Droht Russland die Überalterung?

Iorsh Cartoons
Als eines der größten Risiken für die russische Wirtschaft erachtet das Moskauer Weltbank-Büro die Überalterung der Bevölkerung.

Inzwischen haben die geburtenreichen Jahrgänge der 1950er-Jahre das Rentenalter erreicht – demgegenüber stehen die geburtenschwachen Jahrgänge der Neunzigerjahre, die nun im Erwerbsalter sind. Das führt wahrscheinlich dazu, dass bereits 2035 die Rentenbeiträge geringer ausfallen werden als die Zahl der Rentenempfänger, was das System stark belasten wird. Somit kommt der Erwerbstätigkeit der älteren Generation eine besondere Bedeutung zu. 

Offiziellen Statistiken zufolge gab es nach 2000 einen deutlichen Anstieg der Beschäftigung, sowohl bei den Männern (um 6,7 Prozentpunkte) als auch bei den Frauen (um 6,1 Prozentpunkte). Der Grund: Viele der Arbeitnehmer über 55 Jahre arbeiteten nach Erreichen des Rentenalters weiter.

Doch nicht alle können das. Einige müssen den Arbeitsmarkt verlassen, unter anderem aus gesundheitlichen Gründen. Ältere Werktätige mit einem schlechten Ge
sundheitszustand befinden sich in einer Zwickmühle: Einerseits können sie nicht mehr arbeiten, andererseits brauchen sie ein Einkommen, um in ihre Gesundheit zu investieren. Deshalb müssen flexible Beschäftigungsformen her, die ältere Arbeitnehmer bestmöglich im Erwerbsleben halten. Da in diesem Fall eine Betreuungsoption für die Enkel wegfällt, muss das nichtstaatliche Angebot solcher Dienstleistungen, wie private Kindertagesstätten, ausgebaut werden.

Ruheständler und Vorruheständler sind durchaus in der Lage und bereit, sich weiterzubilden und neue Berufe zu erlernen, sofern die Nachfrage besteht. Dennoch, so belegen Arbeitgeber-Studien, werden ältere Arbeitnehmer seltener fortgebildet als der Durchschnitt der Angestellten eines Unternehmens. Oft heißt es, es lohne sich nicht, in ältere Mitarbeiter zu investieren, da nicht an deren Lernfähigkeit geglaubt wird. Viele Mitarbeiter werden bei Erreichen des Rentenalters von ihrem Arbeitgeber regelrecht in den Ruhestand gedrängt. Und selbst die Unternehmen, die an älteren Mitarbeitern interessiert sind, ergreifen keine aktiven Maßnahmen zur 
Verlängerung ihres Beschäfti-
gungsverhältnisses.

Unterm Strich lassen sich die Folgen der Überalterung nicht ohne eine durchdachte staatliche Politik mildern. So müssen die Mitarbeiter ein (Arbeits-)Leben lang weitergebildet werden – gemeint ist eine Verbesserung des Zugangs und der Qualität der Angebote im Bereich des lebenslangen Lernens für jeden. Daneben muss die Diskriminierung von älteren Arbeitnehmern abgebaut werden.

Die Autorin ist stellvertretende Leiterin des Forschungslabors für Rentensysteme und Versiche-rungsprognosen im Sozialbereich am Institut für Sozialanalyse und -prognosen der Russischen Aka-demie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst in Moskau.

Wie leben russische Rentner?

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