Russland-Ukraine: Geschichten von der Grenze

Foto: ITAR-TASS

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An der russisch-ukrainischen Grenze ist die Lage weiterhin angespannt. Unser Reporter war in der Region Rostow am Don unterwegs und hat mit Bewohnern, Grenzbeamten und Flüchtlingen gesprochen.

Am 1. April teilte das Verteidigungsministerium mit, dass ein Bataillon der 15. motorisierten Schützenbrigade aus der Region Rostow am Don nach einer dort durchgeführten militärischen Übung abgezogen worden und zu seinem Stab in der Region Samara zurückgekehrt sei. Doch obwohl die Anzahl der Truppen im Grenzgebiet zwischen Russland und der Ukraine stetig schrumpft, sind noch immer zahlreiche russische Einheiten in der Region stationiert.

Ich bin in der Region unterwegs und sehe weiterhin Militärlastwagen in Richtung Grenzgebiet fahren. Auch die Bewohner der Hafenstadt Taganrog berichten davon, dass auf der Krimhalbinsel noch am Vorabend des Referendums viele motorisierte Militäreinheiten in Richtung Ukraine gefahren seien, jedoch bis dato keine wieder von dort zurückgekehrt sei.

„Hätte das Militär allerdings etwas Größeres geplant, dann wäre die Nacht genutzt worden, um die Militärgerätschaft heimlich zu transportieren. Das Militär hätte seine Waffen nicht am helllichten Tag durch die ganze Stadt gefahren“, bemerkt der Taganroger Journalist Ewgenij Fridman.

Ein diensthabender Soldat erzählt mir, dass „der Zutritt zum Militärgelände noch einige Tage verboten“ sein werde. Er sagt, er sei ein Kadett, den man aufgrund eines Anfang März ausgerufenen Alarms in die Region Rostow am Don versetzt habe. „Derzeit ist immer noch unklar, wann man uns wieder nach Hause beruft“, sagt der Soldat. „Es treffen jeden Tag neue Anweisungen ein. Die letzte lautete, dass man uns von hier vielleicht in ein paar Tagen wieder abzieht.“


Der Versuch einer Grenzüberschreitung

Im Norden der Region Rostow hingegen ist alles anders. So gibt es in der Stadt Nowoschachtinsk, die unweit der ukrainischen Grenze liegt, weder Soldaten noch sonst eine Art von Militärpräsenz. Von Nowoschachtinsk in Richtung Norden entlang der Grenze sowie parallel zur Fernstraße „Don“ verlaufen Landstraßen, von denen einige nicht einmal auf der Landkarte eingezeichnet sind. Kürzlich begann man allerdings, diese Straßen an verschiedenen Abschnitten auszubauen und zu asphaltieren, weswegen dort derzeit Straßenbauarbeiten stattfinden.

In der Stadt Donezk, genauer am Grenzkontrollpunkt „Iswarino“, will ich die Grenze passieren, um von Lugansk und Charkow aus zur russisch-ukrainischen Grenze in die Regionen Belgorod und Kursk zu gelangen. „Wir versuchen, nicht mit russischen Kennzeichen die Grenze zu passieren“, warnt mich ein Fahrer am örtlichen Busbahnhof. „Es ist es besser, wenn man zu Fuß über die Grenze geht und von dort mit dem Sammeltaxi nach Lugansk fährt“, ergänzt ein anderer Fahrer.

Die russischen Grenzbeamten erklären mir, dass sie Personen mit russischen Pässen die Grenze schnell passieren ließen. Ihre ukrainischen Kollegen hingegen würden dafür anderthalb Stunden brauchen. Denn bevor man über die Grenze darf, werde man verhört. Das Verhör werde zudem auf Video aufgezeichnet. Man werde Dinge gefragt wie: „Wohin fahren Sie? Wie oft waren Sie in den letzten Monaten in der Ukraine? Wie viel Geld führen Sie mit sich? Haben Sie Bekannte in Kiew?“

Schlussendlich darf ich die Grenze trotzdem nicht passieren, weil angeblich „kein Grund und Nachweis dafür vorliegen, dass ein Aufenthalt auf ukrainischem Territorium geplant gewesen ist“.

Nachdem ich wieder in Donezk bin, erfahre ich am Busbahnhof, dass in der Stadt in den vergangenen Wochen keinerlei besondere Sicherheitsmaßnahmen hinsichtlich möglicher Flüchtlingsströme getroffen wurden. Man hat für den Notfall lediglich einige Betreuungsstätten eingerichtet. In Donezk, dem Ort, der sich am nächsten zur Staatsgrenze befindet, ist die Flüchtlingszahl derzeit noch sehr gering.


Das Spiel mit den Flüchtlingen

Zwanzig Kilometer von der Stadt Taganrog entfernt liegt die Ortschaft Solotaja Kosa. Dort leben seit knapp zwei Wochen 34 Flüchtlinge, in der für sie umfunktionierten Kinderbetreuungsstätte „Romaschka“, die am Ufer des Asowschen Meeres liegt. Der Großteil der Flüchtlinge stammt aus dem südöstlichen Teil der Ukraine. Dort teilt sich jede Familie ein Zimmer und bekommt drei Mal täglich zu essen.

Ein Mann floh mit seiner vierzehnköpfigen Familie aus der Stadt Nikolaew in die Region Rostow. Ich frage ihn, warum er sich zur Flucht entschlossen hat: „Rechtsradikale Extremisten plündern Häuser, verprügeln russische Bürger und üben bewaffnete Angriffe auf Sammeltaxis und Busse aus“, antwortet der Mann in einem nüchternen Ton. Das Arbeitsministerium der

Region Rostow soll den in der Stadt angekommenen Flüchtlingen Arbeitsplätze beschaffen, so der Mann weiter. Doch die örtlichen Behörden würden sich nicht darum bemühen, die geflüchteten Ukrainer als politische Flüchtlinge anzuerkennen. Noch weniger kooperativ zeigten sich die örtlichen Behörden, wenn es darum geht, den Flüchtlingen die russische Staatsbürgerschaft zu geben, beklagt er sich.

Ein anderer Flüchtling, der Bauarbeiter Artjom aus der Region Lugansk, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in die Auffangstätte „Romaschka“ gekommen ist, erzählt: „In der Ukraine kann man nichts machen. Arbeit gibt es keine, denn niemand will etwas bauen, da keiner weiß, was morgen sein wird. Ich konnte nicht einmal mein altes Auto verkaufen, weil momentan niemand Geld ausgeben will.“

Artjom sagt auch, dass die meisten Bewohner der Flüchtlingsauffangstätte nicht geflohen sind, weil die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine in Gefahr sei. Vielmehr liege der Grund für ihre Flucht woanders: Sie hätten im Fernsehen gehört, dass man in Russland die russische Staatsbürgerschaft, einen Wohnort sowie finanzielle Beihilfen bekommen würde, sobald man die Grenze passiere und sich als Flüchtling ausgebe.

„Doch als wir hier ankamen, sagte man uns etwas anderes: Wir würden

weder Pässe noch politisches Asyl noch einen Flüchtlingsstatus erhalten“, bemerkt Artjom. „Die örtlichen Behörden versprechen, uns dabei zu helfen, einen Arbeitsplatz zu finden, und bieten uns verschiedene Hilfen an. So hat man mir beispielsweise eine Stelle als LKW-Fahrer auf einem örtlichen Bauernhof angeboten. Meiner Frau haben sie angeboten, dort als Melkerin anzufangen. Doch dafür benötigen wir zuerst eine Arbeitserlaubnis, wofür der Föderale Migrationsdienst unzählige Dokumente braucht, für deren Ausstellung ich wiederum in die Ukraine fahren müsste.“

Zwei Flüchtlinge seien angesichts dieser bürokratischen Probleme schon wieder nach Hause gefahren, erzählt Artjom weiter. Er dagegen möchte mit seiner Familie in Russland bleiben und versuchen, eine Arbeit zu finden.


Ilja Barabanow ist ein bekannter russischer Journalist, der bis vor Kurzem das Ressort Politik in der oppositionellen Zeitschrift „The New Times“ leitete. Zuvor schrieb Barabanow für das Online-Nachrichtenportal „Gazeta.ru“.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kommersant