Merkel und Putin finden Kompromiss

Wladimir Putin und Angela Merkel werden sicher keine engen Freunde mehr, nicht nur wegen der schwelenden Wertedebatte. Beide haben aber Wege gefunden, miteinander zu kommunizieren. Foto: Getty Images/Fotobank

Wladimir Putin und Angela Merkel werden sicher keine engen Freunde mehr, nicht nur wegen der schwelenden Wertedebatte. Beide haben aber Wege gefunden, miteinander zu kommunizieren. Foto: Getty Images/Fotobank

In seinem Bericht direkt vom Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg stellt unser Autor Dirk Besserer die Frage, ob die Treffen zwischen Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel einen Wendepunkt in der gegenwärtigen politischen „Eiszeit“ bedeuten.

Bei strahlendem Sonnenschein schwebt Angela Merkel in am Freitagmittag in Sankt Petersburg ein. Auf der Agenda stehen eine Ansprache auf dem Internationalen Wirtschaftsforum, ein Gespräch mit Präsident Wladimir Putin, eine Bootsfahrt mit Wirtschaftsvertretern auf dem Fluss Newa.

Abgeschlossen werden soll der Besuch mit der Eröffnung der Bronzezeit-Ausstellung in der weltberühmten Eremitage. Dies soll den offiziellen Abschluss des Deutschlandjahres 2012/2013 in der Russischen Föderation bilden.

Noch vor Ankunft der Kanzlerin in Russland melden deutsche Medien, der Rundgang auf der Bronzezeit-Ausstellung sei abgesagt. Die Kanzlerin sei verstimmt, weil Sie kein Grußwort halten dürfe. Hintergrund sei das schwierige Verhältnis beim Thema Beutekunst. Noch immer lagern in russischen Museen und Depots große Mengen an Exponaten und Büchern. Nach anfänglicher Rückgabebereitschaft in den neunziger Jahren verabschiedete die Duma ein Gesetz, welches die "Trophäen" als russischen staatlichen Besitz erklärt.

In Sankt Petersburg sind zum ersten Mal 600 dieser Exponate gemeinsam ausgestellt, darunter der Schatz von Eberswalde, ein 2,59 kg schwerer Hort aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend, der bis 2004 als verschollen galt. Deutschland pocht geduldig auf die Rückgabe.

Die über 2000 Gäste im Saal des Lenexpo Geländes, darunter die wirtschaftliche Elite und politische Führung Russlands bekommen von diesen Verstimmungen nichts mit. Pünktlich um 15 Uhr halten Wladimir Putin und Angelika Merkel ihre Ansprachen. Lange haben die Organisatoren des Sankt Petersburger Wirtschaftsforums um die Anreise einer deutschen Regierungsdelegation gebuhlt.

Insidern zufolge kam die Merkel-Reise nach Petersburg im Gegenzug zur Teilnahme von Präsident Putin an der Hannover Messe im April zustande. Im Schlepptau hat die Kanzlerin Dax Vorstände wie Martin Winterkorn von Volkswagen, Peter Löscher von Siemens, Johannes Theyssen von EON, Juergen Fitschen von der Deutschen Bank und den Unternehmer Nikolas Knauf. Sämtlich Unternehmen die schon sehr lange im russischen Markt vertreten sind.

Die Kanzlerin verweist in ihrer Ansprache auf die engen Beziehungen der beiden Länder, lobt die Bemühungen der russischen Regierung um den WTO Beitritt, mahnt mehr Transparenz und Rechtstaatlichkeit ein. Das bilaterale Wirtschaftsvolumen soll in den nächsten Jahren von 80 Milliarden

auf 100 Milliarden Euro ansteigen. „Die Hundert wollen wir schon schaffen", so die Kanzlerin.

In Ihrer Rede geht Angela Merkel ein auf das deutsche Bekenntnis zur EU, die Stabilität des Euros, europäische Werte und auf die Entwicklung der Europäischen Union. Fragen aus dem Saal beziehen sich auf die G8, Syrien und die Entwicklung der Weltwirtschaft.

Im kleinen Kreis besprechen Wladimir Putin und Angela Merkel aktuelle Themen, begleitet wird die Kanzlerin von ihrem außenpolitischen Berater Christoph Heusgen. Als kurz nach 17:00 Uhr der Präsident und die Kanzlerin vor die Presse treten, steht fest, sie werden die Ausstellung „Bronzezeit-Europa ohne Grenzen" doch gemeinsam eröffnen. Angela Merkel fügt hinzu, „natürlich hätte ich die Exponate schon gerne selbst gesehen.

"Zur Versöhnung schenkt Wladimir Putin ihr einen Kupferstich des Deutsch Russischen Handelsabkommens von 1894.

Nach 20:00 Uhr treffen beide in der neuen Eremitage ein, eigentlich war die Eröffnung für 18:00 Uhr geplant. Seit Stunden warten die Verantwortlichen Hermann Partzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Michail Piotrowski, Direktor der Eremitage, sowie zahlreiche weitere Museumsdirektoren und Ehrengäste auf die Delegation.

In einer kurzen Rede schlägt Wladimir Putin vor, die Kunstwerke zu lassen wo sie sich befinden. Den Besuchern sei es schließlich egal, ob sie in Deutschland, Russland, oder, in Anspielung auf den Schatz des Priamos in der Türkei ins Museum gingen. Angela Merkel schlägt vor, über die Rückgabe zu diskutieren.

Zum Schluss tauscht Angela Merkel noch einige Worte mit Irina Antonova, der 90-jaehrigen Direktorin des Moskauer Puschkin Museums und

unversöhnlichen Gegnerin der Rückgabe der "Beutekunst" aus und rauscht aus dem Saal.

Wladimir Putin und Angela Merkel werden sicher keine engen Freunde mehr, nicht nur wegen der schwelenden Wertedebatte. Beide haben aber Wege gefunden, miteinander zu kommunizieren. Sie sind professionell genug zu wissen, dass sie möglicherweise auch in den nächsten Jahren zusammenarbeiten müssen. Dazu sind die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder zu wichtig. Sankt Petersburg könnte als Wendepunkt in der gegenwärtigen „Eiszeit" eingehen und den Weg zum erneuten Dialog gebahnt haben.