Anti-Terror: Bürgermeister von Machatschkala verhaftet

Russische Medien bezeichnen Said Amirow  als den zweiteinflussreichsten Menschen im Kaukasus nach Ramsan Kadyrow. Foto: AP

Russische Medien bezeichnen Said Amirow als den zweiteinflussreichsten Menschen im Kaukasus nach Ramsan Kadyrow. Foto: AP

Das langjährige Stadtoberhaupt der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala, Said Amirow, ist verhaftet und nach Moskau gebracht worden. Er soll in einen Mord an einem Kripo-Ermittler verwickelt sein – und nicht nur das.

Die Festnahme des Bürgermeisters erfolgte mit einem großen Aufgebot an Sicherheitskräften und Technik – wobei die ortsansässige Polizei völlig ahnungslos war. Wie schon öfter bei Festnahmen großer lokaler Autoritäten hielten die Moskauer Behörden ihren Zugriff geheim, damit niemand die Zielperson warnen kann.

Mit Panzerfahrzeugen wurde das Wohnviertel, in dem Amirow lebt, abgeriegelt. Dann brachte ihn in seinen Amtssitz, damit er den Fahndern Unterlagen übergeben konnte. Anschließend wurde der Bürgermeister mit einem vor dem Rathaus gelandeten Hubschrauber ausgeflogen.

Gestern erließ ein Moskauer Haftrichter Haftbefehl gegen den 59 Jahre alten Bürgermeister, der seit einem Mordanschlag 1993 im Rollstuhl sitzt. Seither hat der Politiker den Spitznamen „Roosevelt".

 

Zweitwichtigster Mann im Kaukasus: schon 15 Attentate überstanden

Das damalige Attentat war bei weitem nicht das einzige: Insgesamt wurden schon 15 Attentate auf den seit 1998 ununterbrochen regierenden Bürgermeister der Hauptstadt der Terror-geschüttelten Republik verübt. Schon allein dieser Umstand spricht für die Wichtigkeit Amirows im komplexen Machtgefüge der von Clan-Strukturen dominierten Vielvölkerrepublik.

Die Moskauer Web-Zeitung RBK.ru bezeichnet ihn sogar als „den zweiteinflussreichsten Menschen im Kaukasus nach (dem tschetschenischen Republik-Chef ) Ramsan Kadyrow". Wer in Dagestan etwas werden wollte oder geworden war, musste Amirow seine Aufwartung machen, heißt es.

 

Zugriffsbefehl kam aus dem Kreml

Die Festnahme des Paten im Bürgermeistersessel war deshalb auch wohl kaum eine einsame Entscheidung von Kriminalisten, sondern kam direkt aus dem Kreml: Wie die „Iswestija" berichtet, erging von dort der Befehl „alle wegzuputzen, die irgendwie in Korruption und Verbindung zu Terroristen" verwickelt sind. Während der erste Faktor im russischen administrativen System fast alltäglich ist, sind Terror-Verbindungen von Amtspersonen ein anderes Kaliber. Dagestan wird ständig von Terrorakten erschüttert.

„Wir bekamen die Information, dass dahinter höchste Amtspersonen der Republik stehen. Das kann man nicht zulassen", so ein Informant aus der Präsidenten-Verwaltung. Auch geht es dem Kreml angesichts der anstehenden olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi darum, dem kaukasischen Terror-Untergrund den Garaus zu machen. Schon lange ist dabei nicht mehr Tschetschenien, sondern dessen Nachbarrepublik Dagestan der größte Unruheherd.

Im Haftbefehl wird Amirow eine Verbindung zu einem Mord an einem Machatschkalaer Mitarbeiter der Ermittlungsbehörde SKR im Dezember 2011 vorgeworfen. Nach Angaben der Behörde sind in diesem Fall gegenwärtig über zehn Personen in Haft. Sie wurden allesamt nach Moskau gebracht.

 

Pate für Terrorgruppe und Killerbande in Uniform?

Unter den in den letzten Tagen verhafteten Personen ist auch ein 25-Jähriger, der als Anführer einer in Machatschkala aktiven Terrorgruppe gilt. Ebenfalls hinter Gittern sitzt ein Neffe Amirows, der Vizebürgermeister der dagestanischen Stadt Kaspijsk ist.

Und außerdem wurde in Baku ein inzwischen an Russland ausgelieferter junger Ermittler der Kripo von Machatschkala verhaftet, der im Verdacht steht, als Killer mehrere Mordanschläge begangen zu haben. Es sei dieser Mann gewesen, der im Verhör seinen Kollegen gestanden habe, dass der Mord vor anderthalb Jahren nicht auf das Konto von Terroristen, sondern einer Gruppierung aus Polizisten und Amtspersonen geht.

Presseberichten zufolge wird davon ausgegangen, dass der „unversenkbare" Bürgermeister sowohl zu der Terrorgruppe wie auch der Behörden-Mafia-Bande in engen Verbindungen stand.

 

Kommt nun die große Säuberung in Dagestan?

Vermutlich folgt auf die Mordermittlungen jetzt noch ein ganzes Paket an Verfahren, bei denen es um Wirtschaftsverbrechen und Korruption gehen

wird. Dagestan gilt in Russland auch als Hochburg für Geldwäsche und Finanzbetrug.

Ohne tiefe Erschütterungen gehen solche Eingriffe in das traditionelle Machtgefüge der Republik am Kaspischen Meer aber kaum ab. Dort herrschte ohnehin schon Stress, da Ende Januar Präsident Putin das aus der traditionellen Herrscher-Sippe stammende bisherige Republik-Oberhaupt abgesetzt und durch Ramasan Abdulatipow ersetzt hatte.

Der ist zwar auch Dagestaner, hatte aber bisher nur in Moskau als Minister, Botschafter, Abgeordneter und Uni-Rektor Karriere gemacht.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russland Aktuell.

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