Russischer Nahost-Experte plädiert für Nichteinmischung in Syrien

Nahost-Experte Wladimir Isajew: Wenn Syrien fällt, so könnten die nächsten Spieler auf dem Spielfeld Jordanien und Libanon werden. Foto: AP

Nahost-Experte Wladimir Isajew: Wenn Syrien fällt, so könnten die nächsten Spieler auf dem Spielfeld Jordanien und Libanon werden. Foto: AP

Der Nahost-Experte des Zentrums für arabische Forschungen des Osteuropainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Wladimir Isajew, plädiert dafür, dass die Konfliktparteien in Syrien in Verhandlungen zu einer Lösung finden. Einmischung von außen hält er für kontraproduktiv.

Herr Isajew, Israel hat sich in den Syrien-Konflikt eingemischt. Als Antwort darauf drohte Damaskus damit, die Palästinenser mit moderneren Waffen auszustatten und hat seine Raketen in Richtung Israel ausgerichtet. Wie ernst ist die Gefahr einer Ausweitung des Konflikts?

Syrien kann in seinem gegenwärtigen Zustand Israel nicht die Stirn bieten. Das wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Wenn Syrien selbst in der Vergangenheit nichts gegen die Okkupation eines Teiles seines Territoriums durch Israel unternehmen konnte, so kann es dies jetzt erst recht nicht.

Die Gefahr, dass die Palästinenser mit modernen Waffen ausgestattet werden, bleibt bestehen. Syrien selbst hat einen dringenden Bedarf an Waffen. Wenn man bedenkt, dass bereits seit zwei Jahren ein regelrechter Bürgerkrieg im Gange ist, ist der Verbrauch an Militärtechnik dort zurzeit riesig. Nicht umsonst wenden die Syrier sich gegenwärtig auch an Russland, damit wir unsere Lieferungen vergrößern, was wir jedoch nicht tun, auch wenn wir weiterhin Waffen im Rahmen früher geschlossener Verträge liefern. Die Gefahr ist also in vieler Beziehung nicht ganz so kritisch.

Inwieweit ist der Iran gegenwärtig in der Lage, eine Gefahr für Israel darzustellen?

Der Iran droht Israel schon lange. Die Hisbollah im Libanon sieht vor allen in Israel ihren Feind und bezieht ihre Waffen im Wesentlichen aus dem Iran. Aber faktisch stellt der Iran zum momentanen Zeitpunkt keine reale Gefahr dar – zumindest solange er noch nicht über Atomwaffen verfügt.

Laut israelischen Quellen hat Syrien der Hisbollah im Libanon moderne iranische Raketen übergeben. Ist es denn wahrscheinlich, dass Damaskus diese Bewegung auch mit chemischen Waffen versorgt? Zum Beispiel, wenn sich eine Niederlage im Bürgerkrieg abzeichnet?

In der gegenwärtigen Situation wird jeder, der chemische Waffen weitergibt, sofort als Schurke eingestuft und mit Sanktionen belegt. Ich denke, dass die UNO nichts dagegen unternehmen wird, wenn gegen solche Länder ein Militärschlag erfolgt, um eben diese Bestände an chemischen Waffen, die an andere weitergegeben werden sollen, zu liquidieren.

Wenn der Krieg bereits über die Grenzen Syriens hinausgeht, in welcher Richtung wird er sich dann weiterentwickeln?

Wenn Syrien fällt, so könnten die nächsten Spieler auf dem Spielfeld Jordanien und Libanon werden. Vor allem Libanon, in dem die Lage ohnehin nicht sehr stabil ist.

Am Wochenende schloss das Pentagon erstmals Waffenlieferungen an die Aufständischen in Syrien nicht mehr aus. Moskau dagegen erklärte sich erneut bereit, als Vermittler bei den Verhandlungen zwischen den sich bekämpfenden Seiten aufzutreten. Welche Chancen haben Verhandlungen gegenwärtig?

Russland hat angeboten, zwischen der syrischen Opposition und dem Assad-Regimes zu vermitteln, um dem Konflikt seine Schärfe zu nehmen. Es wäre gut, wenn diese Verhandlungen erfolgreich ausgingen. Allerdings

gibt es kaum Anlass für Optimismus in dieser Hinsicht.

Wir können nur hoffen, dass sich diejenigen, die die Aufständischen in Syrien als Oppositionelle bezeichnen und diese mit Waffen beliefern, etwas genauer hinsehen. Dann werden sie begreifen, wem sie eigentlich diese Waffen liefern. Nicht umsonst haben die Vereinigten Staaten bereits erklärt, dass der Einsatz chemischer Stoffe in einigen Fällen nicht durch das syrische Regime erfolgte, sondern in Wirklichkeit durch die Opposition. Die UNO sieht das ähnlich.

Die Amerikaner selbst erklären, dass es schon alleine aus dem einfachen Grunde nicht sinnvoll ist, sich einzumischen, da vollkommen unklar sei, in wessen Hände die Waffen fielen. Die Waffen, die geliefert werden, tauchen dann später womöglich in Mali oder Algerien wieder auf, in denen eben solche Oppositionelle alle möglichen terroristischen Aktionen ausführen. Unter diesem Gesichtspunkt hätten sich jene Länder, die ein Interesse am Schicksal Syriens haben, zusammensetzen und ein für alle Mal klären müssen, wer überhaupt als normale und loyale Opposition betrachtet werden kann und dann Syrien am besten in Ruhe gelassen. Sollen die Syrier ihre internen Konflikte doch selbst klären.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Wsgljad.

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