Zurück in die Zukunft: Die G7 ohne Russland

Bild: Konstantin Maler

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Die G7 wurde Mitte der 70er Jahre als Klub der wichtigsten Industrienationen gegründet. 1998 ist Russland dem Forum beigetreten. Als Reaktion auf die Ukraine-Krise wurde es wieder ausgeschlossen. Die objektive Entwicklung der internationalen Beziehungen macht die Rückkehr zum G8-Format unwahrscheinlich.

Die G7 wurde 1975/76 als ein Forum der bedeutendsten Industrienationen der Welt gegründet. Dieser Klub der Führer der westlichen Welt basierte auf gemeinsamen Werten (Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft), einem gemeinsamen Feind (dem kommunistischen Lager) und gleichen Spielregeln für alle (Akzeptanz der US-amerikanischen Hegemonie). Die führenden Industriemächte versuchten auf diesem Wege die Zusammenarbeit in einer für sie komplizierten Zeit zu verbessern. In der Ölkrise von 1973, der Niederlage der USA im Vietnamkrieg, der Auflösung des Kolonialsystems und dem Nachziehen der UdSSR in der Rüstung und in der Einflussnahme auf die Dritte Welt sahen viele Anzeichen für den nahenden Untergang des Westens. Diese immer gefährlicher werdende Welt verlangte vom Westen ein koordiniertes Vorgehen in Wirtschaft und Politik. Aus diesem Grunde wurde der exklusive Klub ins Leben gerufen, in dem die Führer der westlichen Welt ungestört ihre Problem besprechen konnten.

Jetzt kehrt die G7 zu diesem Modell zurück. Eine G8 wird es in naher Zukunft wohl nicht wieder geben, denn es ist recht unwahrscheinlich, dass noch einmal ein Land aufgenommen wird, das eigentlich nicht zur westlichen Wertegemeinschaft gehört. Selbst wenn die Ukraine-Krise beigelegt werden und die Beziehung zwischen Russland und dem Westen sich allmählich wieder bessern sollte, wird Moskau kaum in den Schoß der G8 zurückkehren. Das hat weniger mit möglichen Kränkungen und Enttäuschungen als vielmehr mit der objektiven Entwicklung der Weltwirtschaft und der internationalen Beziehungen zu tun, die einer solchen hypothetischen Rückkehr entgegenstehen. Auch wenn das Forum durch Russlands Beteiligung eine größere Legitimität und eine vielfältigere Agenda verliehen bekam, spielte es doch auch noch als G8 seine ursprüngliche Rolle als Klub der führenden Industrienationen weiter.

Die Aufnahme Russlands in die G7 zu Beginn der Neunziger verfolgte zwei Ziele: ein taktisches und ein strategisches. Ersteres bestand darin, die Ignoranz gegenüber russischen Interessen in der Realpolitik (Nato-Erweiterung, Aggression gegenüber Jugoslawien) psychologisch zu kompensieren und den Anschein der Bedeutung Boris Jelzins als globalen Führer zu unterstreichen. Strategisch war es eine Form der „Integration“ Russlands in die westliche Staatengemeinschaft – parallel zur Entwicklung partnerschaftlicher Beziehungen zu den USA, der Nato und der EU. Damals glaubte man im Westen, dass das postsowjetische Russland sich über kurz oder lang zu einem Teil des Westens entwickeln werde. Moskau akzeptierte, wenn auch zähneknirschend, sein Unvermögen, der nach dem Zerfall der Sowjetunion entstandenen Unipolarität etwas entgegenzusetzen. Russland betrieb, zum Teil auf eigenen Wunsch, zum Teil auf Druck von außen, eine Politik, die das Land in die westliche Gemeinschaft bringen sollte – in einer führenden Rolle.

Zu Beginn der Jahrtausendwende bis hinein in unser Jahrzehnt preschten dann die großen Schwellenländer nach vorne und forderten eine verstärkte Berücksichtigung ihrer Positionen bei der Lösung globaler Probleme, während die USA, die EU und Japan von einer wirtschafts- und außenpolitischen Krise in die nächste schlitterten. Russland versuchte in dieser Situation auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Es wirkte aktiv am Aufbau der Brics mit, engagierte sich zur gleichen Zeit jedoch auch weiter in der G8. Moskau betrachtete sein Mitwirken in beiden Foren als wichtigen Faktor seines Einflusses auf die Weltpolitik und als Widerspiegelung seiner besonderen und – geopolitisch betrachtet – äußert vorteilhaften Position. Seine strategische Partnerschaft mit China und den anderen Brics-Staaten, seine „Umorientierung“ nach Asien ergänzte es durch seine Anstrengungen, die strategische Partnerschaft mit der Europäischen Union und den USA weiterzuentwickeln und die EU mit der Zollunion in einen gemeinschaftlichen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok zu verschmelzen.

Doch das ist inzwischen alles Schnee von gestern. Die Ukraine-Krise und die dadurch ausgelöste Konfrontation zwischen Russland und dem Westen begrub endgültig die Illusion, dass Russland den Integrationskurs in Richtung Westen wieder aufnehmen werde. Und so war die erste Reaktion der G7-Staaten auf die Ereignisse in der Ukraine die Rückkehr zum ursprünglichen Format. Weniger um Russland zu irgendwelchen Kursänderungen zu zwingen, als um die Kohärenz des Klubs zu bewahren.

Russland verweigert sich nicht der Annäherung an die Europäische Union und der Schaffung eines gemeinschaftlichen Wirtschaftsraums, jedoch haben die Prioritäten sich verändert: Dieser Raum sollte ursprünglich im Westen entstehen und dann nach Osten ausgebaut werden. Nun aber wird der gemeinsame Raum mit China und Asien als eigenständiges Ziel betrachtet, das die EU dazu anregen soll, einen gemeinsamen Raum mit Russland auf der Basis paritätischer Bedingungen zu schaffen. Diese Wechsel in der russischen Politik ist keineswegs ereignisgesteuert. Die Ukraine-Krise hat lediglich die globalen Prozesse beschleunigt, die bereits in den vergangenen Jahren aufgrund des veränderten Kräfteverhältnisses in der Welt und der Krise der globalen Führungsrolle des Westens begonnen haben. Dabei handelt es sich um die Bifurkation, also den Scheideweg zwischen dem „globalen Westen“ unter Führung der USA und dem „globalen Nichtwesten“ mit Zentrum Eurasien.

Parallel zur wirtschaftlichen und politischen Konsolidierung des traditionellen Westens (durch eine Stärkung der Nato und der Bündnisse der USA in Asien sowie das Vorantreiben von TPP und TTIP) erfolgt ein noch nie dagewesenerer Schulterschluss der nichtwestlichen Machtzentren. Dieser findet seinen Ausdruck in der Schaffung eines neuen, durch geopolitische und geoökonomische Ziele vereinten Eurasiens, das für Sicherheit und eine gemeinsame Entwicklung eintritt. Eurasien, bisher nur Spielball der Politik, wird nun endlich selbst zu einer treibenden Kraft.

Eines sollte dabei klar sein: Die Entwicklung dieser politischen und wirtschaftlichen „Gabelung“ ist wohl kaum umzukehren. Selbst wenn der Konflikt in der Ukraine beigelegt werden und sich die Stimmung des Dialogs zwischen Russland und den USA sowie der EU verbessern sollte, wird das die strategische Situation kaum beeinflussen. Von nun an kann Moskau nur noch Teil eines „Groß-Eurasiens“ vom Atlantik bis hin zum Pazifik sein.

Sobald die Konsolidierung und Eigenständigkeit Eurasiens von den westlichen Ländern realisiert wird, werden diese noch enger zusammenrücken. Sie werden diese unkontrollierbare eurasische Realität als eine Art Herausforderung ansehen, was zu einem verstärkten Koordinierungsbedarf führen dürfte – genau so wie in den Siebzigerjahren. Eines der wichtigsten Koordinierungsinstrumente wird dabei die G7 sein. Damit kehrt der Klub der Sieben zu seiner ursprünglichen Rolle zurück, und seine Bedeutung als Forum Gleichgesinnter, die einer gemeinsamen – und mitnichten globalen – politisch-ökonomischen Gemeinschaft angehören, wird wachsen. Die Beteiligung eines nicht westlichen Landes, und sei dies auch Russland, würde die Bedeutung dieser Vereinigung unter den Bedingungen einer globalen Bifurkation deutlich relativieren.

Die neue Realität des globalen politisch-ökonomischen Scheidewegs wird von einer Aufspaltung der globalen Regulierung begleitet: auf der einen Seite die G7 und das Bretton-Woods-System, auf der anderen die SOZ (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit) und die Brics. Russland wird sich offensichtlich in der zweiten Gruppe engagieren. Gleichwohl zeichnet sich die gegenwärtige Entwicklungsetappe dadurch aus, dass die diversen Foren – die globalen und regionalen, die westlichen und nicht westlichen – einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Und schließlich gibt es da auch noch die G20, die wahrscheinlich die einzige Plattform sein wird, die die westlichen und nicht westlichen Mächte und die von ihnen angeführten politisch-ökonomischen Gemeinschaften unter einem Dach vereint.

Dmitrij Soslow ist Dozent an der Higher School of Economics in Moskau und Experte für russische Außenpolitik und Russlands Beziehungen zu den USA und Europa. 

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