Margaret Thatcher: Eisern bis zum Schluss

 Vor dem Haus der ehemaligen Premierministerin Thatcher legen die Meschen Blumen nieder. Foto: AP

Vor dem Haus der ehemaligen Premierministerin Thatcher legen die Meschen Blumen nieder. Foto: AP

Am Montag starb Großbritanniens Ex-Premierministerin Margaret Thatcher im Alter von 87 Jahren. In den Erinnerungen derer, die sie persönlich kannten, machte die Eiserne Lady ihrem Spitznamen alle Ehre. Sie war stark, durchsetzungsfähig und charismatisch.

Im März 1987 gab Margaret Thatcher den sowjetischen Journalisten Tomas Kolesnitschenko, Wladimir Simonow und Boris Kaljagin ein Interview, das der zentrale Fernsehsender der Sowjetunion Gosteleradio ausstrahlte. „Ihr Gespräch mit den sowjetischen Medienvertretern war das erste direkt übertragene Fernsehinterview eines westlichen Politikers. Es schlug bei den Fernsehzuschauern ein wie eine Bombe", erinnert sich der russische Journalist Alexander Archangelski. „Für uns heute ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein westlicher Staatsführer bissig, unabhängig und gewitzt antwortet. Für die damaligen Zuschauer war das völlig neu."

Boris Kaljagin, politischer Kommentator beim sowjetischen Fernsehen und Radio, hat herzliche Erinnerungen an dieses Gespräch: „Sie war eine sehr interessante Frau. Sie konnte einem unangenehme Dinge sagen, tat das aber mit einem bezaubernden Lächeln. Man musste ihr einfach wohlgesonnen sein."

Auch der russische Politiker und frühere Vize-Regierungschef Boris Nemzow, der viele Jahre persönlichen Kontakt zu Thatcher pflegte, hat eine hohe Meinung von der Eisernen Lady: „Sie war ein absolut aufrichtiger und prinzipientreuer Mensch. Sie hätte sich von ihren Überzeugungen nie abbringen lassen. Derartige Charakterstärke habe ich nie wieder bei einem Menschen angetroffen." Thatcher habe an das Privateigentum, die Einhaltung der Gesetze und an die Demokratie geglaubt. Jedwede Form des Glaubens an eine Allmacht des Staates sei ihr fremd gewesen, so Nemzow.

„Sie hatte ein ausgeprägtes Charisma und zog die Aufmerksamkeit der anderen sofort auf sich", erinnert sich der russische Oppositionelle Wladimir Ryschkow, der Thatcher einige Male getroffen hatte. „Margaret Thatcher hatte eine sehr starke Ausstrahlung und vermittelte große persönliche Stärke. Trotz ihrer zarten Erscheinung drückten sich in ihrem scharfen und durchdringenden Blick, ihrer berühmten Frisur und ihrer Körperhaltung unbeugsame Autorität aus."

Ryschkow ehrt den Einsatz Thatchers für ihr Land: „Sie hat Großbritannien neu geordnet. Vor Thatchers Amtszeit drückten das Land eine große Soziallast, Arbeitslosigkeit und starke Inflation. Die Premierministerin behandelte die britische Wirtschaft praktisch mit chirurgischen Schnitten, kürzte die Sozialausgaben und verwandelte London in ein internationales Finanzzentrum. Das Großbritannien, das wir heute kennen, ist ihr Verdienst."

Mit der Sowjetunion und später Russland fühlte sich Thatcher, wie Nemzow bemerkt, in besonderer Weise verbunden. „Sie interessierte sich lebhaft für die Russen. Beide Länder einte nach ihrer Auffassung eine wichtige Gemeinsamkeit: eine imperiale Vergangenheit. Nur hatte Großbritannien dieses Kapitel seiner Geschichte abgeschlossen, während es Russland noch bevorstand."

Thatcher ging mit ihrer vorbehaltlosen Unterstützung Michail Gorbatschows noch vor der Perestroika allen anderen Staatsoberhäuptern der Welt voraus. In dieser Frage stellte sie ihren politischen Scharfsinn unter Beweis. Ihre Einschätzung war es, die den Westen für die bevorstehenden Umwälzungen in der UdSSR aufschloss, eine Beendigung des Kalten Krieges und einen Stopp des Rüstungswettlaufs ermöglichte.

„Sie war die erste, die in Gorbatschow einen Politiker mit großer Zukunft erkannte", bekräftigt der Journalist Kaljagin. Er führt weiter aus, dass von ihr die berühmten Worte gekommen seien: „Mit diesem Mann kann man sich einlassen."

Nicht alle bewerten diesen Einfluss von Margaret Thatcher auf den ersten und letzten Präsidenten der UdSSR positiv. „Thatcher, eine der wichtigsten politischen Figuren des ausgehenden 20. Jahrhunderts, bekannte sich ebenso wie Ronald Reagan offen zum Wettstreit des Westens mit der UdSSR und zum Kampf gegen das kommunistische Regime. Eben diese Haltung brachte die britische Premierministerin in die Beziehung zu Gorbatschow ein. Und Gorbatschow machte viel mehr Zugeständnisse an sie als umgekehrt. Ihr Einfluss und ihr Beitrag zum Zerfall der UdSSR dürfen nicht unterschätzt werden", mahnt der promovierte Historiker und Politologe Wjatscheslaw Nikonow.

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