Syrien: Frieden in Sicht?

Bisher ist es ungeklärt, von wem das Giftgas Sarin bei Damaskus verwendet wurde. Foto: AFP / East News

Bisher ist es ungeklärt, von wem das Giftgas Sarin bei Damaskus verwendet wurde. Foto: AFP / East News

Russland HEUTE fragte in Moskau lebende Syrer, was sie von der russischen Initiative zur Übergabe des syrischen Chemiewaffenarsenals unter internationaler Kontrolle halten.

Hasan Aldasch, Ingenieur und Unternehmer

Die großen internationalen Akteure respektieren die Interessen unseres Volkes nicht, dessen Recht auf Freiheit und Demokratie und auf ein vollwertiges Leben. Die chemischen Waffen waren ein Mittel, um Israel auf Abstand zu halten. Das Regime hat sich praktisch innerhalb von zehn Minuten von diesen Waffen getrennt, um an der Macht zu bleiben.

Die russische Initiative gehört zu einem Spiel, das Russland mit Amerika und dem Assad-Regime vereinbart hat. Der russische Vorschlag nützt lediglich dem Regime und Assad persönlich, aber er schwächt Syrien und verschafft Israel völlige Handlungsfreiheit. 


Amin Aldaher, Chemiker und Unternehmer

Die Initiative Russlands bewerte ich positiv, weil sie einen Militärschlag gegen Syrien verhindert. In diesem Sinne bewahrt sie viele Syrer vor Tod

Das C-Waffen-Programm Syriens

 

Das syrische C-Waffen-Programm soll zwischen 1970 und 1980 mit sowjetischer Hilfe entwickelt worden sein, was Russland heute allerdings bestreitet.

Syrien verfügt vermutlich über die weltgrößten Vorräte an Chemiewaffen. Es wird angenommen, dass im Land insgesamt mehr als 1000 Tonnen Senfgas, Sarin, Tabun und Nervengas VX gelagert sind.

Die Kampfstoffe können mit Fliegerbomben 
(bis zu 1000 Stück) und Raketen 
(100 Stück) abgefeuert werden. Nach der nun erreichten Vereinbarung sollen bis Mitte 2014 die Chemiewaffen aus dem Land gebracht und vernichtet werden.

Assad schätzt die Kosten für die Vernichtung der C-Waffen auf etwa eine Milliarde Dollar und behauptet, die Vernichtung des Arsenals werde ein Jahr dauern. Experten bezweifeln, dass der Plan mitten im Bürgerkrieg überhaupt umgesetzt werden kann.

und Leiden. Ein Militärschlag würde den islamistischen Kräften in Syrien zum Sieg verhelfen.

Aber die russische Initiative sorgt nicht für ein Ende der Krise, weil sie den weiteren Zustrom von Kämpfern aus dem Ausland nicht beendet. Sie muss die Konfliktparteien dazu bringen, am Genf-2-Treffen teilzunehmen, damit eine politische Lösung gefunden und eine Übergangs-
regierung der nationalen Einheit gebildet werden kann. 

 

Nidal Abu-Ali, Arzt und staatlicher Angestellter

Es ist schon sehr viel wert, dass die russische Initiative den sich anbahnenden Angriff auf Syrien aufgeschoben hat. Aber das löst nicht das Problem: Alle Beteiligten müssen sich an den Verhandlungstisch setzen. Russland hat getan, was es tun musste, nun muss Amerika endlich damit aufhören, die Terroristen mit Waffen auszustatten.

Dann blieben nur noch die wahren Oppositionellen übrig und dann werden sich auch alle Seiten an den Verhandlungstisch setzen. Aber Russland muss über ein klares Programm für die Friedensgespräche verfügen, das die demokratischen Forderungen des syrischen Volkes enthält.

Nedal Hudr, Arzt und Manager

Es ist schon etwas schmachvoll, dass alle Probleme des Regimes zulasten der militärischen Sicherheit des Landes gehen. Die Chemiewaffen sind ja letzten Endes Eigentum der Syrer. Nun werden sie als Tauschobjekt für die

Rettung des Regimes verwendet und lassen das syrische Volk in einer ausweglosen Situation zurück. 


Die Initiative gebietet der Gewalt von außen Einhalt, aber kann 
sie auch die Gewalt im Inneren des Landes beenden? Russland muss Druck auf das Regime ausüben und darf dabei nicht vergessen, dass das Volk gerechtfertigte Forderungen hat, wegen derer 
es vor zweieinhalb Jahren auf 
die Straße gegangen ist – die Forderung nach Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie. Wo bleibt die russische Initiative zu diesen Punkten? 

 

Ahmed Al-Deri, Pharmazeut und Unternehmer

Alle Initiativen und Abmachungen zu Syrien drehen sich nicht um die Sicherheit des syrischen Volkes, sondern um die Sicherheit Israels. Die jüngste Initiative verlängert lediglich das Leben des Re
gimes auf ungewisse Dauer.

 

Experte: Die Opposition wird nicht an den Friedensverhandlungen teilnehmen

 

Die Abgabe der syrischen Chemiewaffen kommt den Interessen Amerikas und Israels entgegen. Syrien verliert jene Waffen, die Israel bislang zur Mäßigung zwangen. Der Westen könnte sich eventuell damit abfinden, dass Assad während der Übergangsperiode an der Macht bleibt, wenn er sich mit Russland darauf einigt.

Aber das hilft den Syrern nicht. Es stellt sich die Frage: Kann der Westen den Krieg in Syrien beenden? Der Krieg, der nun schon über zwei Jahre dauert, hat eine neue Realität geschaffen: Die 
Opposition stellt ihre Waffen zum Teil bereits selbst her, es existieren vielfältige Quellen für Waffenlieferungen und deren Finanzierung.

Hier stellt sich eine weitere Frage: Wenn die Initiative fortgeführt wird und es zu Friedensgesprächen kommt, es un-
ter Billigung von Amerika und Frankreich eine Genf-2-Konferenz gibt, wo wird dann die Opposition stehen? Die Syrische 
Nationalkoalition für Opposition und Revolutionäre Kräfte wird sich nicht auf Verhandlungen einlassen, weil sie weiß, dass das den Machterhalt Assads bedeuten würde – denn das ist eine Hauptbedingung Russlands und das will auch der Iran.

Auch für Israel ist ein schwaches Syrien unter Assad und ohne Chemiewaffen von Vorteil. Russland und Amerika gewährleisten dies Israel mit ihrer Initiative.

Der Dissident Hazem Nahar ist Analytiker des Arabischen Zentrums für Politische Forschung und Studien in Doha.

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