7 Gründe, warum Russland und die Türkei auch weiterhin keine Freunde sind

Das Verhältnis beider Länder ist weiterhin schwer belastet.

Das Verhältnis beider Länder ist weiterhin schwer belastet.

Reuters
Bei einem Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Sankt Petersburg zelebrierten Russland und die Türkei öffentlichkeitswirksam ihren Schulterschluss nach einer langen Eiszeit in den diplomatischen Beziehungen. Ausgestanden sind die Streitigkeiten aber noch lange nicht – und die Beziehungen bleiben schwer belastet.

Die russisch-türkische Versöhnung, die als Ergebnis des Gipfeltreffens in Sankt Petersburg steht, darf keine falschen Hoffnungen und übertriebenen Illusionen erwecken. Die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara sind durch zu viele Probleme und große Widersprüche belastet, als dass man bereits von „einer strategischen Verbindung“ zwischen Russland und der Türkei reden könnte, wie es einige Experten in den letzten Tagen taten.

1. Das größte Problem sind die diametral entgegengesetzten Einstellungen beider Länder zum Syrienkonflikt. Der russische Präsident Wladimir Putin setzt auf den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, sein türkisches Gegenüber Recep Tayyip Erdoğan hingegen fordert dessen möglichst schnelle Absetzung. An dieser Wahrnehmung des Konflikts hat sich nichts geändert. Ankara unterstützt wie zuvor die syrische Opposition, die zurzeit um Aleppo kämpft und von der russischen Luftwaffe bombardiert wird. Man darf nicht vergessen, dass genau dieser Interessenskonflikt im Fall Syrien die außerordentliche Krise in den Beziehungen beider Staaten nach dem Abschuss des russischen Kampfjets über türkischem Gebiet im November 2015 ausgelöst hat. Die Interessen sind bis heute geblieben.   

2. Das zweite Problem steht ebenfalls in Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien: das Verhältnis zur kurdischen Bevölkerung. Kurden, die in Syrien gegen radikale Islamisten kämpfen, gelten für Ankara als Gegner, Separatisten und Helfershelfer der „Terroristen“ der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, gegen die Erdoğan Krieg führt. Moskau hingegen sieht syrische Kurden als potenzielle Verbündete. Selbst mit türkischen Kurden pflegt Russland schon lange eigene Beziehungen, die als freundschaftlich bezeichnet werden können.

3. Auch der Konflikt in Bergkarabach belastet die Beziehungen. Obwohl Moskau sich sehr vorsichtig äußert und versucht, öffentlich unparteiisch aufzutreten, wird Russland dennoch als ein Verbündeter Armeniens, seines Partners im Rahmen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit OVKS, wahrgenommen. Die Türkei hingegen verzichtet darauf, Unparteilichkeit und Neutralität vorzutäuschen. Die türkische Regierung unterstützt Aserbaidschan ohne Vorbehalte.

4. Auch andere Krisenherde im postsowjetischen Raum bieten Konfliktpotenzial. Ankara genießt eine gewisse Unterstützung in den Turkstaaten der ehemaligen Sowjetunion, zu denen neben Aserbaidschan auch Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Turkmenistan gehören. Moskau nimmt dies als geopolitische Konkurrenz wahr. Besonders heikel ist dabei die türkische Einflussnahme in diesen turksprachigen „Brüderrepubliken“.   

5. Ein weiteres Problem sind nordkaukasische und krimtatarische Organisationen, die sich Moskau entgegenstellen, in der Türkei aber absolute Freiheit genießen. Sie werden von der großen und mächtigen türkischen Diaspora unterstützt. Wollte Präsident Erdoğan diesen Störfaktor eliminieren, würde er wohl auf riesigen Widerstand im eigenen Land stoßen.

6. Grundsätzlich problematisch ist die vorherrschende Vertrauenskrise zwischen beiden Parteien. Vom Abschuss des russischen Kampfjets ist in Moskau keine Rede mehr. Vergessen aber hat man nichts – auch nicht die Erklärungen, die türkische Politiker und auch Erdoğan selbst kurz nach dem Vorfall abgaben. Versöhnlich klangen diese wahrlich nicht. Es ist deshalb wenig überraschend, dass Moskau seine Lehren aus dem Abschuss des Kampffliegers durch das türkische Militär gezogen hat und die Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit der türkischen Regierung in Frage stellt.

7. Hinzu kommt, dass die jetzige Annäherung zu einem gewissen Grad unfreiwillig geschieht. Der Westen hat gegenüber Ankara und Moskau eine distanzierte und kritische Position eingenommen. Nun befinden sich beide auf der Suche nach alternativen Partnern, um eine internationale Isolation zu verhindern; ein logischer Schritt. Es besteht allerdings keine Garantie, dass die Türkei, sollten sich ihre Beziehungen zu den USA oder der EU wieder deutlich verbessern, weiter auf eine Zusammenarbeit mit Russland setzt und gemeinsame Projekte wie Turkish Stream umsetzen will.

Es ist also zu früh, von einer strategischen Partnerschaft zwischen Moskau und Ankara zu sprechen. Im besten Fall wird eine solch enge Beziehung gerade vorgetäuscht, um Solidarität und Verbundenheit zu signalisieren. Im Vergleich zu der schweren diplomatischen Krise, in der sich beide Staaten noch vor einem halben Jahr befanden, ist die jetzige Versöhnung ein riesiger Fortschritt. Und weckt berechtigte Hoffnungen, dass die beiden Länder an der Lösung einiger der hier genannten Probleme arbeiten werden.

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