Über Leben und Tod der Minenarbeiter

Bergleute sind eine besondere Spezies. Wer nie unter Tage gearbeitet hat, wird kaum verstehen können, was diese Arbeit mit einem macht. Und es geht dabei nicht um Staublungen oder Schwielen an den Händen – vielmehr um eine andere Einstellung zum Leben und Tod.

Bergleute sind eine besondere Spezies. Wer nie unter Tage gearbeitet hat, wird kaum verstehen können, was diese Arbeit mit einem macht. Und es geht dabei nicht um Staublungen oder Schwielen an den Händen – vielmehr um eine andere Einstellung zum Leben und Tod.

Ilya Pilipenko
Eine Million Tonnen Steinkohle fordert in Russland ein Bergmannsleben.
Nowokusnezk, ein 3723 Kilometer östlich von Moskau gelegener Bergbau- und Stahlindustriestandort. 1618 wurde die älteste Großstadt Sibiriens gegründet.
Die Stadtgeschichte ist voller Tragödien, denn der Bergbau lebt gefährlich. Explosions- und Einsturzgefahr folgt den Kumpeln unter Tage auf Schritt und Tritt.
Hier markieren Grubenunglücke die Zeitenwenden. „Nach der Uljana“ oder „Vor der Raspadskaja“: Die Menschen in Nowokusnezk haben eine eigene Zeitrechnung. Am 19. März 2007 explodierte der Schacht Uljanowskaja. Am 8. Mai 2010 kam es im Bergwerk Raspadskaja zu einer Methangas-Explosion.
Jede Mine hat ihr eigenes Denkmal mit den Namen aller, die nicht mehr aus ihrem Bergwerk aufgefahren sind. Für eine Million Tonnen Steinkohle muss in Russland ein Kumpel sein Leben lassen, besagt die Statistik.
„Ein Hoch auf die Kumpel!“ ruft das verrostete Denkmal aus. Die vielen stillgelegten Minen hier sind Zeugen einer längst vergangenen Zeit.
Sein halbes Leben – 23 Jahre lang – arbeitete Sergej Kondratjew unter Tage. „Keine hundert Meter ist es von hier bis zum Bergwerk. Die Mine ist längst stillgelegt, aber ich bin immer noch hier… Gesund und munter“, sagt der ehemalige Kumpel. Doch Nacht für Nacht komme die Erinnerung an den Schacht wieder.
Seine Frau Irina sagt, unter ihrem Haus hätten sich Hohlräume gebildet. „Ich versuchte, mir diese unbekannten Unter-Tage-Welten vorzustellen“, sagt Ilja Pilipenko, der Fotograf dieser Serie.
„Irgendwie hat jede Bergmannsfamilie ihre eigene Geschichte. Und doch sind diese Geschichten alle ganz ähnlich. Es geht immer um den Wert der Arbeit.“
Aber natürlich machen sich die jahrelange Einwirkung von Industrie- und Kohlestaub, die dauerhafte physische Belastung, die Überstunden fernab des Tageslichts am Organismus bemerkbar. Bronchitis, Tuberkulose und Arthritis sind die häufigsten Berufskrankheiten im Bergbau.
Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum am Anfang des Jahrtausends sei die Stadt bald zu den 30 besten wirtschaftlichen Standorten in Russland aufgestiegen, so ein Ranking des russischen Forbes aus 2013.
Doch Nowokusnezk hat ein Umweltproblem: Nach Angaben des russischen Ministeriums für Naturressourcen und Umwelt war die Stadt 2011 die viertschmutzigste im Land.
1989 war Nowokusnezk das Epizentrum eines landesweiten Bergbaustreiks. Am 11. Juli 1989 begannen die Proteste im Kusnezker Kohlerevier und weiteten sich in Windeseile über die ganze Sowjetunion aus.
Damals ignorierten die staatlichen Medien den Streik und die lokale Presse versuchte, die Proteste kleinzureden. Doch der Aufstand markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der UdSSR.
Nicht viele Berufsgruppen haben eine eigene Ehrenmedaille. Der Bergleute gehören dazu. Die Auszeichnung sei das Relikt einer längst vergangenen Epoche, als ein Menschleben noch in Tonnen geförderter Steinkohle oder nach Anzahl der Dienstjahre ermessen worden sei, sagt der Fotograf: „Vielleicht ist es gut, wie es heute ist. Arbeit ist einfach Arbeit und man verdient Geld damit. Vielleicht braucht man aber auch mehr als nur ein Gehalt?“