Das Ende einer Ära

Foto: Reuters

Foto: Reuters

Boris Beresowski, der wie kaum eine andere Figur der 1990er-Jahre die negative und teilweise sogar kriminelle Einflussnahme der russischen Wirtschaftselite auf die Politik verkörperte, ist am vergangenen Samstag in Großbritannien gestorben.

Sein Talent, politische und wirtschaftliche Entscheidungen mit der ihm verfügbaren Macht durchzusetzen, brachte Beresowskij am Ende des vergangenen Jahrhunderts den Ruf ein, die „graue Eminenz des Kreml" zu sein. Er galt als ein mit Scharfsinn und Intelligenz bedachter Meister des politischen Kalküls. Vor seinem Tod jedoch hatte er seine politische und finanzielle Bedeutung weitgehend eingebüßt. Für Schlagzeilen sorgten in den vergangenen Jahren die Eklats um die Aufteilung seines Vermögens und die erfolglosen Prozesse, die der einstige Oligarch gegen frühere Geschäftspartner führte.

 

Von der Universität zur Wirtschaftselite

Die Karriere des Boris Beresowski bis zum Beginn der 1990er-Jahre entspricht einer typischen Laufbahn als Wissenschaftler in der Sowjetunion. 1945 in Moskau geboren spezialisierte sich der studierte Mathematiker

Ende der 1960er-Jahre auf Probleme von Steuerungssystemen. Mit 37 Jahren promovierte Beresowski, mit 45 Jahren wurde er Mitglied und Korrespondent der Akademie der Wissenschaften.

Die neuen Möglichkeiten, die sich Ende der 1980er-Jahre mit der Liberalisierung des Wirtschaftssystems in der UdSSR eröffneten, ließ Beresowski nicht ungenutzt vorüberziehen. Im Jahr 1989 wurde er dank persönlicher Kontakte zur Leitung des sowjetischen Automobilgiganten AwtoWAZ zum Direktor des Joint-Ventures LogoWAZ ernannt.

Als die Grundpfeiler seines Finanzimperiums stabil genug waren, entwickelte sich Beresowski zu einem zunehmend einflussreichen Akteur im politischen System Russlands. Dank seiner Nähe zum Kreml wurde er in den Kreis der Wenigen aufgenommen, die sich im Rahmen des Loan-for-Share-Programms im Jahre 1995 an Versteigerungen beteiligen durften. Diese Auktionen dienten der Privatisierung einiger mächtiger russischer Konzerne überwiegend aus der Energiewirtschaft und der Schwerindustrie. Sie wurden von bestimmten Banken und Kapitalgruppen organisiert, die diese letztlich auch gewannen. Die Finanzgruppe um Beresowskij bekam den Zuschlag für den Ölkonzern Sibneft, der sich als ein echter Diamant erwies.

Beresowski zeigte auch Interesse an der Fluggesellschaft Aeroflot. Mit diesem Manöver jedoch handelte er sich ein folgenreiches Strafverfahren ein. Die russischen Behörden stellten fest, dass Beresowskij über seine Bevollmächtigten versucht hatte, sich den Cash-Flow der Fluggesellschaft ohne formale Privatisierung anzueignen, und so dem Staat nicht unerheblichen finanziellen Schaden zugefügt hatte. Nach einem mehrjährigen Prozess wurde Beresowskij im Jahr 2007 in Abwesenheit zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Beresowski selbst hatte den Wert und den Umfang seines Vermögens nie öffentlich beziffert, stattdessen nebulös gelegentlich von „einigen Milliarden Dollar" gesprochen. In den letzten Monaten seines Lebens überschlugen sich in den Medien Meldungen, der Unternehmer müsse sein Vermögen veräußern, um Schulden gegenüber seinen Partnern und Ex-Ehefrauen sowie Prozesskosten zu begleichen.

 

Die politische Karriere

Seinen politischen Einfluss machte Beresowski im Gewand verschiedener staatlicher Ämter geltend. In den Jahren 1996 bis 1997 war er Vizepräsident des Sicherheitsrates, von 1998 bis 1999 GUS-Exekutivsekretär und 1999 bis 2000 Duma-Abgeordneter. 1996 beteiligte er sich an der Kampagne zur Wiederwahl von Boris Jelzin. 1999 wurde Beresowski ins Unterhaus des russischen Parlaments gewählt. Nach noch nicht einmal einem Jahr legte Beresowski seine Vollmachten nieder und flüchtete ins politische Exil nach London. Seinen Rückzug nach Großbritannien erklärte Beresowski als Reaktion auf unüberbrückbare Differenzen mit Wladimir Putin. Den hatte er anfangs vorbehaltlos unterstützt, erlangte aber später die Überzeugung, dass der neue Präsident Russland auf einen falschen Weg bringe.

Politische Beobachter führten die Flucht Beresowskis auf eine Machtverschiebung im Kreml zurück. Dieser habe ihn in seiner Position als politischer Drahtzieher zunehmend zurückgedrängt.

 

Das Ende einer Ära

Die Moderatorin und Autorin Irina Chakamada glaubt, dass der Tod von Boris Beresowski das politische und öffentliche Leben in Russland nicht nachhaltig berühren wird. Sein Name sei berühmt-berüchtigt. Er werde automatisch mit Skandalen und Provokationen verknüpft.

Die Einschätzung Chakamadas teilt der stellvertretende Generaldirektor des Zentrums für Polittechnologien Alexej Makarkin. Der einstige Oligarch sei schon lange an den Rand der russischen Öffentlichkeit und Politik gerückt. „Beresowski hatte im letzten Jahrzehnt kaum mehr Bedeutung. Er ist heute nicht mehr von öffentlichem Interesse", so Makarkin.

Der Leiter der Internationalen Stiftung für Freiheitsrechte, Alexander Goldfarb, ist dagegen der Meinung, dass es keinen Bereich im heutigen Russland gebe, in dem Beresowski seine Handschrift nicht hinterlassen habe. Vor allem aber stehe er für persönlichen Erfolg. Er verkörperte einen Menschen, der aus den Trümmern des Staates heraus Immenses geschafft habe, so Goldfarb.

„Sein Tod hat in gewisser Weise symbolischen Charakter. Er bedeutet das Ende einer Ära", so der Duma-Abgeordnete und Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Massenmedien und Informationspolitik Alexej Mitrofanow.

Mit dem Tod Beresowskis geht tatsächliche eine Ära zu Ende. „Historisch, abenteuerlich, mutig, schmutzig, gigantisch, kleinkariert und bedingungslos" nannte sie der Publizist Alexander Archangelskij einmal. „Menschen wie Beresowski erhitzen zu ihren Lebzeiten die Gemüter, doch nach ihrem Tod wird ihnen in Büchern und Filmen ein Denkmal gesetzt", so Archangelskij vorausschauend.

 

Quelle: Zusammenstellung von Meldungen aus RIA Novosti,Wsgljad und Gazeta.ru.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland