Verurteilung Nawalnys ruft breite Proteste hervor

Ganz ohne Zwischenfälle ging am Donnerstagabend die Zusammenkunft der Nawalny-Freunde in der Nähe des Kremls nicht zu Ende. 200 Verhaftungen trübten ein ausgewöhnliches Ereignis.

Foto: Ruslan Suchuschin

Moskau hat schon die verschiedensten Formen des Protestes erlebt, darunter Kundgebungen, Demonstrationszüge, „Occupys“ und Flashmobs. Aber ein Gathering, zu Deutsch Zusammenkunft zur Unterstützung Alexej Nawalnys am vergangenen Donnerstag, nur 200 Meter vom Kreml entfernt, war etwas vollkommen Neues, noch nie Dagewesenes.

Am Donnerstag, dem 18. Juli, wurde Nawalny, der namhafte russische liberale Oppositionelle und Kämpfer gegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er vor einigen Jahren angeblich 10.000 m³ Holz unterschlagen haben soll.

Der Schuldspruch kam nicht unerwartet, weshalb die Opposition bereits eine Woche vor der Verkündigung des Urteils eine Protestaktion auf dem Manegen-Platz angekündigt und diese als Gathering bezeichnet hat. „Gathering“ deshalb, weil für eine politische Demonstration eine behördliche Genehmigung benötigt wird und diese nicht so einfach zu bekommen ist. Aber niemand kann den Menschen verbieten, sich einfach so im Zentrum der Stadt zusammenzufinden. So schien es zumindest.

Am Vortag wurden auf dem Manegen-Platz Bauarbeiten begonnen. Und am Donnerstagabend waren alle Zugänge zum Platz durch die Polizei und Streitkräfte des Innenministeriums abgeriegelt worden. Zugmaschinen, Militärbusse, Armeelaster, Straßenreinigungsfahrzeuge, Armeetruppen, Sondereinheiten in voller Kampfbereitschaft – so sah das Stadtzentrum am Donnerstagabend um 19:00 Uhr aus.

 

Solidarität der Moskauer Bürger

Und es strömten immer mehr Menschen hinzu. Dreitausend, fünftausend, siebentausend und es wurden mehr und mehr. Menschenmassen auf dem Ochotnyj Rjad, der Mochowaja Straße, dem unteren Abschnitt der Twerskaja, auf dem gesamten Bereich vor dem Bolschoj-Theater bis hin zur Lenin-Bibliothek,  auf beiden Seiten der Straßen. Das gesamte Zentrum Moskaus. Am Ende wurde aus der geplanten Zusammenkunft etwas viel Größeres – eine grandiose Demonstration.

Was ins Auge fiel: Es waren keinerlei Fahnen, Plakate oder Losungen zu sehen. Einfach nur ein stummes Entgegenstellen der Masse gegen die

Polizei. Nur selten kam es zu Ausrufen wie „Schande!“ oder „Unschuldig!“. Aber solche Teilnehmer wurden sofort aus der Menge herausgezogen und hinter die Absperrung in einen Polizeibus geschleppt. Insgesamt wurden etwa 200 Personen festgenommen.

Wir konnten sehen, wie ein Fahrradfahrer festgenommen wurde, der die Zusammenkunft mit lauten Ausrufen unterstützte. Erst wurde nur er selbst mitgenommen. Dann fragte der Unterfeldwebel den Oberst: „Und was passiert mit dem Fahrrad?“ „Das ist sein persönliches Eigentum!“ und das Fahrrad wurde ebenfalls  in Gewahrsam genommen und in den Bus geworfen.

Mit der Zeit nimmt die Zahl der Ausrufe immer mehr zu. Vorbeifahrende Autos hupen als Zeichen der Solidarität, die Fahrer halten ihren Arm aus dem Wagenfenster und strecken die auseinandergespreizten Zeige- und Mittelfinger in den Himmel – Victory! Die Menge klatscht begeistert. Irgendwann zwischendurch durchbricht eine ältere Dame auf Krücken die Absperrung und legt die Gehhilfen zu einem „V“ zusammen. Eine andere Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite tut es ihr nach.

Studenten mit Dreadlocks  und iPads, Besitzer teurer Autos, Rentner, Manager – alle stehen an diesem Abend nebeneinander oder bewegen sich mit einer für Moskau untypischen Langsamkeit durch das Stadtzentrum. In der Menge sieht man Menschen beieinander, die man an einem anderen Tag wohl kaum zusammen antreffen würde. Da ist zum Beispiel der russisch-orthodoxe Aktivist und Nationalist Dmitrij Enteo. Dort der berühmte Dichter und Konzeptualist Lew Rubinstein. Daneben steht der ehemalige Kreml-Wahlkampfmanager Gleb Pawlowskij. Und neben ihm, an der Hauswand, der junge Linksradikale Matwej Krylow von "Das andere Russland" mit seinen Freunden. Die Fassaden sind vor lauter Menschen nicht zu sehen. Die Menge pfeift, klatscht, fotografiert.

„Nawalny ist gegenwärtig die einzige Person, die die verschiedensten Strömungen der Opposition miteinander vereinigt – Rechte, Liberale, Linke“, sagt Andrej Leschnjow, Leader der Protest-Rockgruppe IBVZ (I bogataja wnutrennjaja schisnj – Und ein reiches Innenleben). „Aber es geht dabei nicht nur um Nawalny. Indem wir Nawalny verteidigen, verteidigen wir die Freiheit und die Heimat vor Korruption, vor der Mafia und der Cosa Nostra, die führende Positionen im Kreml eingenommen haben“.

 

Auch Oppositionsparteien marschieren mit

Die Opposition der Straße geht diesmal Seite an Seite mit der Opposition aus dem System. Der oppositionelle Abgeordnete der Partei Gerechtes Russland Gennadij Gudkow, der zu der Zusammenkunft gekommen ist, sagt: „Heute hat die Staatsmacht Nawalny von einem Anführer der Straßenproteste zu einem Politiker der ersten Liga gemacht“.

Der Leiter der Partei Jabloko Sergej Mitrochin, der sich der Aktion angeschlossen hat, fügt hinzu: „Protestkundgebungen, Demonstrationen und Flashmobs sind notwendig, aber man muss auch zu den Wahlen gehen

und die Wahllokale beobachten. Die Menschen sind hierhergekommen, um ihr Recht auf ehrliche Wahlen zu verteidigen. Und dieser Prozess ist nicht mehr aufzuhalten“.

Es mag eigenartig klingen, aber am Donnerstag herrschte ungeachtet der angespannten Situation eine feierliche Stimmung. Viele Moskauer hatten ein Lächeln auf den Lippen, jemand trug ein Plakat mit der Aufschrift Nawalnys Bruder auf seinem Rücken, ein anderer hatte an der Staatsduma einen Buchstaben in der Aufschrift verändert und sie so in eine Staatsdura, einen Staatsdämel, verwandelt.

Eine von Nawalnys Protestlosungen lautet "Das ist unsere Stadt!" Am Abend des 18. Julis gehörte das Stadtzentrum, das von Absperrketten der Polizei- in Quadrate unterteilt und von Kämpfern der Spezialeinheiten mit ihrer schweren Technik eingekesselt worden war, tatsächlich nicht den Staats-„Dienern“, sondern dem Volk. Die Menschenmenge löste sich erst gegen zwei Uhr in der Nacht auf. Die Menschen gingen mit dem Gefühl eines Sieges auseinander. Am Morgen wurde bekannt, dass Nawalny aus der Untersuchungshaft entlassen worden ist.

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