Warum Europa und Russland sich endlich verbünden sollten

Die Alternative für Europa besteht darin, sich direkt den eigentlichen Ursachen des regionalen Chaos zu widmen.

Die Alternative für Europa besteht darin, sich direkt den eigentlichen Ursachen des regionalen Chaos zu widmen.

AP
Der Mord an dem russischen Botschafter Andrej Karlow und der Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt im Herzen Berlins sind Anzeichen für eine neue Normalität in der Welt. Doch es gibt einen Weg, diese noch zu verhindern.

Zu dem Mord an dem russischen Botschafter in der Türkei, Andrej Karlow, hat sich über das Internet die Terrororganisation Jabhat Fatah al-Sham (früher bekannt als al-Nusra-Front) bekannt. Auch für den Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt zeigt sich eine terroristische Vereinigung verantwortlich: Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ behauptet, der Attentäter von Berlin habe in ihrem Auftrag gehandelt. In diesem unorthodoxen hybriden Krieg sehen sich Deutschland und Russland mit ein und demselben Feind konfrontiert.

Am Scheidepunkt

Es gibt eine schwache Hoffnung, dass die Dinge sich jetzt ändern könnten. Dieser Scheidepunkt, an dem wir stehen, ist eine gewaltige Herausforderung. Denn die beiden Wege, zwischen denen Europa wählen muss, trennen Welten.

Der eine besteht in der „neglect policy“, der wohlwollenden Gleichgültigkeit gegenüber dem unaufhaltsamen Zerfallsprozess der „failed states“ und Schurkenstaaten des Nahen Ostens und Nordafrikas, der sogenannten Mena-Region. Dieser Prozess wird auch weiterhin islamistische Kämpfer und eine Flut von Flüchtlingen auf der Suche nach Asyl in die Europäische Union ausstoßen.

Er bringt außerdem den naiven Glauben an eine wunderbare Aufnahme von mehr als einer Million Immigranten mit sich, die weit davon entfernt sind, die Grundregeln für ein friedliches Zusammenleben in multiethnischen Gesellschaften zu akzeptieren.

Die Alternative für Europa besteht darin, sich direkt den eigentlichen Ursachen des regionalen Chaos zu widmen. Und diese sind, ob man nun will oder nicht, mit dem Aufstieg des islamistischen Fundamentalismus verbunden, sowie mit der Enttäuschung Millionen junger Araber, Afghanen, Libyern und anderer, die von der Unfähigkeit der herrschenden Schichten, einen anständigen Lebensstandard zu sichern, herrührt. Nicht zuletzt ist das der Machtlosigkeit der dortigen Regimes zu verdanken, die sich der Moderne nur in Form des Iphones zuwenden.

Die schwierige, neue Wirklichkeit

Das Beschreiten des zweiten Weges würde für Europa bedeuten, die Realität vor Ort zu akzeptieren. Insbesondere würde es von den politischen Eliten Europas erfordern, sich mit der Idee des Machterhalts des säkularen Assad-Regimes in Syrien – zumindest eine Zeit lang – abzufinden. Denn die Alternative dazu wäre wahrscheinlich eine Rückkehr ins Mittelalter mit all den Kopfabschlägern und Halsaufschlitzern, die von einem Kalifat träumen.

Den Kopf in den Sand zu stecken, bringt also wenig. Eine proaktive EU-Außenpolitik in der Krisenregion würde jedoch unverzichtbar eine Zusammenarbeit mit den wichtigsten Regionalmächten verlangen, und zwar nicht nur mit der sunnitischen Einheitsfront der Golfmonarchien, sondern auch mit der Türkei und dem Iran.

Solch ein „Angelpunkt“ zum Nahen Osten im Bemühen um ein „positives Engagement“ würde auch die Berücksichtigung der maßgeblich koordinierenden Rolle der russischen Diplomatie, unterstützt durch die in Syrien und im östlichen Mittelmeer eingesetzten Militäreinheiten, erfordern.

Dieser Weg kann nur der richtige sein. Denn die Serie an Terroranschlägen von Jabhat Fatah al-Sham, Daesh und ihren Anhängern – ganz gleich, unter welchem Deckmantel sie auch agieren –, die mit den Anschlägen von Paris im November 2015 mit 130 Toten ihren Anfang nahm, übermittelt eine unzweideutige Botschaft, die da lautet: „Kenne deinen Feind!“ – und: „Kenne deinen Freund!“.

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