Chodorkowski: Politische Ikone oder westliches Heiligenbild?

Beobachter glauben, dass die Freilassung Chodorkowskis nur positiv für Russland sein kann. Foto: Reuters

Beobachter glauben, dass die Freilassung Chodorkowskis nur positiv für Russland sein kann. Foto: Reuters

Das Dekret zur Begnadigung ist unterschrieben und Chodorkowski mittlerweile auf freiem Fuß. Beobachter glauben, dass diese Entwicklung nur positiv für Russland sein kann.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat das Dekret zur Begnadigung des ehemaligen Yukos-Chefs Michail Chodorkowski unterschrieben. Es wurde heute, am 20. Dezember, unterschrieben. Kurz nach der Unterzeichnung verließ Chodorkowski das Strafgefangenenlager.

Wie sich herausstellte, interessiert die Freilassung des bekanntesten Strafgefangenen nicht nur Rechtschützer und Experten, sondern auch die Allgemeinheit. Trotzdem antworten ungefähr 15 bis 20 Prozent der Befragten auch heute noch, sie „wissen von nichts", weder über Chodorkowski noch über seinen Fall. Vor zehn Jahren, nach der Festnahme im Oktober 2003, hatten nach Angaben des Forschungsinstituts Obschtschestwennoje Mnenije (deutsch: Öffentliche Meinung, FOM) 29 Prozent der Befragten nichts über die Verhaftung gewusst und weitere 28 Prozent waren sich bei der Antwort nicht sicher. Mitgefühl rief der bekannte Oligarch bei den wenigsten hervor.

Der Yukos-Fall bleibt für die Mehrheit der Russen immer noch „in der Peripherie des Bewusstseins", wie FOM-Chef Alexandr Oslon gegenüber der Zeitung „Kommersant" sagte.

Das Schicksal des verurteilten Oligarchen kümmerte während der gesamten zehn Jahre lediglich „gebildete Menschen, die Zugang zu unabhängigen Quellen haben und deshalb den politischen Kontext verstehen", erläuterte der Direktor des Lewada-Analysezentrums Lew Gudkow. Das sind, seiner Aussage nach, 25 bis 30 Prozent der russischen Bevölkerung, von denen die meisten immer schon angenommen haben, dass „Chodorkowski frei sein müsse". Der Rest verfolge den Yukos-Fall überhaupt nicht und tue sich mit einer Meinung hierzu schwer. Doch wenn Soziologen um eine Nennung von politischen Gefangenen bitten, nennen Russen in erster Linie Michail Chodorkowski (37 Prozent). Wahr ist, dass nur 45 Prozent der russischen Bürger denken, es gebe in Russland politische Gefangene. 28 Prozent sind überzeugt, dass es überhaupt keine gibt, weitere 27 Prozent sind sich nicht sicher.

Experten glauben, dass dieser Schritt des Präsidenten mit der Notwendigkeit einer Verbesserung des Landesimages zusammenhängt.

Igor Bunin, Generaldirektor des Zentrums für politische Technologien: „Putin wägt immer ab, was politisch vorteilhaft ist. Schon vor einigen Jahren hatte er rational beschlossen, dass es für das Image Russlands im Ausland besser wäre, Chodorkowski freizulassen. Das wird einige Probleme mit dem Westen und dessen Unternehmen lösen. Deshalb hatte er seit seiner Wahl immer wieder angedeutet, dass er bereit sei, Chodorkowski freizulassen, aber mit der Bedingung, dass dieser ein persönliches Begnadigungsbitten schreibt.

Ich war sicher, dass Chodorkowski das niemals machen würde, weil eine solche Bitte ein Eingeständnis der eigenen Schuld wäre. Es hat sich herausgestellt, dass er, obwohl eine heroische Figur, fast schon ein

Mandela, doch nicht besonders heroisch gehandelt hat. Er will zu seiner Familie zurückkehren. Ich denke, dass Chodorkowski in Freiheit weniger eine Schlüsselfigur sein wird und sich eher zu einer der vielen Figuren der Gesellschaft wandelt."

Sergej Michejew, Generaldirektor des Zentrums für politische Konjunktur: „Ich denke, dass es sehr viele geben wird, die Chodorkowski gerne wieder in die Politik bringen wollen und eine Partei um ihn herum gründen würden, um seinen Namen zu nutzen, wie man ihn früher schon benutzt hatte. Nur hat man ihn früher als politischen Gefangenen benutzt und heute würde er als Mensch, der für die Wahrheit gelitten hat, durchgehen.

Aber ich denke, dass es diesbezüglich eine unausgesprochene Abmachung zwischen ihm und Putin gibt und er in der nächsten Zeit nicht in die Politik gehen wird. Aber selbst wenn, wäre er als politischer Konkurrent für Putin nicht gefährlich. Chodorkowski war niemals ein Held der Massen, der Demonstrationen oder überhaupt ein beliebter Politiker. Seine Bedeutung für Russland wird von liberalen Rechtschützern stark übertrieben. Er ist zu einem Heiligenbild im Westen geworden und das ist zu einem Problem für Russland geworden. Nun wird der Westen, auch wenn zähneknirschend, diesen Schritt von Putin begrüßen müssen."

Wladimir Ryschkow, Vorstandsmitglied der demokratischen Partei RPR Parnas: „Ich freue mich! Ich freue mich, dass ein Mensch, der über zehn Jahre hinter Gittern verbracht hat, ein Mensch, der seinerzeit das erfolgreichste Unternehmen des Landes erschaffen hatte, endlich in die Freiheit entlassen wird. Was die Tatsache anbelangt, dass er einen Begnadigungsantrag gestellt hat, so wird ihm keiner etwas vorwerfen

können. Der Mensch hat mit zehn Jahren voller Standhaftigkeit und Mut für seine Prinzipientreue bezahlt. In diesen Jahren ist seine eigene Gesundheit sicherlich nicht besser geworden, eher im Gegenteil, also hat er alles völlig richtig gemacht."

Eduard Limonow, Schriftsteller: „Das ist die Sensation des Jahrzehnts. Ich nehme an, dass es das Ergebnis von Einschüchterung mit einer dritten Haftstrafe war. Er hat schon zwei abgesessen und nun kommen noch aufdringliche Gerüchte, dass es eine dritte geben wird. Natürlich wäre das nach zehn Jahren schwer. Ich denke, dass, wenn Chodorkowski in seinen zweiten fünf Jahren einen Antrag gestellt hätte, Putin ihn entlassen hätte. Er ist doch ein archaischer Mensch. Ihm ist wichtig, dass der andere ihn bittet, seine Schuld eingesteht. Wenn diesen Antrag tatsächlich Chodorkowski selbst unterschrieben hat, dann ist es ein guter Ausweg für Putin. Und für Chodorkowski selbst auch."

Alexandr Malis, Chef des Unternehmens Ewroset: „Das schafft ein Gefühl in Unternehmerkreisen, dass die Behörden den Druck in Wirtschaftsfragen lockern. Und dass das Geschäftstreiben in Russland weniger gefährlich wird."

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