Die geheime Sprache des Präsidenten

Foto: Rossijskaja Gazeta

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Im Kreml gibt es Regeln, wie man sich einem hochrangigen Staatsbeamten gegenüber zu verhalten hat. Dabei ist es vor allem wichtig zu wissen, wie man sie anspricht, wann über sie indirekt im Politjargon gesprochen wird und wie man schnell und konkret auf Fragen des Präsidenten antwortet.

„Ich habe Sie gehört"

Einer der charakteristischen Sätze des russischen Präsidenten ist wohl „Ich habe Sie gehört". Diese vier Worte sind zu einem Markenzeichen aller Kremlangehörigen geworden, ebenso wie der Satz „Ich sehe dich" aus dem Hollywood-Blockbuster Avatar. „Ich höre Sie" bedeutet übersetzt aus dem Kreml-Russischen so viel wie, „Ihre Worte wurden dieses Mal nicht überhört und Ihrem Anliegen wird, wenn Sie Glück haben, sogar stattgegeben" oder „Ihre Bitte wird umgesetzt". Letzteres ist allerdings nicht unbedingt verbindlich.

In den letzten Monaten erlebte die Phrase eine massenhafte Verbreitung. Zunächst schmückten nur Großunternehmer und Beamte niederen Ranges ihren kargen Wortschatz mit dem Präsidentensatz aus, doch mittlerweile taucht er auch in Online-Chats immer häufiger auf. Die Mehrheit jener, die diese Worte nutzen, versteht jedoch ihren tieferen Sinn nicht.

 

Die Anrede mit dem Vornamen

Auf einem Treffen mit Vertretern des öffentlichen Lebens „vergaß" der russische Präsident einmal den Vornamen des berühmten Musikers Juri Schewtschuk, dem Gründer und Frontmann der Band DDT, während er alle anderen Gesprächsteilnehmer mit ihren Vornamen ansprach. Dieser Zwischenfall zog besonders die Aufmerksamkeit von Andrej Illarionow auf sich, dem Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalysen, da dieser selbst ein Kremlbediensteter war und sehr gut weiß, was diese persönliche Anrede

bedeutet. Der Kreml ist eine der wenigen Institutionen, in der es seit jeher angebracht ist, sich mit dem Vor- und Vatersnamen anzusprechen, vor allem dann, wenn sich die Gesprächspartner duzen. Werden in einem kremlinternen Gespräch die Staatsoberhäupter erwähnt, so nutzt man dafür sogar Abkürzungen mit deren Initialen: „WW" für Wladimir Wladimirowitsch Putin und „DA" für Dmitri Anatoljewitsch Medwedew. Die persönliche Anrede mit dem Vornamen ist auch ein Zeichen für die enge Beziehung, die zwei Gesprächspartner pflegen.

Ebenso interessant ist die Veränderung der Anredeform für Personen, die zuvor mit dem Vornamen und „Du" angesprochen wurden, und dann einen hohen Posten im Kreml erhielten. Denn bei diesen taucht dann plötzlich in der Anrede neben ihrem Vornamen auch ihr Vatersname auf.

Für die öffentliche Anrede von Personen durch Kremlangehörige gibt es hingegen eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, doch jede hat ihre eigene tiefere Bedeutung. Zunächst ist es aber wichtig, dass man von Kremlbediensteten überhaupt per Namen angesprochen wird. Dies bedeutet nämlich, dass man vom Kreml als Persönlichkeit anerkannt wird und nicht nur ein Gesicht in der Masse ist. Ein bedeutendes Beispiel dafür ist der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, bei dem sich Kremlangehörige

sogar weigerten, seinen Familiennamen auszusprechen. Dies hängt wohl damit zusammen, dass Nawalny als Person erachtet wurde, der keine Aufmerksamkeit gebührt. Nur zum Vergleich: Michail Chodorkowski, der ehemalige Besitzer des Erdölkonzerns Jukos und einer der berühmtesten russischen Häftlinge aller Zeiten, wurde – obwohl es Putin wiederholt ablehnte, ihn als politischen Gefangenen zu bezeichnen – vom Präsidenten stets entweder mit seinem Nachnamen oder mit „Michail Borissowitsch" angesprochen.

 

Geheime Gesprächspartner

Ein ehemaliger, bedeutender russischer Politiker, der sich stets einer kaum verständlichen Weitschweifigkeit in seinen Reden bediente, erklärte – ohne genannt werden zu wollen –, nachdem er von seinen Ämtern zurückgetreten war, woher er diese Angewohnheit der verschlüsselten Rede hatte: „Als ich in den Kreml kam, warnte mich ein weiser Mensch mit folgenden Worten: ‚Sprich so, dass dich jener konkrete Gesprächspartner versteht, dem du etwas mitteilen möchtest, doch die restlichen Anwesenden keine Ahnung haben, was du damit meinst'."

In diesem geheimen Dialog deutet der Sprecher weder mit einem Blick, noch mit einer bestimmten Intonation an, dass eben dieses Stück der Rede eine bestimmte Bedeutung für eine konkrete Person hat. Daher ist es als Zuhörer von wesentlicher Bedeutung, eben nicht nur zuzuhören, sondern auch Schlüsse zu ziehen und dabei einen unbeeindruckten Gesichtsausdruck zu wahren.

 

Die standesgemäße Anrede des Präsidenten

Wer seine Meinung gegenüber dem Präsidenten äußern will, kommt mit Schweigen oder dem Abwarten auf eine geeignete Gesprächspause nicht weit. Das bedeutet in 90 Prozent der Fälle, dass diese Person nach ihrer Audienz im Kreml ohne Ergebnis wieder nach Hause gehen wird. Sollte man als Beamter auf eine Frage des Präsidenten schweigen oder eine etwas zu lange Pause machen, dann könnte dies sogar negative Folgen für die eigene Karriere haben. Wladimir Putin erwartet von seinem Gegenüber, dass er oder sie den Sachverhalt des Gesprächs ebenso gut kennt wie er selbst.

Was Wladimir Putin überhaupt nicht ausstehen kann, sind Redner, die ewig um den heißen Brei herumreden und nie zum Punkt kommen. In solchen Situationen schaltet der russische Präsident entweder einfach ab, oder er beginnt den Sprecher ungeduldig zu unterbrechen: „Was wollen Sie sagen?", „Was ist jetzt die Frage?". Seine Verärgerung wirkt sich dann in der Regel auch auf seine Reaktion auf das lange ausgeführte Problem aus. Dieses ist für ihn dann entweder nicht mehr von Interesse, oder er bereitet seinem Gesprächspartner eine ähnliche Unannehmlichkeit, wie sie dieser ihm bereitet hat.

Doch mehr noch als ein Redeschwall nervt es Wladimir Putin, wenn er unterbrochen wird. Denn er gibt seinem Gegenüber in der Regel die Möglichkeit, auszusprechen – außer wenn er im Verlauf der Rede etwas klarstellen will –, und erwartet im Gegenzug dasselbe.