Zum Schlange-Stehen bereit: Homo Sovieticus auf Einkaufstour

Siehst du eine Schlange, stellt dich erstmal an. Was es gibt, erfährst du später. An dieser Anekdote aus der Sowjetzeit war was dran: Ein Sowjetbürger war immer zum Spontankauf bereit und hatte meist auch ein Einkaufsnetz dabei – vorsichtshalber. / Es gibt Alkohol

Siehst du eine Schlange, stellt dich erstmal an. Was es gibt, erfährst du später. An dieser Anekdote aus der Sowjetzeit war was dran: Ein Sowjetbürger war immer zum Spontankauf bereit und hatte meist auch ein Einkaufsnetz dabei – vorsichtshalber. / Es gibt Alkohol

Alexander Abaza
Shopping, Einkaufserlebnis, Konsumparadies? Nicht zu Sowjetzeiten! Damals kam es einem Sechser im Lotto gleich, Dinge des täglichen Bedarfs zu bekommen – stundenlang anstehen inklusive. Das Schlange-Stehen war in der UdSSR eine Art Volkssport.
„In der Bäckerei gibt es Kaffee“ oder „Nebenan schmeißt man Jeans auf die Ladentheke“, hieß es dann im Buschfunk. Das war meist der Anfang ewig langen Anstehens in der Schlange vor einem Geschäft. / Anstehen für Zucker
Seit den Dreißigerjahren heißen solche Einkaufsnetze „Awoska“. Der russische Kabarettist Arkadi Rajkin hat sich die Bezeichnung einfallen lassen, die so viel bedeutet wie „Für alle Fälle“: Man weiß ja nie, ob man nicht an einer Schlange vorbeikommt. / Vor einem Schaufenster
Eine sowjetische Erfindung: Beim Schlange-Stehen musste man nicht unbedingt körperlich anwesend sein. Es reichte, wenn man nur einen Platz „besetzte“. So war es möglich in mehreren Geschäften gleichzeitig anzustehen. / In einem Schuhgeschäft
Man sagte einfach: „Ich bin nach Ihnen dran, ich komme gleich wieder“ und verschwand für unbestimmte Zeit. Der Letzte in der Schlange war in der Pflicht, Jene, die neuhinzukommen, darüber zu informieren, dass da noch jemand „nach ihm“ sei. / Kaufhaus GUM, Moskau
Zog sich die Schlange bis zum Horizont, musste man die Sache geordnet angehen. Mit einer Nummer auf der Hand wusste jeder genau, wo sein Platz ist.
Paradox, aber in der sowjetischen Mangelwirtschaft gab es Werbung. Doch es war nicht das Ziel, die Nachfrage anzuregen. Man hatte ja genug damit zu tun, die bestehende irgendwie zu befriedigen. / Kaviar für alle
Selbst von den notwendigsten Dingen konnten die Sowjetbürger nur träumen. Arbeiten und Geld verdienen allein reichte nicht aus, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Man musste sich was einfallen lassen, um Mangelware zu beschaffen. Die Tauschwirtschaft florierte. / Wohlstandsidylle in St. Petersburg
Die Sowjetwerbung sollte die Illusion einer Wohlstandsgesellschaft vermitteln. „Wir leben besser. Wir leben in Wohlstand“, lautete eine damals verbreitete Losung.
Heute leben die meisten Russen im Überfluss, alte Gewohnheiten aber bleiben. Vor kurzem erst hat sich vor der Ausstellung des russischen Jugendstillmalers Walentin Serow eine sensationell lange Schlange gebildet. Dass Menschen für das neuste iPhone oder Kayne-West-Schuhe anstehen, ist inzwischen aber wohl ein globales Phänomen. / Blumen zum Schulanfang. Die Fotos wurden auf der Ausstellung „Der Konsum-Traum“ im Moskauer Multimedia Art Museum präsentiert.
Zu Sowjetzeiten waren die Ladenregale prall gefüllt – mit Dingen, die niemand wollte. Kam etwas Brauchbares in die Geschäfte, verbreitete sich die Nachricht auf mysteriöse Weise wie ein Lauffeuer. / Warten auf Ware