Syrien-Konflikt: Russische Frauen zwischen den Fronten

Nadjeschda mit ihrer Töchter. Foto: Jelena Potschetowa

Nadjeschda mit ihrer Töchter. Foto: Jelena Potschetowa

Viele russische Frauen sind mit Syrern verheiratet. Einige harren weiter mit ihren Familien im Land aus. Ihre Erzählungen zeichnen ein Bild der Probleme und Sorgen russischer Frauen inmitten des syrischen Bürgerkriegs.

Der Bürgerkrieg in Syrien verändert das Leben der dort lebenden Frauen grundlegend. Nichts ist wie früher – der Alltag, die Beziehungen und die Zukunftspläne stehen unter neuen Vorzeichen. Viele Familien sind von Schicksalsschlägen getroffen: Tod und Trennung von den Liebsten sind keine Seltenheit mehr. Russische, mit Syrern verheiratete Frauen erzählten einem Korrespondenten von Russland HEUTE von ihren Problemen und Sorgen.

 

Nadjeschda (Mutter zweier Töchter, lebt in Latakia):

Das Verhalten der Syrer mir gegenüber ist so gut wie unverändert, das Leben aber hat mit meinem früheren nichts mehr zu tun. Der Tag beginnt und endet mit den neuesten Nachrichten. Das ist kein Leben mehr, sondern ein Überleben. Während ich früher dieses Land aber geliebt habe, fühle ich mich jetzt seiner Bevölkerung besonders nahe, die sich diesem Unheil entgegenstellt, das die Menschen an den Rand des Abgrunds drängt. Sollte die legitime Vertretung des syrischen Volkes gestürzt werden, dann gibt es mittelfristig weder für mich noch für meine Familie noch für die Syrer eine Zukunft.

 

Larissa (Mutter zweier Kinder, lebte früher an der Küste, seit einem Jahr in Russland):

Meine Beziehungen zu meinen Verwandten haben sich überhaupt nicht verändert. Sie waren immer von Wohlwollen getragen. Man begegnete mir auch mit Verständnis, als ich mich entschloss, Syrien zu verlassen. Auch das Verhältnis zu meinen Nachbarn blieb ungetrübt. Der Fitnessclub, in dem ich trainierte, verlangte von Russen kein Geld mehr, weil Russland konsequent ein Veto gegen alle antisyrischen Resolutionen einlegte. In dem Kulturzentrum, in dem ich Russisch unterrichtete, fing man sogar an, mich mit mehr Respekt zu behandeln.

Die Menschen haben unterschiedliche Meinungen zur Situation in Syrien. Wir haben daher mit manchen unserer Freunde nicht über Politik diskutiert. Andererseits fahre ich nicht mehr allein in die Stadt, zumindest nicht mehr in die sunnitischen Bezirke. Sollte das Regime gestürzt werden, wird meine Familie Syrien wohl verlassen müssen, zumindest so lange, bis die Lage sich beruhigt hat. Ich hoffe nur, dass eine Ausreise dann noch möglich ist. Dort leben schließlich mein Mann und meine erwachsenen Kinder.

 

Elena (Mutter zweier Söhne, lebt in Latakia):

Ich habe wahrscheinlich Glück, denn im Zusammenhang mit den Ereignissen in Syrien haben sich meine Beziehungen zu den Syrern in meinem Umfeld verbessert. Ihre Dankbarkeit gegenüber Russland brachten sie meiner Person gegenüber zum Ausdruck, in manchen Geschäften versuchte man, mir kostenlos Waren zukommen zu lassen, das syrische Volk ist sehr emotional. In einem Geschäft in einem sunnitischen Stadtteil

fragte mich ein junger Verkäufer, woher ich käme – ich glaube, das war in der Zeit, als Russland zum ersten Mal von seinem Vetorecht Gebrauch machte. Ich antwortete: aus Russland. Da schaute er mich an, lächelte und sagte: Naja, Du bist ja nicht verantwortlich.

Bei jedem Treffen und in jedem beliebigen Gespräch wird über die aktuellen politischen Entwicklungen diskutiert, manchmal sogar lautstark, die Anspannung, die Angst, der Schmerz und die ganze Unsicherheit liegen buchstäblich in der Luft. Aber wir haben gelernt, damit zu leben.

Ich bin keine Politikerin, ich bin eine Frau und in erster Linie bin ich Mutter. Manchmal habe ich große Angst. Mein jüngerer Sohn ist fünf Jahre alt, und vielleicht wird er keine Zukunft haben, wenn die Regierung gestürzt wird und der Krieg sich über viele Jahre hinzieht.

Nina Sergejewa (lebte in Latakia, derzeit in Russland):

Ich war Vorsitzende des Koordinationsrats der russischen Landsmänninnen und möchte behaupten: Unabhängig davon, wo russischsprachige Frauen von Syrern in Syrien lebten, waren die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre für sie eine leidvolle Erfahrung. Sie gingen einher mit einer Zerstörung der gewohnten Lebensweise, Todesangst, Angst um das Leben ihrer Angehörigen und Sorge um die Zukunft des Landes, das ihnen zur zweiten Heimat geworden ist.

Die konkreten Lebensumstände einer konkreten Frau und das Verhalten der Syrer ihr gegenüber hingen sehr deutlich davon ab, in welcher Stadt und in welchem Bezirk dieser Stadt sie lebte, welchen Standpunkt ihr Mann und sein Umfeld in diesem Konflikt einnahmen, welche Seite ihre erwachsenen Kinder unterstützten. So ist das immer, man wird sozusagen für die Position verantwortlich gemacht, die das eigene Herkunftsland

einnimmt. Und Russland verfolgt in diesem Konflikt eine unbeugsame Linie, die nicht in der gesamten syrischen Gesellschaft auf Wohlwollen stößt.

Kritisch wird die Lage natürlich, wenn die eigenen Nachbarn, mit denen man jahrelang gut auskam, einem auf einmal feindselig gegenübertreten. Aber für solche Situationen gibt es Lösungen; man zieht in einen anderen Stadtteil oder in eine andere Gegend des Landes. Es ist natürlich verletzend, wenn die Verwandten des Mannes dich auf einmal nicht mehr als Angehörige ansehen. Aber man kann wegziehen. Was bleibt einem schließlich, wenn der eigene Mann oder Sohn dich auf einmal als politischen Gegner wahrnehmen? Soll sie sich etwa selbst verleugnen? Ich kenne Geschichten von Familien, in denen ein solcher Widerspruch nicht nur dramatisch, sondern tragisch endete. Ein Mann tötete seine Frau, der Sohn brach mit seiner Mutter. Und wenn man so etwas erlebt, dann erkennt man die Bodenlosigkeit des Abgrundes, dem sich die Gesellschaft nähert, die auf dem besten Weg ist, sich in einem Bürgerkrieg zu verlieren.