Ukraine: Zwiespalt der Sprachen

Foto: Reuters

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In der Ukraine ist ein Konflikt zwischen der Verwendung der ukrainischen und der russischen Sprache entbrannt. Dabei sind sich die beiden Sprachen sehr nah – so wie auch die Menschen, die zumeist zweisprachig leben.

Benjamin Franklin schrieb einst, dass die Zweisprachigkeit eines Landes große Probleme mit sich bringt. Diesen Gedanken hatten vermutlich auch die ukrainischen Abgeordneten, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch Ende Februar das Land verlassen hatte. Ihre erste Entscheidung war, das Recht der Regionen, Russisch als zweite Amtssprache zu verwenden, abzuschaffen. Diese Entscheidung wurde später zurückgezogen, doch das nützte nichts mehr – sie hatten die Büchse der Pandora bereits geöffnet: Millionen Ukrainer, deren Muttersprache oder bevorzugte Sprache Russisch ist, fühlten sich gekränkt und lebten ihre pro-russischen Neigungen auf der Krim und im Osten des Landes aus.

 

Russisch ist weiter verbreitet als Ukrainisch

Der Grund für diesen emotionalen Konflikt um die Sprachen ist allerdings nicht fehlendes Verständnis. Fast alle Ukrainer verstehen beide Sprachen, und eine große Mehrheit lebt zweisprachig. Wer eine der beiden Sprachen kann, beherrscht auch die andere in Wort und Schrift. Im Donezbecken (Südosten), in den großen Städten von Odessa bis Charkiw, sowie auf der Krim dominiert jedoch das Russische, während im Norden und Westen der Ukraine sowie auf dem Land hingegen hauptsächlich Ukrainisch gesprochen wird.

Einer Umfrage der Research & Branding Group aus dem Jahr 2010 zufolge ist das Ukrainische die Muttersprache von 65 Prozent der Einwohner des Landes – bei 33 Prozent ist es Russisch. Doch die Umfrage verbirgt, dass Russisch die am weitesten verbreitete Sprache in der Ukraine ist. Allerdings bevorzugen 46 Prozent der Bevölkerung das Ukrainische – gegenüber 38 Prozent, die Russisch vorziehen. In der Öffentlichkeit zeigt sich dieser Unmut in einer allgemeinen Klage der Ukrainer darüber, dass die Politiker die Landessprache schlecht beherrschen. Viktor Janukowitsch und sein ehemaliger Premierminister Mykola Asarow konnten sich in Puschkins Sprache besser ausdrücken als in der des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko.

Doch das gilt auch für die nationalistischen Anführer in der Ukraine wie die ehemalige Premierministerin Julia Timoschenko oder den Ex-Boxer Vitali Klitschko, die aus Dnjepropetrowsk beziehungsweise Kiew stammen. Letzterer hielt auf dem Höhepunkt der Unruhen im vergangenen Februar mehrfach vor Tausenden militanter Nationalisten auf dem Majdan Reden auf Russisch.

Weltweit bekannte ukrainische Schriftsteller wie Andrej Kurkow schreiben auf Russisch und bringen damit die Nationalisten zur Verzweiflung. Sie sprechen sich daher für eine lokale Form des Jakobinismus aus und kämpfen für eine dominante Stellung der ukrainischen Sprache, die ihrer Meinung nach durch die Vorherrschaft des Russischen bedroht ist. „Es geht weder darum, das Russische zu verbieten, noch darum, individuelle Rechte einzuschränken", beschwichtigt Artiom Lutsak, einer der Verantwortlichen der nationalistischen Bewegung „Prawi Sektor" in der Region Lemberg. „Alle Völker, die in der Ukraine leben, haben das Recht, ihre Sprache zu sprechen, doch sie müssen auch das Ukrainische beherrschen, denn das ist die Sprache des Volkes, das die Souveränität innehat."

 

Die Politik spaltet das Land geografisch – und sprachlich

Der Experte Alexander Kawa, der aus Ternopil im Westen der Ukraine stammt, geht davon aus, dass die Unstimmigkeiten rund um die Sprache von der Intoleranz der Regierung herrührten: „Die staatliche Politik wird von den im Westen lebenden Ukrainern dominiert, die ihren eigenen Standpunkt für den einzig richtigen halten." Diese Einstellung habe nicht

gerade zur Konsolidierung des Landes geführt, sagt er und erläutert: „Die Bewohner der Krim und anderer Gegenden im Südosten haben sich wie Bürger zweiter Klasse behandelt gefühlt, weil sie die ‚falsche Sprache' sprechen."

Die Politisierung des Sprachkonflikts begann im Jahr 2005, nachdem politische Kräfte an die Macht gekommen waren, die sich für eine Annäherung an die Europäische Union aussprachen. Diese proaktive Politik hat Früchte getragen: Noch vor zehn Jahren dominierte in der ukrainischen Hauptstadt Kiew das Russische. Heute werden Gespräche oft zweisprachig geführt. Das sieht dann so aus, dass eine Person eine Diskussion auf Russisch beginnt und der Gesprächspartner auf Ukrainisch antwortet.

Ein weiteres, rein ukrainisches Phänomen ist der „Surschyk", ein Soziolekt im Nordosten der Ukraine. Es handelt sich hierbei um eine Vermischung der beiden Sprachen, die von über 20 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird.

 

Die Medien leben relative Sprachfreiheit

Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass alle Plakate auf Ukrainisch sein müssen. Doch in Treppenhäusern von Gebäuden liest man häufig Meldungen auf Russisch, beispielsweise Mitteilungen wie: „Der Fahrstuhl ist defekt".

Das Fernsehen sendet inzwischen ausschließlich auf Ukrainisch, aber es kommt vor, dass ein Gast des Senders beschließt, Russisch zu sprechen. Schließlich sind auch 60 Prozent der Lieder, die im Radio gesendet

werden, auf Russisch. Russische Filme, die im Fernsehen oder Kino gezeigt werden, müssen aber untertitelt oder synchronisiert sein.

Bei der gedruckten Presse herrscht hingegen Sprachfreiheit. Eine der bedeutendsten Zeitungen des Landes, „Segodnja", gibt es nur auf Russisch, während andere Zeitungen zwei unterschiedliche Ausgaben publizieren oder ausschließlich auf Ukrainisch erscheinen. Im Südosten des Landes ist es schwierig, Bücher oder Zeitungen auf Ukrainisch zu finden, während es im Westen des Landes praktisch keine russische Presse gibt.

„Man lebt nicht in einem Land, sondern in einer Sprache", philosophierte Emil Cioran. Wenn die ukrainischen Nationalisten das Zusammenleben mit russischsprachigen Menschen weiterhin ablehnen, riskieren sie, bald in einem verkleinerten Land zu wohnen.