Russlands Verbündeter Chávez verstorben

 Hugo Chávez schuf die günstigen Bedingungen für die russischen Energiefachleute und Industriellen in Venezuela. Foto: ITAR-TASS

Hugo Chávez schuf die günstigen Bedingungen für die russischen Energiefachleute und Industriellen in Venezuela. Foto: ITAR-TASS

Venezuela steht nach dem Tod Chávez’ vor einer Schicksalswahl. Russland hofft auf die Weiterführung der Idee des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, die Opposition wünscht einen Kurswechsel.

Am 5. März starb einer der markantesten und umstrittensten Staatsoberhäupter der Welt, der venezolanische Präsident Hugo Chávez, an Krebs. Er regierte das Land seit 1999. Vizepräsident Nicolas Maduro verkündete die traurige Nachricht im staatlichen Fernsehen. Laut

Verfassung müssen nun in den nächsten dreißig Tagen Präsidentschaftswahlen abgehalten werden. Chávez verstarb im Alter von 58 Jahren in einem Militärhospital der Landeshauptstadt Caracas, wohin er nach einer zweimonatigen Behandlung auf Kuba Mitte Februar verlegt worden war. Von seiner schweren Erkrankung ließ Chávez im Juli 2011 die Öffentlichkeit erfahren. Laut Meinung seines behandelnden Arztes, Salvador Navarrete, blieben Chávez zum damaligen Zeitpunkt noch ungefähr zwei Jahre zu leben.

Im Oktober 2012 gewann Chávez seine vierte Präsidentschaftswahl, konnte allerdings aufgrund seiner Erkrankung nicht vereidigt werden. Die Idee, in Venezuela einen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts" zu errichten, blieb für ihn somit unerfüllt. Chávez geht wegen seiner ambitionierten Versuche, in Lateinamerika eine starke antiimperialistische Koalition zu errichten, in die Geschichte ein. Dem wichtigsten Handelspartner seines Landes, den Vereinigten Staaten von Amerika, warf er den Fehdehandschuh vor die Füße, indem er die Erdölfördereinrichtungen von Exxon Mobil, ConocoPhillips und Chevron und nebenbei auch die Banken, Goldminen und Kraftwerke verstaatlichte. Den US-Präsidenten Obama bezeichnete Chávez einmal als Clown, dessen Vorgänger Bush als Teufel.

 

Nachfolger ist Nicolas Maduro

Der kommissarische Präsident Venezuelas, der 50-jährige Nicolas Maduro, den Chávez vor seinem Behandlungsaufenthalt in Havanna zu seinem Stellvertreter ernannt hatte, gilt als noch antiamerikanischer als Chávez selbst und wird aller Voraussicht nach dessen Linie fortsetzen. Moskau kann im Falle seines Sieges bei den nun anstehenden Präsidentschaftswahlen voll und ganz mit der Aufrechterhaltung der guten Beziehungen mit Venezuela rechnen.

Maduro ist seit Beginn der Neunzigerjahre ein treuer Kampfgefährte Chávez' und machte seinen Weg vom einfachen Busfahrer und Gewerkschaftsaktivisten der U-Bahn-Angestellten bis hin zum Außenminister und Vizepräsidenten des Landes.

Chávez' eigene politische Karriere begann mit einem gescheiterten Putschversuch im Jahre 1992, der durch die Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik der damaligen Führung Venezuelas hervorgerufen wurde. Nachdem er zwei Jahre im Gefängnis verbracht hatte, gründete Chávez die sozial-demokratische Partei Movimiento V Republica (Bewegung für eine Fünfte Republik). Vier Jahre später, 1999, gewann er seine ersten Präsidentschaftswahlen.

2002 konnte Chávez einen Staatsstreich verhindern, und 2004 überstand er erfolgreich ein Amtsenthebungsverfahren. Im Jahr 2005 verkündete Chávez den Kurs zum Aufbau des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Mitte der Zweitausenderjahre begann Chávez damit, eine antiimperialistische Front aufzubauen, und rief zusammen mit seinen engsten Bündnispartnern Kuba und Bolivien die Errichtung einer „Achse des Guten" aus.

 

Enge Wirtschaftskooperation mit Russland

Bereits damals begannen Caracas und Moskau einander stark anzunähern, vor allem im Bereich der militärtechnischen Zusammenarbeit. Dieser Prozess nahm an Intensivität zu, nachdem die USA sich 2006 geweigert hatten, Rüstungstechnik und Ersatzteile an Venezuela zu liefern. „Venezuela hat Russland durch den großangelegten Einkauf russischer Rüstungstechnik und der Beteiligung russischer Unternehmen an der Erdöl- und Erdgasförderung sowie an verschiedenen anderen Projekten die Tür nach Lateinamerika geöffnet", sagt der stellvertretende Direktor des Lateinamerikainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Wladimir Sudarjew.

Im Zeitraum von 2005 bis 2007 kaufte Caracas 24 Abfangjäger des Typs SU-30 MK2, mehr als 50 Hubschrauber Mi-17W, Mi-35M, Mi-26T, zwölf Flugabwehrraketensysteme Tor-M1 sowie 100 000 automatische Sturmgewehre der Marke Kalaschnikow. Die Liste der Aufträge Venezuelas zu Beginn des Jahres 2012 wurde auf ein Volumen von fünf Milliarden Euro geschätzt, dazu kommt noch der Kredit in Höhe von drei Milliarden Euro, der Caracas für die Entwicklung der militärtechnischen Zusammenarbeit gewährt wurde.

„Was den militärtechnischen Bereich betrifft, so ist hier die Grenze bereits erreicht", glaubt Sudarjew. „Venezuela benötigt keine weiteren Waffen. Zudem sollte Russland eigentlich nicht daran interessiert sein, sich den Vorwurf der Mithilfe zur Aufrüstung in Lateinamerika einzufangen."

Ein weiterer wichtiger Bereich der Zusammenarbeit mit Russland ist die Energiewirtschaft. 2010 unterzeichneten das staatliche venezolanische Erdölunternehmen PDVSA und das Nationale Erdölkonsortium, eine Vereinigung der fünf größten Erdölgesellschaften Russlands, ein Abkommen über den Ausbau des Blocks Junin-6, der sich im Flussbecken des Orinoko, dem Bereich der weltweit größten Erdöl- und Bitumenvorkommen befindet. Die Erdölförderung wurde im September des vergangenen Jahres aufgenommen. Rosneft plant, in zwei Jahren mit der Erschließung der Lagerstätte Carabobo-2 in eben dieser Region zu beginnen. Die Förderkapazität in jeder dieser Lagerstätten soll bis zu 450.000 Barrel Erdöl pro Tag betragen. Inter RAO berichtete über Pläne, in Venezuela ein Öl-Koks-Wärmekraftwerk mit einer Leistung von 300 Megawatt zu errichten.

 

Hoffnung auf Kontinuität

„Es war Chávez, der solche grundlegenden Entscheidungen traf. Er war es, der die günstigen Bedingungen für die russischen Energiefachleute und Industriellen schuf", sagt Wladimir Sudarjew. Nach Chávez' Ableben müssen im Lande binnen dreißig Tagen vorgezogene Präsidentschaftswahlen abgehalten werden. Gegenwärtig habe Nicolas Maduros die größten Chancen auf einen Wahlsieg, glaubt Wladimir Sudarjew.

„Auch wenn die Opposition im Oktober scheinbar ihre Stärke gezeigt hat, als ihr Kandidat Henrique Capriles 45 Prozent der Wahlbeteiligten auf sich vereinigen konnte, ist sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt heillos zerstritten und verfügt über keinen gemeinsamen Kandidaten, während die Anhänger Chávez' die Massenmedien kontrollieren", bemerkt der Experte.

Der Opposition könnte zugutekommen, dass die Wirtschaftslage im Lande sich verschlechtert hat. Ende 2012 betrug die Inflation in Venezuela 21 Prozent. Damit liegt das Land weltweit hinter Belarus, Syrien, dem Sudan, Argentinien, dem Iran und Äthiopien auf dem siebten Platz. Anfang Februar wertete die Regierung Venezuelas ihre Währung, den Bolivar, um 32 Prozent ab und der Kurs fiel von 4,3 auf 6,3 Bolivar pro US-Dollar. „Das bekommen natürlich vor allem die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zu spüren, und gerade diese bilden die Anhängerschaft von Chávez", sagt Sudarjew.

Sollte die Opposition an die Macht kommen, dürfte sich das für die russischen Unternehmen günstige politische Klima ändern, da dies im Wesentlichen den Bemühungen Chávez' zu verdanken ist. „Aber das bedeutet noch lange nicht, dass alle Verträge annulliert und unsere Unternehmen aus dem Land gedrängt werden. Venezuela achtet das internationale Recht", sagt Sudarjew. „Möglicherweise wird der eine oder andere Vertrag eingefroren, aber Russland wird Venezuela höchstwahrscheinlich nicht verlassen müssen, da der Opposition daran nicht gelegen ist."

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