Syrien-Konflikt: Ein Volk in Angst

Foto: Reuters

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Ein militärisches Eingreifen durch die USA und andere Staaten wird immer wahrscheinlicher. Doch wie sieht die Bevölkerung, die hierdurch angeblich geschützt werden soll, diese Entwicklung?

Präsident Wladimir Putin sprach Barack Obama nicht als seinen Amtskollegen, sondern als Friedensnobelpreisträger an und ermahnte ihn, nicht zu vergessen, dass Luftangriffe auf Syrien „Opfer, darunter auch aus der Zivilbevölkerung", fordern werden. Die Syrer selbst sehen dem amerikanischen Militärschlag mit Schrecken entgegen. Hoffnungen knüpfen sie an den bevorstehenden G-20-Gipfel. Das Treffen der Industrienationen schließlich könnte die Position des Weißen Hauses beeinflussen. Journalisten von Russland HEUTE befragten Menschen aus der syrischen Bevölkerung, was ihnen momentan die größte Angst bereitet.

Mohemmad Ali (Lehrer):

Am meisten fürchte ich mich vor dem, was nach dem Militärschlag kommt. Natürlich kann niemand Amerika aufhalten, wenn es zu einem Angriff entschlossen ist. Möglicherweise werden viele Soldaten die Militäraktionen mit ihrem Leben bezahlen, aber die Verluste in der Zivilbevölkerung werden höchstwahrscheinlich größer sein. Ich meine damit nicht die Opfer unpräziser Luftangriffe, wie sie etwa in Afghanistan, Pakistan, im Irak und in Libyen zu beklagen waren. Ich spreche von Verlusten durch Morde und Massaker. Radikale Islamisten werden den Augenblick nutzen, um regierungsloyale Gebiete des Landes anzugreifen, vor allem Städte und küstennahe Dörfer. Meine größte Angst ist, dass angesichts einer vom amerikanischen Militärschlag geschwächten Armee konfessionelle Konflikte eskalieren. An der Küste leben schließlich über 1,5 Millionen Flüchtlinge aus anderen syrischen Regionen. Die Welt sollte sich die Gefahren einer solchen Entwicklung bewusst machen.

Mustafa Massri (Verkäufer in einem Buchladen):

Offen gestanden hat mich die Nachricht über den geplanten amerikanischen Militärschlag gegen Syrien erfreut. Wir sind dieses Regime leid und sehen, dass es ohne Einmischung von außen nicht fallen wird. Aber auch wenn ich diese Einmischung befürworte, habe ich Angst vor dem drohenden Chaos in Syrien, wenn die Staatsmacht zusammenbricht. Aus Syrien könnte ein zweites Somalia werden.

Schinan Chudr (Studentin):

Jeden Tag sterben in Syrien mindestens 100 bis 200 Menschen. Wir ertragen das nicht länger. Ich habe ein merkwürdiges Gefühl. Es ist eine Mischung aus Todesangst und Erleichterung angesichts des nahenden Endes. Ewig so weiterzuleben ist undenkbar. Den Tod zu erwarten ist schließlich schlimmer als der Tod selbst. Wenn die Welt die Seelen der Syrer schon wie ein Kartenspiel benutzt, dann sollen sie doch ihr letztes Spiel spielen und uns unseren Frieden geben.

Fadi Salman (Unternehmer):

Ich habe vor zwei Dingen Angst: davor, dass die syrischen Regierungstruppen den amerikanischen Militärschlag nicht erwidern, und davor, dass sie das tun. Das eine wie das andere Szenario wird sehr viele Opfer fordern. Ich sehe, dass der gesamte Nahe Osten kurz davor steht zu

explodieren. In das schwelende Feuer hat man lange Zeit eine große Menge Waffen geworfen, und das kann nur zu einem führen: einer großen Explosion. Wenn es das Ziel des Angriffs ist, das Regime zu beseitigen, dann sollte man sich gut überlegen, was nach seinem Sturz passieren kann. Der Sturz des Regimes könnte radikale Kräfte in Syrien an die Macht verhelfen und zur Vernichtung noch größerer Teile der Zivilbevölkerung führen. Amerika behauptet, das Ziel eines Militärschlags bestünde in einer Schwächung des Regimes. Das aber liefe auf eine Fortsetzung des Bürgerkriegs und weiteres Leid der Syrer hinaus.

Dschaljal Ganim (Verkaufsleiter):

Ich befürchte, dass dieser Militärschlag zu nichts führen wird und die Menschen einem noch schwereren und gefährlicheren Leben ausgesetzt werden. Unsere Region ist voll von Chemiewaffen. Verschiedenste, in Syrien aktive Kräfte könnten auf unterschiedlichen Wegen in ihren Besitz gelangen. Es ist also überhaupt nicht ausgeschlossen, dass der Einsatz von Chemiewaffen sich wiederholt. Und niemand weiß vorher, wo das passieren und wer verantwortlich sein wird. Beängstigend finde ich auch die Perspektive, dass der Krieg sich auf die gesamte Region ausweitet, wenn der Iran sich auf die Seite des syrischen Regimes stellt und militärisch interveniert.

Mustafa Dali (Servicekraft in einem Restaurant):

Ich habe Angst, dass eine Schwächung des Regimes den radikalen Kräften der Dschabhat al-Nusra-Front Auftrieb verleihen könnte. Das wäre eine Tragödie.

Chalid Abdu-Saljam (Ingenieur):

Ich habe Angst davor, dass das Chaos in Syrien zunimmt. In jedem Fall wird es tragisch enden. Der Militärangriff kann das Gegenteil dessen

bewirken, was sein erklärtes Ziel ist. Er könnte das Regime stärken und die Bevölkerung schwächen. Sollte infolge des Militärschlags das Regime stürzen, dann wird Syrien höchstwahrscheinlich in die Hände der Islamisten geraten. Europa beweist nicht gerade politische Weitsicht, wenn es Amerika unterstützt. Es wird die Folgen eines Militärkonfliktes unmittelbar zu spüren bekommen. Das alles ist ein geschlossener Kreis: Anfangs unterstützt Europa die syrischen Islamisten, dann wird Syrien die Terroristen nach Europa und in andere Regionen exportieren. Die internationale Gemeinschaft sollte darüber nachdenken, was nach dem amerikanischen Angriff kommt.