Warum Putin beliebt ist, nicht aber seine Politik

Bild: Konstantin Maler

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Bei aller Kritik an seiner Politik gilt der russische Präsident Wladimir Putin bei vielen Zeitgenossen doch als starke Führungspersönlichkeit. Nikolai Zlobin erklärt, warum die Welt „Putins Russland“ dennoch mehrheitlich ablehnt.

Bei offensichtlichen Errungenschaften und nicht weniger offensichtlichen Verwerfungen war die Sowjetunion ein selbstgenügsames Land. Der ökonomische und die ideologisch-politische Konflikt im Kalten Krieg gründete auf einer andauernden Balance zweier hinsichtlich ihrer Werte und Weltanschauungen stabiler Gesellschaften – des Westens unter der Führung der USA und des Ostens unter der Führung der UdSSR. Aufgrund ihrer Selbstgenügsamkeit erschien die Sowjetunion als ein weltweit nachahmenswertes Modell.

Mit dem Zerfall des Landes veränderte sich die Situation. Wenn sich die Werte der westlichen Welt in den vergangenem 25 Jahren geändert haben, dann nur geringfügig. Wichtige politische und gesellschaftliche Veränderungen basierten dabei auf jener Denkweise, die seit vielen Generationen von den Menschen im Westen selbst vorgegeben wurde. Die russische These, wonach Europa seine Werte plötzlich verraten, sich von ihnen losgesagt haben solle, zählt als Argument im Westen nur in einigen wenigen Kreisen. Gespräche darüber, dass Russland jetzt diese Werte und Traditionen bewahren werde, stoßen nicht mal bei ihnen auf ernsthaftes Interesse.

Russland erwies sich als ein Land, das Wertorientierungen und die eigene nationale Weltanschauung verloren hatte. Der verfassungsmäßige Verzicht auf eine Staatsideologie wird seitdem als ein Verzicht auf jedwede Ideologie ausgelegt. Das misslungene Projekt einer gegenseitigen Annäherung führte zu einer deutlichen gegenseitigen Abweisung.

Das wäre gar nicht so schlimm. Doch vor einigen Jahren setzte Russland durch den Versuch, die laufenden politischen Widersprüche mit dem Westen auf eine neue Wertebasis zu stellen, zu einer gefährlichen Umkehr an. Dabei dürfte die andauernde Kritik fremder Werte kaum jemanden dazu bewegen, die eigenen zu respektieren.

Eine der zentralen Besonderheiten der neuen Weltordnung, die heute entsteht, ist der Mangel an klaren Nachahmungsmodellen. Zwar bleiben die USA weiterhin eine Lokomotive der Weltwirtschaft, doch haben sie ihre Führungsqualitäten eine nach der anderen verloren. Ihr politischer Ruf in der Welt hat an Glanz eingebüßt. Die EU hat ihre inneren provinziellen Querelen nicht wirklich in den Griff bekommen. Die islamische Welt versucht sich immer mal wieder an einer historischen Revanche am Westen. China, aus der Position des UdSSR-Schülers herausgetreten, integriert seit den letzten Jahrzehnten sorgfältig und erfolgreich westliche Erfahrungen.

 

Putin bedient das Klischee eines Anführers

Die alte eingestürzte Weltordnung wandelte sich zu einer Weltordnung der Verlierer, die unfähig sind, andere anzuführen. Ein solches Ergebnis gleicht die unterschiedlichen Ausgangspositionen der wichtigsten Akteure auf eine

gewisse Weise aus und ermöglicht auch Russland eine Chance. Und es ist gerade der russische Präsident Wladimir Putin, der die dringende Nachfrage nach einer Führungspersönlichkeit in der Welt gänzlich bedient. Er hat sich den Ruf des Anführers einer zwar inoffiziellen und bunt zusammengewürfelten aber dennoch populären Massenbewegung gegen das „Monopol der USA" erworben.

Doch ebenso wird Putin als ein weiterer Zerstörer der amerikazentrischen Weltordnung begriffen, nicht als eine Führungsperson globalen Maßstabs mit dem Potential, eine neue Weltordnung zu errichten. Mit anderen Worten: Es gibt in der Welt eine Nachfrage nach „Putin", aber nicht nach „Putins Russland". Offensichtlich wünschen sich ein Teil der Europäer und selbst der US-Amerikaner aus unterschiedlichen Motiven einen Führungsfigur wie Putin. Doch so wie in Russland leben wollen sie nicht und es will wohl kaum jemand Russland die Führung bei der Aufstellung neuer globaler Regeln überlassen. Der russische Präsident ist eine beliebte „Marke", Russland eher das Gegenteil. An sich ist das nichts Besonderes. Auch Russen bewerten wichtige Persönlichkeiten oft anders als die Länder ihrer Herkunft, wie etwa die Bundesrepublik Deutschland und Angela Merkel oder auch die USA und Barack Obama.

Niemand hat eine klare Vorstellung davon, wie Russland in zwei, drei Jahrzehnten aussehen will und wird. Auch in Russland selbst gibt es eine solche Vorstellung nicht. Ein ernstzunehmender Akteur wird das Modell einer

radikalen ideologischen Transformation nach den russischen Erfahrungen kaum übernehmen wollen. Doch die Bereitschaft Russlands, als „antiamerikanischer Rammbock" zu dienen, könnte durchaus Enthusiasmus hervorrufen. Schließlich haben weite Teile der Welt genug von den ungeschickten Versuchen der USA, ihren Status als Weltpolizei wiederherzustellen.

Langfristig wird Russland dadurch in kurzfristige Bündnisse und in seiner ideologischen Suche in die Selbstgenügsamkeit mit einem Hang zu Alleingängen getrieben. Dies ist eine kostspielige und nur bedingt aussichtsreiche Politik. Über eine Alternative dazu scheint Russland bislang aber auch nicht zu verfügen.

Nikolai Zlobin ist Präsident des Center on Global Interests, Washington, D.C.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RBC Daily.

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