30 Jahre später: Warum der Geist der Perestroika nicht mehr nachwirkt

Bild: Tatjana Perelygina

Bild: Tatjana Perelygina

Zu viel Idealismus habe zum Scheitern der Perestroika geführt, meint Politikexperte Fjodor Lukjanow, das heutige Russland sei geprägt von mangelndem Vertrauen in den Westen. Andrej Gratschow hingegen macht vor allem das westliche Siegergebaren nach dem Ende des Kalten Krieges für das aktuelle russische Misstrauen verantwortlich.

Fjodor Lukjanow: Idealismus wurde der Perestroika zum Verhängnis

Vor dreißig Jahren, 1985, wurde Michail Gorbatschow einstimmig zum neuen Generalsekretär der KPdSU gewählt. Niemand hatte damals ahnen können, welch radikaler Wandel dem Land in unmittelbarer Zukunft bevorstehen sollte.

Die Perestroika und das „neue politische Denken" waren ein einzigartiges Phänomen. Die Debatten darüber, was das eigentlich gewesen sein soll und warum es dazu kam, werden wohl nie zu einem Ergebnis kommen. Zu massiv, zu überraschend waren die Folgen. Im Zuge der scharfen Auseinandersetzung zwischen Moskau und dem Westen um die Ukraine erscheint auch die Errungenschaft fragwürdig, von der man glaubte, sie sei die wichtigste: das Ende des Kalten Krieges, das Verlassen der Systemkonfrontation.

Das „neue Denken" war derart idealistisch, dass viele Beobachter lange nicht an seine Ernsthaftigkeit glauben konnten. Man könnte viel über das professionelle Niveau der Führungsriege, den Einfluss der Wirtschaftskrise, die allgemeinen Umstände streiten, doch am Wesen der Sache ändert das nichts. Der Kreml glaubte wirklich, dass man auf der Basis allgemein menschlicher Werte und vorausgehender Demonstration guten Willens nicht nur die Konfrontation überwinden und die ideologische Unterdrückung beseitigen, sondern auch sich über die Architektur einer neuen, gleichberechtigten und gerechten Welt einigen könne.

Das politische Pendel schwingt. Je weiter es dabei in eine Richtung ausschlägt, desto heftiger fällt es zurück. Die Atmosphäre im heutigen Russland ist antithetisch gegenüber der Stimmung in der UdSSR zu Zeiten der Perestroika. Anstatt Idealismus herrscht rigoroser Realismus, manchmal auch in seinen extremen Erscheinungsformen. Geglaubt wird nur noch an die eigene Kraft. Es fehlt das Vertrauen zu den westlichen Partnern und man weigert sich, bei ihnen andere Handlungsmotive als Feindseligkeit und Eigennutz anzuerkennen.

Sich darüber wundern kann man nicht. Die Perestroika endete nicht so, wie ihre Urheber es vorgesehen hatten. Die nächste Periode in Russland bestand aus dem Versuch, den Zusammenbruch der einen durch den Aufbau der anderen Staatlichkeit zu überwinden. Die Nutznießer waren dabei die Gegner der Sowjetunion. Sich darüber zu entrüsten, dass sie ihren maximalen Vorteil verfolgten, ist sinnlos. Wer hätte an ihrer Stelle anders gehandelt? Die UdSSR hätte wohl kaum gezögert, die Niederlande oder Portugal in den Warschauer Vertrag aufzunehmen, wenn sie den Sieg im Kalten Krieg errungen hätte.

 

Eine Atmosphäre des Misstrauens

Doch nicht weniger unverständlich wäre die Erwartung, dass nach dieser Erfahrung die russische Führung ihre Illusionen über den Wunsch des Stärkeren nach freiwilliger Selbsteinschränkung aufrechterhalten würde. Und weiterhin das süße Reden davon, dass es kein Null-Summen-Spiel mehr gibt, glauben würde. Über die Lektion „humanitärer Interventionen" will ich schon gar nicht mehr reden ... Das Ergebnis all dieser Ereignisse ist das heutige Russland, das gegenüber seiner Umgebung wohl vorsichtiger eingestellt ist als die Sowjetunion zur Zeit der Perestroika.

Der Verzicht auf eine idealistische Weltauffassung ist verständlich. Besorgniserregend ist, dass der „Hyper-Realismus" enttäuschter Hoffnungen, eine Neigung zur Schematisierung, zur radikalen Vereinfachung, erzeugt. Die Unzufriedenheit mit dem Ergebnis bringt das nationale Bewusstsein dazu, in der Perestroika und ihren Folgen anstatt einer Entwicklungsetappe des Landes, die aus vorangegangenen Ereignissen folgerichtig hervorging, fast schon eine Verzerrung, die von außerhalb beigemengt wurde, zu sehen.

 

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Die Vergangenheit zu idealisieren ist menschlich, besonders bei wenig erfreulicher Gegenwart und nebulöser Zukunft. Der Gesellschaft Russlands mangelt es an Reflexion, die weder etwas mit einer beschönigenden Politur zurückliegender Wege noch mit einer masochistischen Erniedrigung dieser gemeinsam hat. Bei der Suche nach einer neuen nationalen Identität tappen die Russen noch im Dunkeln. Das führt bisweilen zum Versuch, die Geschichte, insbesondere die neueste, an die Bedürfnisse des „historischen Optimismus" anzupassen, das heißt die objektive Vergegenwärtigung ihrer tragischen, vieldimensionalen und mehrdeutigen Momente zu vermeiden.

Die Perestroika endete dramatisch. Doch ist dieses Drama es wert, nicht nur geopolitisch oder sozial-ökonomisch, sondern auch als ein für unser Land sehr wichtiges Moment menschlichen Strebens nach Läuterung und Erneuerung interpretiert zu werden. Welche Fehler auch immer begangen wurden, wie auch immer jemand sie im eigenen Interesse nutzte, die geschichtliche Bedeutung solcher Episoden ist unschätzbar. Die Perestroika zeigte, wohin überschwenkender Idealismus und übermäßiger Glaube an eine bessere Welt führt. Jetzt nähern wir uns, wie es scheint, einem anderen Bewusstsein an, dass nämlich mit Pragmatismus und Misstrauen allein etwas Beständiges auch nicht zu errichten ist.

Fjodor Lukjanow ist Präsidiumsvorsitzender des Rats für Außen- und Verteidigungspolitik.

 

Andrej Gratschow: Die Berliner Mauer fiel, die Feindbilder nicht

In Russland bleibt das Verhältnis zur Perestroika, ihren Ergebnissen und Folgen widersprüchlich. Das „Gorbatschowsche Paradoxon" besteht darin, dass sowohl seine Gegner als auch viele seiner Anhänger meinen: Die Perestroika, mit der er begann, endete in einer Katastrophe. Dabei verdammen die einen Gorbatschow dafür, dass er seine Versprechen umsetzen konnte, die anderen dafür, dass er nicht alles davon verwirklichte.

Am meisten werden dem Initiator der Perestroika inkonsequentes und zögerliches Verhalten sowie taktische Ausweichmanöver vorgeworfen. Seine Vorsicht und das Bemühen, die Gesellschaft nach vorn durchzulassen, ihr die Gelegenheit zu geben, für den Wandel zu reifen, sein Versuch, Veränderungen eher von unten anzustoßen als von oben aufzuzwingen, fassten viele als Inkonsequenz und Entscheidungsschwäche auf.

Versucht man allerdings, die wichtigsten Veränderungen, die in den Jahren in der ehemaligen Sowjetunion und der ganzen Welt geschahen, wenigstens

zu skizzieren, wird der Zickzackkurs eines vermeintlich unentschlossenen Gorbatschows zu einer nahezu geraden Linie. Ich will benennen, was meiner Ansicht nach den unteilbaren Kern der Perestroika ausmacht: Russland biss in den Apfel freier Wahlen und der Glasnost, indem es der Meinungs- und Informationsfreiheit den Status gesamtgesellschaftlicher Prioritäten zugesprochen hatte.

Nachdem Moskau auf seinen Selbstanspruch einer alternativen Gesellschaft und die Unterwerfung der Welt unter seine ideologische Doktrin verzichtete, ergriff es die Initiative zur Beendigung des Kalten Krieges, der nahezu mit einem Dritten Weltkrieg geendet wäre. Das Ergebnis dieser Jahre ist die faktische Wiedervereinigung der Weltgeschichte, die sich nach der russischen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts in zwei Richtungen entwickelte.

Doch in unserer materiellen Welt hat alles seinen Preis. Der Preis, den Gorbatschow für die Umgestaltung des eigenen Landes und der Weltpolitik gegen seinen Willen zahlte, war der Zerfall der Sowjetunion und sein eigener Rücktritt.

Man kann sagen, dass weder das postsowjetische Russland noch die restliche Welt sich bei der Aufgabe, die die präventive Revolution der Perestroika ihnen stellte, bewährten. Die Gesellschaft Russlands hielt den Anforderungen einer plötzlich über sie gekommenen Freiheit nicht stand. Ins Chaos der Jelzin-Regierung und ins raubtierkapitalistische Toben der Oligarchie eingetaucht, kehrte sie mit Erleichterung zurück unter die Fittiche eines eher vertrauten, gefestigten absolutistischen Regimes.

Die westliche Welt ihrerseits konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich zum unangefochtenen Sieger des Kalten Krieges und Alleinerben der Geschichte zu erklären. Im Endeffekt erwiesen sich die westlichen Partner Gorbatschows, mit deren Vernunft er wohl mehr rechnete als mit ihrer wirtschaftlichen Unterstützung, als nicht weniger unzuverlässige Bündnispartner wie seine Parteigenossen, die ihn verrieten. Heute kritisiert Gorbatschow den Westen nicht dafür, dass seine Staats- und Regierungschefs ihn damals nicht genügend unterstützten – er weiß, dass das Schicksal der Perestroika nicht von ihnen abhing –, sondern dafür, dass sie es nicht vermochten, die einzigartige Chance, die seine Politik der Welt eröffnete, vernünftig zu nutzen; dafür, dass das Streben sowjetischer Gesellschaft nach Demokratie bloß als eine innere Schwäche interpretiert wurde.

 

Einprogrammierte Feindschaften belasten die Beziehungen zu Russland

Weder wurde das Projekt „Gemeinsames Haus Europa" verwirklicht, dessen Teil die reformierte Sowjetunion werden sollte, noch die Idee neuer Strukturen kollektiver Sicherheit auf dem Kontinent, unter anderem eines eventuellen Sicherheitsrats, die es ermöglicht hätten, sowohl die Tragödie des Blutvergießens in Jugoslawien als auch das Drama des gegenwärtigen Konflikts in der Ukraine zu vermeiden.

Es hat sich gezeigt, dass die Berliner Mauer niederzureißen einfacher war, als mit dem zu brechen, was sie hervorgebracht hat, nämlich mit der Logik und Psychologie einprogrammierter Feindschaften, die als politisches Instrument gebraucht werden.

Der Erhalt alter und die Entstehung neuer sichtbarer und unsichtbarer Mauern und Barrieren zeigen, dass auch im 21. Jahrhundert die Politiker des Westens wie des Ostens nicht bereit sind, sich von Vorurteilen und

Stereotypen zu befreien. Augenscheinlich liegt die Ursache dafür darin, dass der Kalte Krieg von zahlreichen heißen Konflikten, verteilt über den gesamten Globus, abgelöst wurde.

Doch auch der frühe, etwas altersschwache Kalte Krieg, von dem Gorbatschow glaubte, dass er ihn auf den Treffen mit den früheren US-amerikanischen Präsidenten in Reykjavik, auf Malta, in Washington und Moskau beerdigen würde, kehrt unaufhaltsam in die russisch-US-amerikanischen Beziehungen zurück.

Wenn dreißig Jahre nach ihrem Beginn die Perestroika in der russischen Gesellschaft als ein politischer Misserfolg oder gar als ein nationalfeindliches Sabotage-Projekt aufgefasst wird, dann heißt das: Entweder ist das zentrale Motiv der Perestroika missverstanden worden oder es wird bewusst abgelehnt, obwohl die gesamte sowjetische Gesellschaft es seinerzeit aktiv unterstützte. Das Motiv ist das Vorhaben der Wiedervereinigung Russlands mit der Weltgeschichte und einer demokratischen Erneuerung des Landes – einschließlich der Meinungsvielfalt, der Rechtsstaatlichkeit, ehrliche Regierungswahlen, der Unantastbarkeit menschlicher Würde, realer Konkurrenz in Wirtschaft und Politik und der Rechenschaft der Machthaber gegenüber der Gesellschaft.

Andrej Gratschow ist ehemaliger Berater und Pressesekretär von Michail Gorbatschow.

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