Ukraine-Konflikt spaltet Russland

Die Teilnehmer der Demonstration für den Beitritt Krims zu Russland am 2. März in Moskau. Foto: ITAR-TASS

Die Teilnehmer der Demonstration für den Beitritt Krims zu Russland am 2. März in Moskau. Foto: ITAR-TASS

Gestern fanden in verschiedenen russischen Städten Kundgebungen sowohl für als auch gegen die Durchführung einer Militäraktion in der Ukraine statt. Bei vielen unangemeldeten Demonstrationen kam es zu zahlreichen Festnahmen

Am Sonntag fanden in Moskau zwei Demonstrationen statt, eine zur Unterstützung einer möglichen Militäraktion in der Ukraine und eine andere dagegen. Die Kriegsgegner versammelten sich unangemeldet vor dem Gebäude des Verteidigungsministeriums auf dem Manegeplatz. Die Veranstalter hatten erst am Vortag in sozialen Netzwerken zur Teilnahme aufgerufen – direkt nach der Sitzung des Föderationsrats, der Präsident Wladimir Putin den Einsatz der russischen Armee auf dem Gebiet der Ukraine genehmigte.

Eine junge Frau, die schon früh zur Demonstration gegen eine Militäraktion zum Verteidigungsministerium kam, äußerte ihre Sorgen gegenüber der Sonderpolizei OMON: „Ich habe Angst, dass mein Bruder gegen die Ukraine kämpfen muss.“ Und sie stellte die Frage, die viele zur Kundgebung trieb: „Wozu soll man die Armee in der Ukraine einsetzen?“ Nur 40 Minuten später waren schon Dutzende Demonstranten festgenommen worden. Die Menschen leisteten keinen Widerstand, aber sie setzten ihre Sprechchöre „Nein zum Krieg“ fort. In einem spontanen Marsch gingen sie in Richtung Manegeplatz, wo eine weitere spontan ausgerufene Antikriegsdemonstration stattfinden sollte. Nach Angaben der Polizei wurden vor dem Gebäude des Verteidigungsministeriums 40 Personen verhaftet, auf dem Manegeplatz weitere 50.

An der Kundgebung zur Befürwortung eines Militäreinsatzes gegen die

Ukraine nahmen Jugend-, Veteranen- und Heimatverbände teil. Hauptparolen der Aktion waren „Putin, ich bin mit dir“, „Ruhm dem Berkut“, „Maidan kommt nicht durch“ und „Zusammen mit der Ukraine“. Nach Angaben der Veranstalter nahmen mehr als 27 000 Personen am Marsch teil.

Die 17-jährige Schülerin Almira kam mit einem Plakat mit der Aufschrift „Wir sind für die Krim“ zur Kundgebung. „Ich bin allgemein an Politik interessiert“, erklärte sie ihre Teilnahme an der Demonstration: „Ich habe die Situation in der Ukraine beobachtet und als ich die Unruhen auf dem Maidan sah, hatte ich das Gefühl, als wenn mein kleiner Bruder mich verraten hätte – denn die Ukrainer sind unsere kleinen Brüder. Dann beschloss ich, auch zu kommen.“ Die Schülerin findet, dass die Krim „unser gemeinsames Territorium“ sei. Doch einen Militäreinsatz unterstützt das Mädchen nicht: „Die Ukraine soll die Krim lieber so zu uns entlassen. Denn wenn ihre Bewohner unzufrieden sind mit der Ukraine, warum soll man sie zwingen, zu bleiben?“

Eine andere Demonstrantin, Ljubow Wiktorowna, Mitarbeiterin im Sport- und Freizeitzentrum des Bezirks Nord-Tschertanowo, ist ebenfalls gegen einen Militäreinsatz: „Ich bin zur Demonstration gekommen, weil ich Klassenkameradinnen habe, die in der Ukraine leben und die es gerade nicht leicht haben. Es soll lieber alles gut enden, ohne Krieg“, hofft sie.

Ebenfalls zur Unterstützung der russischsprachigen Bürger der Ukraine veranstalteten Streetracer ein Autorennen in den Worobjew-Bergen mit dem Motto „Wir lassen unsere Landsleute nicht im Stich“. Am Tag zuvor hatte bereits der Motorradclub „Nachtwölfe“ eine Motorradfahrt durch den Osten der Ukraine „zur Unterstützung der russischen Bevölkerung“ organisiert.

In Sankt-Petersburg versammelte die machthabende Partei „Einiges Russland“ rund 15 000 Menschen vor der Konzerthalle „Oktjabrskij“ zur Unterstützung einer Militäraktion. In dem Aufruf zur Demonstration wurde die Entscheidung zum Einsatz der Armee auf ukrainischem Staatsgebiet begrüßt. Man begründete dies mit der „unerhörten Verfolgung der einfachen Bürger aufgrund ihres nationalen oder religiösen Hintergrunds oder wegen ihrer politischen Einstellung“. An der Demonstration nahmen nach Augenzeugenberichten Mitarbeiter von staatlichen Unternehmen, Studenten, Offiziersanwärter und Kosaken teil. Die Kundgebung selbst dauerte nicht länger als eine halbe Stunde.

Eine Demonstration der Opposition gegen den Militäreinsatz in der Ukraine fand in Sankt Petersburg auf dem Isakij-Platz statt. Diese Aktion war nicht angemeldet. Es wird berichtet, dass sich 500 Personen auf dem Platz versammelten und rund 40 Personen festgenommen wurden.

Eine weitere Demonstration und ein Aufmarsch fanden auch in Krasnodar statt. Hier gingen rund 10 000 Menschen mit Parolen wie „Krim und Kuban zusammen“ und „Einiges Russland, großes Russland“ durch die Stadt. „Bald schicken wir erste humanitäre Hilfsmittel für die Ukraine aus Kuban. Wenn es ganz schlimm kommt, dann erhalten sie auch Asyl bei uns“, versprach der Gouverneur der Krasnodar-Region Alexandr Tkatschjow. Die Bewohner von Kuban könnten nicht gleichgültig gegenüber den Geschehnissen in der Ukraine sein, wie Tkatschjow erklärte, denn „viele Kubaner haben auf dem anderen Ufer Freunde und Familienangehörige“. Der Gouverneur fügte hinzu: „Aber wir sprechen nicht von Krieg. Der Präsident hat dem ukrainischen Volk niemals den Krieg erklärt und wird es auch nicht tun.“

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