Warum Joachim Gauck nicht nach Sotschi reist

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck wird nicht im Februar zu den Olympischen Spielen in Sotschi reisen.  Foto: DPA

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck wird nicht im Februar zu den Olympischen Spielen in Sotschi reisen. Foto: DPA

Der deutsche Bundespräsident wird den Olympischen Spielen in Sotschi nicht beiwohnen. Offiziell will niemand von politischen Motiven sprechen – Gründe gäbe es aber zur Genüge.

Weniger als zwei Monate vor der feierlichen Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotschi ist es nun amtlich: Joachim Gauck wird den russischen Schwarzmeerkurort während der Spiele nicht besuchen. Nach der offiziellen Version des Präsidialamtes sei die Entscheidung auf keinen Fall politisch motiviert. Präsident Gauck sei gar nicht eingeladen gewesen, und darüber hinaus gäbe es kein Pflicht für deutsche Staatsoberhaupte, Olympische Spiele zu besuchen – außerdem sei auch sein Vorgänger Horst Köhler nicht zu den Spielen in Vancouver gereist, hieß es. Trotzdem glauben viele an politische Motive hinter der Entscheidung.

Das Verhältnis zwischen Wladimir Putin und Joachim Gauck ist mehr als kompliziert. Nur einmal trafen sich die beiden bisher. Im Sommer 2012 empfing der deutsche Bundespräsident seinen russischen Amtskollegen im Schloss Bellevue – als Wladimir Putin nach Berlin kam, um mit Angela Merkel über den Krieg in Syrien zu sprechen. Das Treffen verlief damals sehr unterkühlt, so Beobachter. Bevor und danach vermied der deutsche Präsident ständig, Wladimir Putin zu begegnen. „Das Präsidialamt hat es der russischen Botschaft diplomatisch, aber sehr deutlich, klar gemacht, dass kein Treffen zwischen Gauck und Putin stattfinden wird. Wenn Putin nach Berlin komme, hieß es, wird Gauck einfach nicht im Lande sein. Da die Staatsbesuche über Monate geplant werden, ist es einfach, so etwas zu organisieren", sagte ein Beamter gegenüber Russland HEUTE.

Der ehemalige Menschenrechtler aus der DDR scheint kein Freund des russischen Präsidenten zu sein – und zwar aus sehr persönlichen Gründen. Seit seiner Kindheit hatte Joachim Gauck schlechte Erfahrungen mit den sowjetischen Geheimdiensten gemacht. Der Vater des Bundespräsidenten war Kapitän der Handelsmarine und später Mitarbeiter der Rostocker Werft. Er wurde von kommunistischen Geheimdiensten im Jahr 1951 entführt. Gauck selbst war damals elf Jahre alt. Über zwei Jahre lang wusste die Familie nichts über das Schicksal des verschleppten Vaters. Nach fast fünf Jahren Haft kam er aus einem sowjetischen Arbeitslager zurück – gesundheitlich schwer angeschlagen. Der spätere Einsatz Joachim Gaucks für die Menschenrechte in der DDR führte ebenso wenig dazu, Verständnis für Stasi- und KGB-Agenten zu entwickeln. Der russische Präsident, der eine KGB-Vergangenheit hat und ausgerechnet in der DDR im Einsatz war, ist somit für das deutsche Staatsoberhaupt kein erwünschter Gesprächspartner.

Doch diese Erklärung teilen nicht alle Experte. „Ich würde das nicht personalisieren. Aus eigener Anschauung weiß ich, dass Gauck an Russland und den Russen – trotz seiner schwierigen Familiengeschichte – sehr interessiert ist. Die Modernisierungsideen und die gesellschaftliche Bewegung in Russland liegen ihm nahe. Doch betrachtet er das Verhalten

der politischen Führung – die Wahlfälschungen im Dezember 2011, das Vorgehen gegen ehrbare Organisationen wie Memorial – mit großer Reserviertheit", meinte Professor Hans-Henning Schröder gegenüber Russland HEUTE noch vor einigen Monaten.

Klar ist, dass die Entscheidung Gaucks, ob offiziell als Boykott bezeichnet oder nicht, im Kontext der deutschen Debatten zu einem möglichen größeren Sotschi-Boykott analysiert wird. Seit Einführung der Gesetze zum Verbot sogenannter „homosexueller Propaganda" und vor dem Hintergrund der Angriffe auf Homosexuelle, mehren sich in Deutschland Aufrufe, die Spiele generell zu boykottieren. Im September 2013 versammelten sich in Berlin einige Tausend Demonstranten und riefen zum Boykott der Spiele auf. Obwohl das deutsche Olympische Komitee sich deutlich gegen einen Boykott aussprach, ist die Position mehrerer Spitzenpolitiker noch nicht klar. Während die Bundeskanzlerin Merkel ihre Anwesenheit bei den Spielen bestätigte, ist es nicht absehbar, welche Haltung die Minister der noch zu bildenden Regierung einnehmen werden. Nun könnte die Zurückhaltung des Bundespräsidenten Einfluss auf diese Debatte nehmen.

Doch nicht alle Kommentatoren begrüßen die Entscheidung Gaucks. „Wenn es gegen Russland geht, nehmen es die beiden Ostdeutschen mit den Menschenrechten sehr genau. Die USA können mit mehr Nachsicht

rechnen", schreibt der US-kritische Autor Jakob Augstein für „Spiegel Online". Er spricht damit die ziemlich gelassene Reaktion der deutschen Politelite auf die Überwachungsskandale rund um den US-Amerikanischen Geheimdienst NSA sowie die Diskussionen rund um weitere Menschenrechtsverletzungen wie Guantanamo durch die USA an. Die deutsche Elite hat sich an die Welt gewöhnt in der immer von „dem bösen Russen und dem guten Ami" die Rede ist, und die Politik „gegenüber dem russischen Großreich" ist „derzeit geradezu aggressiv", so Augstein weiter. Gaucks Olympia-Boykott sei deshalb „ein diplomatischer Affront", so der Spiegel-Kolumnist.

Ganz im Gegenteil, meint Horst Kläuser, Kommentator beim Radiosender WDR 2 und ein langjähriger Russland-Korrespondent: „Potentaten in aller Welt schmücken sich anlässlich Olympischer Spiele bekanntlich gern mit ausländischen Gästen. Joachim Gauck, ein mehr als glaubwürdiger Mahner für Freiheit und Recht, tut gut daran, sich diesen Fototermin mit Wladimir Putin zu verkneifen. Noch besser wäre es allerdings, wenn er auch deutlich sagte, warum er das tut", so Kläuser.

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