Will der IS durch seine Anschläge einen finalen Kampf herbeiführen?

Dmitri Diwin
Nachdem sich der Verdacht bestätigt hat, dass der Absturz eines russischen Airbus ein Terroranschlag war, hat Russland Vergeltung angekündigt. Alleine wird Moskau den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ aber nicht gewinnen können. Der Politologe Georgij Bowt fordert trotz bestehender Kontroversen internationale Allianzen.

Die französische Anschlagsserie stellte Russland und den Westen vor eine unausweichliche Tatsache: Wir haben einen gemeinsamen Feind, den internationalen Terrorismus, verkörpert vor allem durch die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Und der muss mit vereinten Kräften geschlagen werden, wozu alle herrschenden Gegensätze, zeitweise zumindest, als zweitrangig, ja drittrangig zu betrachten sind.

Nach der Bestätigung eines Terroranschlags als Absturzursache des russischen A321 Ende Oktober ist Wladimir Putin nun auch aus westlicher Sicht legitimiert, „Russlands Sache in Syrien als eine gerechte“ zu postulieren. Die Rache für den Tod von 224 Passagieren wurde zum gesamtnationalen Grundsatz erhoben. „Die Ermordung unserer Landsleute über dem Sinai gehört zu den blutigsten Verbrechen in der Geschichte. Und wir werden die Tränen nicht von unseren Seelen und Herzen wischen. Aber das hindert uns nicht, die Verbrecher zu finden und zu bestrafen“, sagte Wladimir Putin. Er berief sich dabei auf Artikel 51 der UN-Charta, welcher das Recht der Nationen auf Selbstverteidigung vorsieht. Für Hinweise auf die Terroristen setzte Russland eine in der  Geschichte beispiellose Belohnung von 50 Millionen US-Dollar aus.

Vergeltung nach israelischem Vorbild

 In Bezug auf die Terroristen verwendete Putin zwar noch zurückhaltend die Ausdrücke „vergelten“ und „bestrafen“. Doch sein Pressesprecher Dmitrij Peskow fand deutlichere Worte: Die Geheimdienste hätten den Befehl erhalten, die an der Organisation des Terroranschlags Beteiligten zu „vernichten“. Ohne Gerichtsverhandlung, heißt das. Die israelischen Geheimdienste hatten einst weltweit nach palästinensischen Attentätern gefahndet, die für die Geiselnahme von München und den Tod israelischer Sportler verantwortlich waren – sie spürten sie auf und machten kurzen Prozess. Die Tonlage des Präsidenten und der Verweis auf die UN-Charta machten der russischen Öffentlichkeit unmissverständlich deutlich: Die Vergeltung erfolgt auf israelische Manier.

Was könnte aus Moskaus offizieller Bestätigung des Terroranschlags folgen? Die unverzügliche Unterbrechung aller Flugverbindungen in die vom Terror akut bedrohten Länder, wie es bei Ägypten geschehen ist, eher nicht. Auch wenn einige Mitglieder des russischen Parlaments solche Überlegungen anstellen. Diese extreme Maßnahme ist wohl für den Fall einer weiteren und gefährlicheren Eskalation der Terrorgefahr vorbehalten. Bislang empfiehlt Rosawiazija, die russische Luftfahrtaufsichtsbehörde, lediglich, die Sicherheitsstufe auf Flügen in 47 Länder, darunter die USA und eine Reihe europäischer Staaten, zu erhöhen.

Und aus dem von Putin angekündigten forcierten Vorgehen gegen die Terroristen in Syrien wird sicher keine Bodenoffensive mit Beteiligung russischer Truppen. Eine einheitliche Anti-Terror-Front entsteht auch noch nicht. Doch wird die Koordination Moskaus mit dem Westen nach den Anschlägen von Paris und dem G-20-Gipfel in der Türkei – dort wurde dieses Thema in einem qualitativ neuen Kontext diskutiert – zweifellos intensiviert. Das Verhältnis Russlands und des Westens ist angesichts neuer Bedrohungen heute offensichtlich besser als noch vor einem Jahr.

Aufforderung zum Kampf

Bei steigender Zahl der Angriffe gegen IS-Stellungen wird Moskau sich der Luftschläge gegen die selbst ernannte „Syrische Freiheitsarmee“ – im Westen als „gemäßigte Opposition“ wahrgenommen – enthalten. Bislang gelang es Russland allerdings nicht, vom Westen – vorrangig von den USA – eine Liste der Objekte zu erhalten, die unter Kontrolle der vom Westen als gemäßigt angenommenen Gruppierungen stehen, um sie nicht zu bombardieren. Dies ist freilich ein Zeugnis des beidseitig mangelnden Vertrauens. Dort aber, wo beide Seiten überzeugt sind, bombardieren zu müssen, beginnt die engere Koordination bereits jetzt. Dass die russischen Luftstreitkräfte gleich nach der Ankündigung Putins die syrische IS-Hochburg Raqqa unter Beschuss nahmen, ist dafür der Beweis.

Mögen zahlreiche Experten meinen, der vollständige Sieg über den IS sei nicht anders als mit einer Bodenoffensive zu erzielen, der syrischen Regierungsarmee und den kurdischen Truppen fehlten dafür nur die Kräfte, ist die Angelegenheit doch weitaus komplizierter, ja verhängnisvoll. Für die IS-Ideologie und Propaganda sind frühere Koransuren von enormer Bedeutung: Der IS lechzt geradezu nach der „letzten und entscheidenden“ Schlacht gegen die „Kräfte des Roms“ – des gesamten Westens, der gesamten christlichen Welt. Laut Prophezeiungen soll diese Bodenschlacht nahe der syrischen Stadt Dabiq (heute vom IS kontrolliert) ausgetragen werden, in direkter Nähe zur Stadt Raqqa.

Trifft diese Auslegung der IS-Motive zu, sind die Anschläge von Paris und die Explosion des russischen Flugzeugs ein gewisser Aufruf – eine „Einladung zum Kampf“ seitens der Fanatiker. Bleibt diese unerhört, folgen weitere Aufrufe. Dies betätigt nur: Wir stehen heute vor einer der gravierendsten Herausforderungen fanatischer Gotteskrieger an die moderne Zivilisation. Kontroversen in Fragen, die zurzeit absolut zweitrangig sind, hindern uns, diese Herausforderung anzugehen.

Der Autor ist Politologe und Mitglied des Rats für Außen- und Verteidigungspolitik.

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