Revision der Geschichtsschreibung

Dmitri Diwin
Die ehemaligen Weltkriegssieger interpretieren die Weltordnung zusehends eigensinnig.

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und der 70. Jahrestag der Kapitulation Japans werden überschattet: Die Regierung Shinzo Abes will eine Grundfeste der Japanischen Verfassung revidieren und sorgt damit für heftige 
Kontroversen.

Es geht um das in der japanischen Verfassung verankerte Verbot einer eigenen Armee, welches später aufgeweicht wurde. Japan bekam das Recht, bei Verzicht auf Einsätze außerhalb nationaler Grenzen Selbstverteidigungsstreitkräfte zu unterhalten. Diese Einschränkung will Shinzo Abe abschaffen.

Schließlich habe sich – so seine Position – die regionale und globale Situation grundlegend gewandelt. Vorgesehen sind einige wenige Korrekturen, doch sind sie nicht ihrem Inhalt nach entscheidend. Einen Präzedenzfall schaffen auch kleinste Abweichungen vom Grundsatz.

Die internen Auseinandersetzungen Japans sind eingebettet in die Prozesse um das Schicksal der Nachkriegsweltordnung, die mit der Gründung der UNO vor 70 Jahren erschaffen wurde. Sie basierte auf einer bestimmten ethisch-politischen Auslegung der Kriegsergebnisse. In Zweifel gezogen wurde diese Interpretation in Europa in den Neunzigerjahren.

Das osteuropäische Konzept der „zwei Besatzungen“ gewann zunehmend an Bedeutung und stellte den Kommunismus dem Faschismus im Grunde gleich. Und dieser Prozess wird intensiviert, was für die Weltordnung nicht ohne Folgen bleiben kann.

Diese zu stören, werfen sich Russland und seine Opponenten seit letztem Jahr mit neuer Intensität gegenseitig vor. Der Westen habe das Gleichgewicht und die gegenseitige Achtung von Einflusssphären vernachlässigt, so Moskau. 
Dem System von Jalta und Potsdam sei dadurch die Grundlage entzogen. Indes ist der „Frieden von Jalta“ in Europa und in den USA nahezu ein Schimpfwort. Unablässig heißt es, Russland 
habe den seit 1945 ersten Präzedenzfall eines gewaltsamen Gebietsanschlusses geschaffen.

Nicht weniger spannend ist die Lage in Asien. Dort gab es ein Tribunal ähnlich den Nürnberger Prozessen, eine ethisch-politische Eindeutigkeit wie in Europa wurde aber nie erreicht. Japanische Premiers – auch Shinzo Abe – besuchen den Yasukuni-Schrein. Die volle Verantwortung für das Ostasien der Vierzigerjahre übernimmt Japan nicht und erregt damit den resoluten Unmut seiner Nachbarn.

Im vergangenen Jahrhundert wurden unterschiedliche Lesarten in Asien dadurch gedämpft, dass sich die ideologische Konfrontation auf einen anderen Weltteil konzentrierte. Heute aber kommen sie zum Vorschein. China wurde zur treibenden Kraft der „Geschichtspolitik“ (ein Terminus aus dem Kontext der Geschichtsverwendung zugunsten politischer Konjunktur). Gegenüber dem Zweiten Weltkrieg war das Land früher recht gleichgültig, schließlich kapitulierte Japan vor der Kuomintang Tschiang Kaischeks und nicht vor der Kommunistischen Partei. Seit letztem Jahr ehrt der Staat den 3. September (Ende des Zweiten Weltkriegs) als einen nationalen Feiertag, an dem das chinesische Volk im Krieg gegen Japan siegte.

Peking beabsichtige – so der russische Sinologe Ewgenij Rumjanzew – das Bild der Rolle Chinas im Zweiten Weltkrieg seiner heutigen Bedeutung in der globalen Wirtschaft und Politik anzupassen. In der entstehenden Narrative kommt China – nicht den USA, nicht der UdSSR – der entscheidende Verdienst bei der Zerschlagung Japans zu. Diese Sicht des Krieges in Asien bietet Peking im Kontext der erstarkenden Kooperation Moskau an. Eine andere Sicht, als Russland sie gewohnt ist. Im Gegenzug verspricht das Reich der Mitte Solidarität in den Auseinandersetzungen um eine „Geschichtsrevision“ in Europa. Ein unkonventioneller Vorschlag. An den westlichen Schauplätzen militärhistorischer Auseinandersetzungen gewinnt Russland durch die Unterstützung Chinas nicht viel: Europa sind chinesische Positionen in dieser Frage egal. An der asiatischen Front hingegen droht das Hineinziehen Russlands in geschichtsverwurzelte Konflikte in greifbare Spannungen umzuschlagen. Schließlich will Russland sich in dieser Region stärker engagieren und ausbalancierte Beziehungen mit den beteiligten Akteuren aufbauen.

Mögen sich die Entwicklungen in Europa und Asien auch unterscheiden, die Tendenz ist dieselbe. Die ehemals Besiegten – Deutschland und Japan – halten (jeder auf seine Weise) das Kapitel über die Katastrophen des letzten Jahrhunderts für beendet. Die ehemaligen Sieger interpretieren die Weltordnung zusehends eigensinnig, je nach der eigenen Erfahrung im Kalten Krieg.

Mehr zum Thema:

70 Jahre nach der Potsdamer Konferenz: Lehren für die Gegenwart

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland