Pussy Riot: Geburtstagsfeier hinter Gittern

Tolokonnikowas Vater: "Die revolutionären Ideen und den Wunsch, die Welt gerechter zu machen, das hat Nadeschda von ihrer Großmutter". Foto: RIA Novosti

Tolokonnikowas Vater: "Die revolutionären Ideen und den Wunsch, die Welt gerechter zu machen, das hat Nadeschda von ihrer Großmutter". Foto: RIA Novosti

Nadeschda Tolokonnikowas Vater berichtet aus dem Familienleben der Familie Tolokonnikow und erklärt die Bedeutung des Namens seiner Tochter. Vor allem die charismatische Großmutter hatte großen Einfluss auf Nadeschda.

Am 7. November war der Geburtstag von Nadeschda Tolokonnikowa, die über die skandalöse Punkgruppe „Pussy Riot" berühmt geworden ist. Dieses Jahr feiert die für ihren Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale zu zwei Jahren Straflager Verurteilte ihren 24. Geburtstag in Einzelhaft, in der strengen Isolation des Transfergefängnisses im Hinterland von Krasnojarsk. Am Mittwoch erzählte ihr Vater der Zeitung „Moskauer Komsomolez" von den Kinderjahren seiner Tochter, bei wem seine Enkelin Gera nun lebt und wie er die Zukunft ihrer Mutter sieht.

Nach den Hungerstreiks und dem öffentlichen Brief über die Zustände in der Strafkolonie und die Sklavenarbeit der Häftlinge hatte man Nadeschda aus der mordwinischen Kolonie nach Sibirien transferiert.  Der Transfer dauert nun bereits über 17 Tage. Nach eigenen Angaben fanden Freunde Tolokonnikowas heraus, dass die junge Frau im Untersuchungsgefängnis in Saransk gewesen sei. Danach habe sich die Spur des Sondereisenbahnwagens mit Tolokonnikowa verloren. Wo sie den Rest

ihrer Haftstrafe verbringen wird, ist streng geheim. Die Behörden weigern sich, Informationen an die Öffentlichkeit herauszugeben, versprachen jedoch, die Verwandten zu informieren.

Vermutlich wird es die Strafkolonie Nummer 50 im Ort Nischnij Ignasch in der Taiga werden, der 300 Kilometer von Krasnojarsk entfernt liegt. Die Kolonie ist für Ersthäftlinge vorgesehen. Es gibt im Lager eine Konditorei, eine Näh- und eine Pappwerkstatt. Das Lager hat ein Gartengelände, wo die Inhaftierten Rüben, Kürbisse und Kartoffeln anpflanzen. Ihren 24. Geburtstag hat Tolokonnikowa aber vermutlich in einem vergitterten Eisenbahnbeiwagen auf der transsibirischen Strecke verbracht.

 

Die Großmutter prägte Nadeschda

Ihr Vater, Andrej Tolokonnikow, erinnerte sich an die Geburt seiner Tochter. Er habe damals als Arzt im Krankenwagen in Norilsk gearbeitet. „Nadja ist unser ‚nördliches Mädchen'. Ihre Mutter und ich sind beide hinter dem Polarkreis geboren. Sie wurde zur ‚Hoffnung Dr. Tolokonnikows'", erzählte er der Zeitung „Moskauer Komsomolze". Nadeschda bedeutet auf Russisch „Hoffnung".

Bei der Erziehung des Mädchens habe die Großmutter Vera Iwanowna eine bedeutende Rolle gespielt, so der Vater. „Nadjas Großmutter ist ein sehr prinzipientreuer und ehrlicher Mensch, eine Kommunistin, die bereit war, für ihre Ideale durchs Feuer zu gehen. Nadja sagte immer, dass sie so werden wollte wie Vera Iwanowna. Die revolutionären Ideen und den Wunsch, die Welt gerechter zu machen, das hat Nadja von ihrer Großmutter", erinnerte sich der Vater.

Weiter erzählte er, dass er Nadjas Mutter verließ, nachdem sie nicht mit ihm aus dem Norden in die Hauptstadt ziehen wollte. „Die fünfjährige Nadja blieb bei ihrer Mutter in Norilsk. Im Sommer wurde sie ins Ferienlager ans Meer geschickt. Meine Ex-Frau war damals noch relativ liberal eingestellt und sagte mir, wo das Sommerlager war. Ich setzte mich in den Zug und

fuhr an die Küste, mal nach Anapa, mal nach Sotschi, und mietete mir ein Zimmer in der Nähe des Ferienlagers. Am Ende ihrer Ferienzeit nahm ich sie mit nach Moskau. Meine Tochter und ich sprachen viel miteinander."

In der Pubertät habe sie sich für Philosophie und Geschichte zu interessieren begonnen, fuhr der Vater fort. „Damals hatte sie eine sehr große Bindung zu mir. Ich bereitete Nadja auf das Studium an der Lomonossow-Universität (MSU) vor. Ich brachte ihr bei, sich große Ziele zu setzen, große Träume zu haben und sich selbst zu verwirklichen. Den Ehrgeiz hat Nadja von Natur aus. Es gab zu allen Zeiten solche revolutionär eingestellten Frauen, die ihre eine Idee fanatisch verfolgten, für ihre Rechte kämpften und für ihre Überzeugungen im Gefängnis landeten", glaubt der Vater.

Er ist überzeugt, dass man Tolokonnikowa in ein entferntes Strafgefangenenlager bringe, um sie von der Außenwelt abzugrenzen und sie daran zu hindern, Gleichgesinnte zu kontaktieren. Dabei will der Vater von Nadeschda nicht, dass seine Tochter sich in Zukunft mit der Politik beschäftigt. „Ich wäre froh, wenn sie emigrieren und als Dissidentin irgendwo in Frankreich Arbeit finden würde. Es ist schwer zu sagen, was Nadja selber will. Aber wie ich sie verstanden habe, hat sie nicht vor, Russland zu verlassen. Sie wird ihr Studium an der MSU fortsetzen und weiter als Rechtschützerin arbeiten", sagte der Vater.

Nadeschda Tolokonnikowa ist eingeschriebene Studentin der philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität (MSU) und ehemaliges Mitglied der Künstlergruppe „Wojna" („Krieg"). Sie wurde Mitglied der „Moskauer Fraktion" der „Wojna" und nahm an mehreren Aktionen der Gruppe teil, unter anderem an der Performance im Biologiemuseum (2008) und am „Kakerlakengericht" (2010).

Seit 2011 ist Sie Mitglied der Punk-Gruppe „Pussy Riot". Am 21. Februar 2012 führte sie mit vier anderen Mitgliedern von „Pussy Riot" in der Christ-Erlöser-Kathedrale den sogenannten „Punk-Gottesdienst" durch. Dafür wurde sie später zusammen mit den anderen Bandmitgliedern Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch verhaftet. Die internationale Rechtschutzorganisation Amnesty International erklärte sie zu Gewissensgefangenen.

Am 17. August desselben Jahres bekannte das Gericht Tolokonnikowa an der „groben Störung der öffentlichen Ordnung, die eine offene Respektlosigkeit der Gesellschaft gegenüber zeigte und mit Motiven des religiösen Hasses und Feindseligkeit begangen wurde", für schuldig und verurteilte sie zu zwei Jahren Haft in einem Strafgefangenenlager mit allgemeiner Ordnung.

Im September und Oktober 2013 trat Tolokonnikowa zwei Mal in den Hungerstreik. Ihrem Lebensgefährten überreichte sie einen an die Öffentlichkeit gerichteten Brief, in dem sie über die unerträglichen Arbeits- und Lebensbedingungen in der Verbesserungsanstalt Nummer 14 in Mordwinien berichtete. In dem Brief erzählte die Verurteilte von dem 16- bis 17-stündigen Arbeitstag in der Nähwerkstatt und über das monatliche Gehalt von 29 Rubel. Außerdem teilte Tolokonnikowa mit, dass sie von dem Anstaltsleiter Kuprijanow mit Mord und körperlicher Gewalt bedroht worden sei.

 

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Moskowskij Komsomolez.

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