Chodorkowski in Berlin: Dank an alle, Kritik an keinem

In seiner ersten Pressekonferenz nach der Haftentlassung blieb Michail Chodorkowski höflich, aber auch nichtssagend. Foto: Reuters

In seiner ersten Pressekonferenz nach der Haftentlassung blieb Michail Chodorkowski höflich, aber auch nichtssagend. Foto: Reuters

Zaghaft lächelnd und gut gelaunt beantwortete Chodorkowski in seiner Presskonferenz am Sonntag in Berlin die Fragen der Journalisten. Immer blieb er dabei höflich, aber leider auch nichtssagend, urteilt unser Korrespondent Peter Brinkmann, der vor Ort war.

Berlin – Selten geht es so turbulent zu wie auf der Pressekonferenz am 22. Dezember im „Mauer –Museum" direkt am Checkpoint Charlie in Berlin. Hunderte Journalisten drängelten sich auf engem Raum, brüllten um Ruhe, stießen um mehr Platz jeden an, der im Wege stand. Und alle waren nur gekommen, um den aus der Haft entlassenen Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski (50) auf seiner ersten Pressekonferenz nach zehn Jahren Haft zu sehen und zu hören.

Nur 36 Stunden zuvor war der Ex-Häftling mit einer Privatmaschine in Berlin gelandet. Zweieinhalb Jahre dauerten die Verhandlungen mit Russlands Präsident Wladimir Putin um die Freilassung, bis es dem deutschen Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher gelang, den ehemaligen Ölmilliardär mit einem Privatjet nach Berlin ausfliegen zu lassen. Nun sprach Michail Chodorkowski vor fast 400 Journalisten im Mauer – Museum.

Er kam in blauem Anzug, weißem Hemd und blauer Krawatte. Zaghaft lächelnd, gut gelaunt beantwortete er die Fragen der Journalisten. Immer blieb er dabei höflich, aber leider auch nichtssagend. Vielleicht wollte er nicht oder durfte er nicht. Wer weiß?

Hier einige der Fragen und Antworten:

Will er zurück nach Russland?

„Ja, ich komme rein, aber ich weiß nicht, ob ich auch wieder ausreisen kann. Es gibt da ja noch eine Finanzklage gegen mich." (Er wurde zur Zahlung von 400 Millionen Euro verurteilt, die Red.)

Will er sich jetzt auch für die Freilassung von Julia Timoschenko in der Ukraine einsetzen?

„Das verfolge ich sehr, denn ein Teil meiner Familie lebt dort. Ich weiß allerdings nicht genug, um die aktuelle Lage beurteilen zu können. Ich hoffe aber, dass Julia Timoschenko bald freikommt. Und in diesem kleinen Punkt solle Präsident Janukowitsch sich ein Beispiel an Putin nehmen und sie freilassen."

Was wollen Sie jetzt machen? Wieder Manager werden?

„Nein. Ich werde über die politischen Gefangenen in Russland nachdenken. Und ich will meinen Beitrag zur Entwicklung der russischen Zivilgesellschaft leisten, damit das Leben in Russland angenehmer werden kann. Ich bitte um mehr Zeit, um über meine Zukunft nachzudenken."

Haben Sie genug Geld?

"Ich habe beruflich alles erreicht, was ich erreichen wollte. Und meine finanzielle Situation ist so gut, dass ich nicht für meinen Lebensunterhalt

arbeiten muss." (Sein Rest-Vermögen wird auf noch rund 200 Millionen Euro geschätzt, die Red.)

Werden Sie politisch aktiv werden wollen?

„Nein. Ich werde mich nicht am Kampf um die Macht beteiligen. Ich will mich mit gesellschaftlichen Angelegenheiten beschäftigen. Ich habe aber noch keine Zeit gehabt, mich näher damit auseinanderzusetzen."

Wie verhalten Sie sich zu den Olympischen Spielen in Sotschi?

„Das ist ein Fest des Sports für viele Millionen Menschen. Man sollte dieses Fest nicht verderben, es aber auch nicht zu einer persönlichen Plattform für Präsident Putin machen.

"Werden Sie die politische Opposition in Russland mit Geld unterstützen?

„Nein. Ich werde die Opposition gegen Präsident Wladimir Putin nicht finanzieren helfen. Ich habe Präsident Wladimir Putin in einem Brief erklärt, dass ich weder politisch tätig werden noch um eine Rückgabe meiner Anteile an dem zerschlagenen Ölkonzern Yukos kämpfen will."

Wie lange können Sie jetzt in Deutschland bleiben?

„Ich habe ein Visum für 12 Monate"

Wo werden Sie dann leben wollen?

„Wo wir leben werden, das werde ich mit meiner Frau besprechen." (Sohn Pawel lebt in New York, Tochter Ina in der Schweiz, die Red.)

Wofür waren Sie eigentlich eingesperrt?

„Das weiß ich auch nicht genau. Ich kenne nicht alle Fakten."

Wie stehen Sie zu Präsident Putin?

„Meiner Familie ist nie etwas passiert. Das hat mir geholfen, die Konfrontation nicht zu emotional zu sehen."

Warum haben Sie ein Gnadengesuch eingereicht?

„Was geschieht, geschieht auf direkte Weisung von Putin. Darum war das

Gnadengesuch eine reine Formalität gewesen. Ein Schuldeingeständnis wäre aber etwas anderes gewesen. Das hätte ich meinen früheren Mitarbeitern nicht antun können. Nur darum habe ich mich stets geweigert, um Begnadigung zu bitten, weil das mit einem Schuldeingeständnis verbunden gewesen wäre."

Am Schluss des 40-minütigen Frage – und Antwortspiels dankte der Ex-Ölmilliardär allen noch einmal: Er dankt Hans-Dietrich Genscher und Angela Merkel. Und er dankte allen, die sich auch in Deutschland unentwegt für seine Freilassung eingesetzt hatten. „Ich habe erst jetzt erfahren, wie ich auch über Facebook und Twitter unterstützt wurde. Als ich ins Gefängnis kam, gab es ja so etwas noch gar nicht." Er dankt allen anwesenden Journalisten und den Medien. Und dann bat er die Staatschefs der Welt, daran zu denken, wenn sie künftig mit Putin sprechen, „dass ich nicht der letzte politische Gefangene in Russland war". „Putin ist ein schwieriger Mensch", fügt er hinzu. Das ist schon das Kritischste, was er über den russischen Präsidenten sagt – „ein schwieriger Mensch", mehr nicht.

Michail Borissowitsch Chodorkowski, geboren 26. Juni 1963 in Moskau als Sohn jüdischer Arbeiter-Eltern, studiert Chemie und Volkswirtschaft. 1987 produziert er Matrjoschka-Puppen mit Gorbatschow-Gesicht. 1989 gründet er Menatep, die erste Privatbank Russlands. 1995 wird seine Bank damit beauftragt, die Mehrheit am staatlichen Ölkonzern Jukos zu veräußern. Chodorkowski kauft selbst, zahlt rund 350 Millionen Dollar für einen Milliarden Konzern.

2001 gründet Michail Chodorkowski die Stiftung „Offenes Russland", die sich als nichtstaatliche Organisation für Freiheit und Demokratie einsetzt. Am 25. Oktober 2003 stürmen maskierte Sicherheitskräfte den Privatjet Chodorkowskis, als der für einen Tankstopp in Nowosibirsk landet. Sie nehmen den Milliardär fest. Der Vorwurf lautet auf Betrug, Steuerhinterziehung und Diebstahl. Zwei Jahre später das Urteil: neun Jahre Haft. Bei einem späteren Verfahren wird die Strafe auf dreizehneinhalb Jahre Lagerhaft angehoben.

Michail Chodorkowski schreibt in der Haft Bücher, schmuggelt die einzelnen Kapitel aus dem Straflager. „Mein Weg" erschien 2012.

Michail Chodorkowski war zweimal verheiratet, hat vier Kinder.

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