Privates statt Politik: Russen haben genug von der Welt

Bild: Alexej Jorsch

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Die Russen interessieren sich kaum noch für das Weltgeschehen, wie Umfragen des Lewada-Zentrums zeigen. Der Soziologe Denis Wolkow spricht von einer freiwilligen Selbstisolation. Die Ursache für diese Abschottung liege in einer in der Gesellschaft weit verbreiteten Gleichgültigkeit, sagt er.

Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum führt regelmäßig Erhebungen zur öffentlichen Meinung in Russland durch. Untersucht werden die Beliebtheit prominenter Persönlichkeiten des Landes und die Einstellung der Bevölkerung zu wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. Jeden Monat werden die Teilnehmer der Erhebung zudem gefragt, welchen Ereignissen sie eine große Bedeutung beimessen. Der Vergleich der Jahre 2013 und 2014 zeigt, dass die Antworten von der Medienberichterstattung beeinflusst werden.

2013 fielen die Antworten noch sehr gemischt aus. Die Befragten nannten als wichtige Ereignisse unter anderem den Taifun auf den Philippinen, den olympischen Fackellauf, die Überschwemmungen im russischen Osten, die Begnadigung Chodorkowskis, den Euro-Maidan, den Tod von Nelson Mandela, die Unruhen im Moskauer Randgebiet Birjulewo aber auch solche Ereignisse wie die Geburt der Zwillinge der russischen Schlagersängerin Alla Pugatschewa und ihres 27 Jahre jüngeren Ehemannes, die Pugatschewa im Alter von 64 Jahren zur Welt brachte. Über all diese Ereignisse wurde auch in anderen Teilen der Welt berichtet.

Ein Jahr später sieht die Situation anders aus. Die Top-10-Themen des Jahres drehten sich in Russland um die Ukraine-Krise, die Konfrontation mit dem Westen und die Folgen davon. Besonders beschäftigte die Russen der dramatische Verfall der Landeswährung. Zu sehr sind die Russen inzwischen mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, sodass das Interesse für andere internationale Themen deutlich abgenommen hat. Die Ebola-Epidemie, das Referendum zur schottischen Unabhängigkeit und auch die zahlreichen internationalen Gipfeltreffen fanden nahezu keine Beachtung. Nach zahlreichen Meinungsumfragen verhält sich die absolute Mehrheit der Russen (65 Prozent) in hohem Maße gleichgültig gegenüber internationalen Konflikten wie in Syrien, Palästina, Libyen oder Ägypten. Auch die Präsidentschaftswahlen in den USA, der Ukraine und anderen Ländern der Welt interessieren nicht. Zum Jahresende hin rückten zudem die Themen Ukraine-Krise und Konfrontation mit dem Westen – zum Jahresanfang noch ganz oben auf der Liste wichtiger Themen – mehr und mehr in den Hintergrund und die Aufmerksamkeit der Russen galt nun ganz der Rubelschwäche und dem Ölpreisverfall.

 

Eine Meinung ist genug?

Wie kommt es, dass sich die Russen nur noch für sich selbst und nicht mehr für den Rest der Welt interessieren? Eine zentrale Rolle spielt dabei die russische Medienlandschaft. In Russland informieren sich mehr als 90 Prozent der Bevölkerung über die Geschehnisse im eigenen Land

vorwiegend durch die Berichterstattung im Fernsehen. Für mehr als die Hälfte der Russen ist das Fernsehen praktisch die einzige Nachrichtenquelle.

Die direkt und indirekt staatlich kontrollierten Fernsehsender Perwyj Kanal, Rossija, NTW und Rossija-24 haben die größte Reichweite, sie schaut der Großteil der Russen. Die nicht-staatlichen russischen Medien erreichen in der russischen Bevölkerung insgesamt einen Anteil von nicht mehr als zehn bis 15 Prozent. Unmittelbar mit Beginn der ersten Unruhen in der Ukraine, die bald als Euro-Maidan bezeichnet wurden, begannen die staatlichen Medien mit einer umfangreichen Berichterstattung über die Ereignisse im Nachbarland. Die Ukraine dominierte im Frühjahr den Großteil die Nachrichtensendungen. Nach Einschätzung der bekannten Fernsehkritikerin Arina Borodina hat kein anderes politisches Ereignis ein so breites Zielpublikum erreicht – nicht einmal die Wahl Putins zum Präsidenten oder der Georgien-Krieg 2008 stießen auf solches Interesse.

Doch trotz der Informationsoffensive fühlen sich die Russen nur wenig aufgeklärt. Sie geben zu, sich mit dem Geschehen nicht genau auszukennen, die Nachrichten nur halbherzig zu verfolgen. Für Einzelheiten interessierten sie sich nicht besonders und sie seien auch nicht bereit, nach einer alternativen Berichterstattung zu suchen, erklärten sie in den Erhebungen. Nur zwölf Prozent der Russen gaben an, öfter eine Meinung zu suchen, die vom offiziellen Standpunkt abweicht, 46 Prozent gaben an,

manchmal Zugang zu alternativen Meinungen zu suchen. 37 Prozent interessieren sich dafür allerdings gar nicht.

Die Schuld dafür alleine bei den staatlichen Medien zu suchen wäre zu kurz gedacht. Einen Nährboden für diesen Trend bietet auch das in Russland weit verbreitete Desinteresse gegenüber allem, was sich nicht im engsten Kreis von Verwandten, Freunden und Bekannten abspielt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die drohende Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen die Russen bereits zu spüren bekommen, die Selbstbezogenheit der russischen Bevölkerung auf die eigenen Probleme verstärken. Und bei solcher Selbstisolation rückt die Eingliederung des Landes in internationale Strukturen in noch weitere Ferne.

Denis Wolkow ist ein führender Soziologe des Lewada-Zentrums. Die Kolumne basiert auf den Angaben des Lewada-Zentrums.

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