Krimtataren: Wurzeln schlagen in alter Heimat

Das Dorf Scheich-Assan, heutiges Wosnikowo, ist eines der zahlreichen Tataren-Dörfer im Osten der Halbinsel. Inzwischen leben hier viele Familien russischer, gagausischer und tatarischer Herkunft.

Das Dorf Scheich-Assan, heutiges Wosnikowo, ist eines der zahlreichen Tataren-Dörfer im Osten der Halbinsel. Inzwischen leben hier viele Familien russischer, gagausischer und tatarischer Herkunft.

Anna Dovgal
Einst deportiert, kehrt die Volksgruppe zu ihren Ursprüngen zurück.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gleicht Sewastopol einer wahren Bastion. Zwischen 1941 und 1944 finden auf der Krim Schlachten statt, die zu den blutigsten an der Ostfront zählen. Am 12. Mai 1944 endet die deutsche Okkupation auf der Halbinsel. Zugleich markiert das Datum den Anfang der Deportation der Krimtataren.
Die Zwangsumsiedlung erfolgt auf Stalins Befehl. Der Diktator stellt die Volksgruppe der Krimtataren unter den Generalverdacht, zwischen 1942 und 1943 mit den faschistischen Besatzern kollaboriert zu haben. Rund 230 000 Menschen – die gesamte tatarische Bevölkerung der Halbinsel – wird nach Zentralasien verschleppt. Schätzungen zufolge kommen dabei rund 100 000 Menschen ums Leben.
In den 1980ern kehren zahlreiche Familien aus dem Exil zu ihren Ursprüngen zurück – die Reformen der Perestroika setzen gerade ein. Inzwischen stellen die Tataren 13 Prozent der Krim-Bevölkerung: Ein Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe. Die Deportation wird als ethnische Säuberung anerkannt. Tatarische Menschenrechtsaktivisten setzen sich für die Anerkennung der Zwangsverschickung als Genozid ein.
Hunderte Siedlungen der Krim-Tataren sind von der Landkarte verschwunden. Die wenigen, die übriggeblieben waren, wurden umbenannt.
Die achtköpfige Familie der Kalendarows ist die zahlenstärkste in Wosnikowo. Das Familienoberhaupt ist die 93-jährige Semia. Sie ist am 18. Mai 1944 nach Usbekistan zwangsumgesiedelt worden.
Semia ist 21, als sie mit ihrem Bruder und ihren fünf Schwestern deportiert wird. Ihre Mutter übersteht die Vertreibung nicht. Ihr Vater kämpft zu der Zeit an der Front. Erst ein Jahrzehnt später findet er seine Kinder wieder.
Die 21-Jahre-junge Frau muss unter härtesten Bedingungen in einer Mine schuften. In Usbekistan lernt sie ihren Ehemann kennen – ebenfalls tatarischer Abstammung. Sie haben drei Kinder, die alle im usbekischen Exil geboren werden.
1971 geht Semia in Rente und wird mit einem Auto, einen Teppich und 120 Rubel entlohnt – nicht wenig für die damalige Zeit.
1988 kehrt Semia mit ihrer Familie auf die Krim zurück. Das Familienhaus in ihrem Heimatdorf existiert nicht mehr.
Sie kaufen ein neues, mit blühendem Garten voller Fruchtbäume, Wassermelonen und Gemüse – damals wird die Siedlung gut mit Wasser versorgt. Inzwischen muss das kostbare Nass teuer erworben werden. Und es gibt kaum genug davon: Der Gemüsegarten ist verdorrt, die Fruchtbäume sind ausgetrocknet.
Infolge des 50-jährigen Exils hat sich die Lebensart der Tataren gewandelt. Das Bildungsniveau steigt, die eigene Kultur und die Muttersprache geraten jedoch in Vergessenheit. Die Sowjetführung hat die Deportation der Krimtataren 1989 offiziell verurteilt. Russland bestätigte die Verurteilung in 2014, 2015 zog die Ukraine nach. UPD: Seit dem Krim-Referendum vom 16. März 2014, infolgedessen die Halbinsel in Russland eingegliedert wurde, unterstützt ein Großteil der Krimtataren die Ukraine. Wie zerstritten das indigene Volk über Russland ist, lesen Sie hier.