Erstes Treffen von Papst und Patriarch: Offene Wunden bleiben

Historische Begegnung: Patriarch Kyrill trifft auf Papst Franziskus.

Historische Begegnung: Patriarch Kyrill trifft auf Papst Franziskus.

Dmitry Divin
Es wird die erste Begegnung zweier bedeutender Kirchenvertreter werden: Am Flughafen von Havanna sollen der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill und der römisch-katholische Papst Franziskus zum ersten Mal zusammentreffen. Es könnte der Beginn eines neuen Miteinanders werden.

Letzte Woche wurde die erste historische Begegnung zwischen dem römisch-katholischen Papst und dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche bekanntgegeben: Das Treffen soll an diesem Freitag an einem ungewöhnlichen Ort, dem Flughafen von Havanna, stattfinden. Doch wie ist eine Begegnung, die über 20 Jahre hinweg unmöglich schien, so plötzlich machbar geworden?

Der Weg zur Begegnung der beiden Kirchenoberhäupter begann bereits vor Jahren, als es Papst Johannes Paul II. wagte, sich dem östlichen Christentum zuzuwenden. Der Satz, dass die Kirche mit ihren beiden Lungen atmen sollte, wurde zu seiner Maxime.

Gleichzeitig wurde der Blick des polnischen Papstes nach Osten zu einem Problem für die russisch-orthodoxe Kirche. Während der 1990er-Jahre, kurz nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Atheismus, erlebte die Kirche in Russland eine regelrechte Renaissance. Gleichzeitig entstanden jedoch vielerorts zahlreiche Sekten und Missionsbewegungen. Unter ihnen war auch die römisch-katholische Kirche präsent. Zwar verfügte sie nicht über die größten Mittel, stütze sich aber auf die längste Tradition eines Konkurrenzkampfes mit der russisch-orthodoxen Kirche. 

Streit in der Ukraine lähmte jede Annäherung

Zeitweilig führte dies zu Problemen, vor allem als der Vatikan seine Strukturen in Russland neu etablierte. Zu einer offenen Wunde wurde jedoch die Ukraine, deren westlicher Teil, einst orthodox, 1596 durch Polen zum Katholizismus bekehrt wurde. Die dort ansässige Ukrainisch-Griechische Katholische Kirche (UGKK) wurde 1946 durch die Sowjetunion dem Moskauer Patriarchat unterworfen, zu einem großen Teil blieb die Struktur aber im Untergrund. Nachdem die Kirche 1989 wieder zugelassen wurde, stellten die ukrainisch-griechischen Katholiken Forderungen nach alten Liegenschaften, des Öfteren traten sie gegenüber dem Moskauer Patriarchat gewalttätig auf. Die russisch-orthodoxe Kirche bezeichnete diesen Prozess als die Zerstörung ihrer drei Diözesen in der Westukraine.

Vor diesem Hintergrund weigerte sich das Moskauer Patriarchat, einem Russlandbesuch des Papstes zuzustimmen und bestand auf einem Treffen der beiden Kirchenoberhäupter in einem dritten Land, um eine Übereinkunft in der Ukraine-Frage zu treffen. Dieser Vorschlag überschritt wiederum eine rote Linie des Vatikans, da Rom seine Glaubensbrüder in der westlichen Ukraine nicht verraten wollte.

Neue Herausforderungen bringen beide Seiten zusammen

Trotz der schwierigen Situation wurden weitere Versuche unternommen, um aus der Zwickmühle herauszufinden. 2006 erarbeiteten der damalige Metropolit Kyrill und Kardinal Paul Pupard bei einer Konferenz in Wien eine Agenda für die Erneuerung der bilateralen Beziehungen, die sich auf die gemeinsame Erfahrung der christlichen Traditionswerte in einem zunehmend säkularen Europa bezog. Die Kontakte vertieften sich, als Kyrill, der über Jahre den Posten des „Auswärtigen Sekretärs“ der russischen Kirche bekleidete, 2009 zum Patriarchen wurde. Dennoch war das ersehnte Treffen nach wie vor Zukunftsmusik, insbesondere nach den jüngsten Umwälzungen in der Ukraine, die auch die Kirche stark polarisierten.

Das Treffen auf Kuba ist das Ergebnis eines Paradigmenwechsels. Das ukrainische Problem bleibt dabei wohl zunächst ungelöst, eine „offene Wunde, die eine Normalisierung der Beziehungen beider Kirchen ausschließt”, wie Metropolit Illarion, der jetzige „Auswärtige Sekretär“ des Moskauer Patriarchen, letzte Woche kundgab. Dennoch verlangen die Leiden der Christen im Nahen Osten, in Nord- und Zentralafrika dringende Antworten und Maßnahmen. 

Die Reise des russischen Kirchenoberhauptes nach Kuba, fern des europäischen Konkurrenzkampfes beider Kirchen, setzt ein Zeichen des Verständnisses für die neue globale Agenda und auch für deren Dringlichkeit. Es ist voraussehbar, dass die gemeinsame Erklärung, die die beiden Kirchenoberhäupter abgeben werden, die Ukraine-Frage entweder ausklammern oder nur im Allgemeinen miteinbeziehen wird. Das Treffen wird dennoch ein historisches Ereignis, da es die Weisheit der beiden größten Weltkirchen angesichts globaler Probleme demonstrieren soll.

Andrej Solotow ist Journalist und zurzeit Chefredakteur Europa für Russia Direct. Zuvor arbeitete er unter anderem für Ria Nowosti und The Moscow Times.

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