Liberalismus als Lebensstil

Bild: Grigorij Awojan

Bild: Grigorij Awojan

Boris Nemzow spiegelte die gesamte Entwicklung der Übergangszeit in Russland wieder, meint die Politikerin Irina Chakamada.

Boris Nemzow wirbelte mit seinem ersten Auftreten die politische Arena Russlands auf. Er war jung, hübsch, intelligent, provokant, umwerfend charmant – die Sowjetunion hatte solche Menschen nicht gekannt.

1991 – er war gerade zum Gouverneur gewählt worden, ich startete meine Laufbahn als Politikerin. Beide waren wir Neueinsteiger in der postsowjetischen Nomenklatura, und das brachte uns natürlich einander näher. Aber bis 1997 beobachtete ich sein Agieren nur aus der Distanz, dafür jedoch mit großem Interesse.

Wenn Lew Tolstoi als Spiegel der russischen Revolution bezeichnet wird, so widerspiegelt Boris Nemzow die gesamte Entwicklung der Übergangszeit: Der Abenteuergeist, der den Menschen aus Sotschi eigen ist, die aus Sowjetzeiten stammende Beamtenhörigkeit, der romantische Glaube an den Sieg der Demokratie und das forsche Auftreten eines Komsomol-Funktionärs.

In der Regierung, in der ich 1997 mitarbeiten sollte, war er bereits ein anderer Mensch – seinen Charme und die kreative Energie hatte er sich bewahrt, aber der Enthusiasmus des Komsomolzen war dem Verantwortungsbewusstsein eines gesamtrussischen Reformers gewichen. Boris erlangt politisches Gewicht, aber anders als die meisten hatte er nicht seinen Willen verloren, die Welt zum Besseren zu verändern. Die Auseinandersetzung mit dem Oligarchen Beresowskij, der Sitzstreik der Bergleute vor dem Weißen Haus, der Staatsbankrott 1998 und die anschließende Abdankung der Regierung waren für uns alle eine große Herausforderung, aber keiner gab auf, sondern alle setzten ihre Arbeit mit noch stärkerem Eifer und größerer Energie fort – ungeachtet dessen, dass man uns bereits als politische Leichen betrachtete.

Und Boris war der Erste, der eine neue Mannschaft zusammenstellte. Was auch immer er anstrebte, das Ergebnis war für ihn immer das Entscheidende. Die Union der rechten Kräfte, die von ihm ins Leben gerufen wurde, siegte bei den Parlamentswahlen mit ihrem Spitzenkandidaten Sergej Kirijenko. Nemzow war in den letzten Jahren eine der hervorstechendsten Persönlichkeiten in der Staatsduma, in der schon nicht mehr die Kommunisten, sondern die Regierungspartei die Mehrheit hatte, und das Land bereits nicht mehr von Boris Jelzin, sondern von Wladimir Putin geführt wurde. Nemzow zog, im Gegegensatz zu Sergej Kirijenko, der recht schnell in die Exekutive wechselte, die Unabhängigkeit und die im Parlament verbliebene politische Opposition vor.

Die Zweitausenderjahre waren reich an Ereignissen: Die Geiselnahme im Musical-Theater Nord-Ost, die Chodorkowkij-Affäre, die Niederlage der beiden liberalen Parteien bei den Parlamentswahlen 2003. Nemzow erwies

sich wieder einmal außerhalb des Systems. Aber er steckte auch diesen Tiefschlag weg und brachte seine ganze Erfahrung ein, um eine Opposition „außerhalb des Systems" aufzubauen.

In dem Maße, in dem der Raum zur Umsetzung seiner Ideen schrumpfte, nahmen seine Äußerungen und seine Arbeitsmethoden an Radikalität zu.

Am Beispiel Nemzows kann man nachverfolgen, wie ein liberales Projekt aus dem System (vertreten durch den Machtapparat) auf die Straße abgedrängt wurde. Und dessen Anführer wurde nun ermordet – demonstrativ und brutal. Auf der Brücke, die sowohl zum Gotteshaus, wie auch zum Kreml führt – den beiden Symbolen des heutigen Russlands. Wurde durch diese Schüsse der Liberalismus in Russland getötet? Der Trauermarsch für Boris Nemzow, zu dem sich am 1. März Zehntausende freie Bürger aus dem ganzen Land zusammengefunden haben, gibt uns die Hoffnung, dass dem nicht so ist.

Die Autorin hat in der Regierung mit dem Vize-Ministerpräsidenten Boris Nemzow von 1997 bis 1998 dem Staatlichen Komitee der Russischen Föderation zur Unterstützung und Entwicklung des Kleinunternehmertums vorstand.Von 2000 bis 2003 war sie Vize-Präsidentin der Russischen Staatsduma.

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