seine Präsenz in der Neuen Welt aus, sondern die NATO und die USA erweitern ihr Engagement in der Alten Welt. Große Länder außerhalb der NATO stellen sich jedoch die Frage, welche Rolle diese Allianz auf dem Kontinent spielt und gegen wen sie sich zu verteidigen beabsichtigt.

In Bezug auf die ukrainische Krise wies der Vize-Generalsekretär der NATO, Alexander Vershbow, darauf hin, dass die NATO Russland als Gefahr ansehe. Er wiederholte das, was vor ihm bereits einzelne US-Senatoren sowie die Staatsoberhäupter des Baltikums und Polens erklärt hatten. Nicht alle in der NATO verstehen, 
dass die Staaten des postsowjetischen Raums äußerst zerbrechliche Gebilde sind. Eine Provokation von außen vermag die

politische Stabilität dieser Länder zu zerstören und damit auch die Grundlage für deren wirtschaftliche Prosperität.

In den letzten Jahren hat Russland versucht, seine Position als dynamischer Kern Eurasiens zurückzuerobern. In der Ukraine kollidiert dieser Prozess mit der Ausdehnung des westlichen Einflusses nach Osten. Die USA haben den Umsturz in Kiew nicht initiiert. Aber sie erkannten die Situation und beschlossen, sie zur Festigung ihrer eigenen Position auszunutzen, um so die Spaltung der ukrainischen Gesellschaft voranzutreiben. Die neue Regierung in Kiew hat versucht, die USA und die NATO für ihren Kampf gegen Russland genauso auszunutzen, wie dies einst Michail Saakaschwili tat, als er im Jahr 2008 die russischen Friedenstruppen in Südossetien angriff. Mit seiner Unterstützung der europäisch-atlantischen Integration der Ukraine zerreißt der Westen dieses Land in zwei Teile und fügt damit seinem Verhältnis zu Russland einen irreparablen Schaden zu.

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