Churchills Fulton-Rede und die aktuelle Weltlage

Iorsch
Die vor 70 Jahren am 5. März vom britischen Premier Winston Churchill gehaltene Fulton-Rede wurde zum Symbol des Anfangs des Kalten Krieges. Erstmals ging Churchill auf Konfrontationskurs mit der UdSSR. Sind die heutigen Spannungen zwischen dem Westen und Russland der Kalte Krieg 2.0?

Obwohl das Jubiläum der Rede Churchills vom 5. März 1946 in Fulton/USA zeitlich mit der Verschärfung der Beziehungen zwischen Russland und Westen in den letzten zwei Jahren zusammenfällt, kann man nicht von einem Kalten Krieg 2.0 und einer Wiederholung des globalen Nachkriegskonfliktes, so wie dies einige Leute heraufbeschwören, sprechen.

Allein schon die Bezeichnung der aktuellen Lage als Kalter Krieg 2.0 ist ein Beleg dafür, dass weder die Politik, noch die Öffentlichkeit die Situation tatsächlich so ernst nehmen. Sie halten die gegenwärtige Verschärfung in den internationalen Beziehungen eher für ein Spiel, in dem derjenige verliert, der die Macht des Westens in Frage stellt.

Die aktuelle Situation hat mit einem Kalten Krieg nichts zu tun. Damals standen sich zwei Weltanschauungen gegenüber, zwei konträre Sichten darauf, wie das Leben der Gesellschaft zu organisieren ist und auf welchen Grundsätzen es basieren soll. Es war ein Kampf zwischen der liberalen kapitalistischen und der kommunistischen Ideologie.

Die USA waren nicht mächtiger als die UdSSR, denn sowjetische Panzer standen damals in der Mitte Europas. Die UdSSR strebte die Weltherrschaft an, der Westen wollte überleben. Die Beziehungen zwischen dem Ostblock und dem Westblock sind den heutigen Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea ähnlich. Bis zum Anfang der 1960er Jahre basierten sie darauf, dass das Existenzrecht des Rivalen verneint wurde.

„Der kühle Krieg“

Der aktuelle Konflikt spiegelt die Unzufriedenheit einiger Staaten insbesondere Russlands mit der Situation in der Welt nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 wider. Die vor 25 Jahren entstandene Weltordnung erwies sich als unfair, denn sie berücksichtigt ausschließlich die Interessen einer Seite und vernachlässigt die Interessen der anderen. Der Unmut darüber war vorprogrammiert.

Heute geht es um eine gerechtere Verteilung des Einflusses auf der internationalen Bühne sowie um die Schaffung eines neuen Machtgleichgewichts. Russland und China versuchen faire Wettbewerbsbedingungen auszuhandeln, aber der Westen möchte alles so wie nach 1991 lassen, als nur die USA das Recht hatten, das Völkerrecht zu verletzen und allen anderen ihre eigenen Regeln zu diktieren.

Die jetzigen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sind keinesfalls einfach, aber es gibt keine ideologische Komponente in ihr. Der Konflikt, der momentan zwischen den Seiten besteht, kann daher eher als ein „kühler Krieg“ bezeichnet werden. Dieser Krieg wird unter anderen Bedingungen geführt. Die Konfliktparteien streben andere Ziele an und greifen auf andere Methoden zurück.

Die gegenwärtige Situation und die Weltlage nach dem Zweiten Weltkrieg haben komplett unterschiedliche Größenordnungen. Die vorherrschende Rhetorik der westlichen Machthaber hat auch nichts Gemeinsames mit der Rhetorik Churchills. Damals wurde die Gefahr, die von Russland ausging, als existenziell empfunden. Churchill sprach von einem „Schatten, der über die Erde gefallen ist“.

Die meisten westlichen Politiker vereinfachen heutzutage dieses Problem und greifen dabei auf das Mittel der Personifizierung zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte es kein Politiker, auch nicht Churchill, gewagt, zu sagen, dass in der sowjetischen Politik nur eine Person, nämlich Stalin, den Ton angibt. Heute jedoch kann man, in der Gestalt von Präsident Putin, genau diese Personifizierung beobachten.

Der Westen versucht, den Kontrahenten zu demütigen und sich selbst und die gesamte Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Russland kein ernstes Problem darstellt und unter Druck von Sanktionen wie ein Kartenhaus zusammenfallen wird.

Sogar als der amerikanische Präsident Barack Obama vor drei Jahren Russland als eine von drei globalen Gefahren bezeichnete, meinte er das nicht ernst. Diese Worte sind ein Ausdruck eines Konfliktes ganz anderen Ranges, als zu Zeiten der Fulton-Rede von Winston Churchill. 

* Unser Autor Timofej Bordatschew ist Leiter des Zentrums für globale Forschung an der Hochschule für  Wirtschaft in Moskau

 

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