Kartografie: Die Krim in Neongrün

Die diplomatischste Lösung der Krim-Krise hat die russische Suchmaschine „Yandex“ gefunden: Auf ihrer russischen Seite wird die Krim als Teil Russlands dargestellt, während ukrainische Nutzer sie als Teil der Ukraine zu sehen bekommen. Foto: Yandex.Maps

Die diplomatischste Lösung der Krim-Krise hat die russische Suchmaschine „Yandex“ gefunden: Auf ihrer russischen Seite wird die Krim als Teil Russlands dargestellt, während ukrainische Nutzer sie als Teil der Ukraine zu sehen bekommen. Foto: Yandex.Maps

Noch ist der Status der Halbinsel Krim außerhalb der Russischen Föderation nicht geklärt. Das bereitet Kartografen rund um den Globus Kopfschmerzen – unterschiedliche Ansätze versuchen, das Problem zu lösen.

Der Fokus in der Ukraine-Krise hat sich von der Krim zu den unruhigen Ostprovinzen des Landes Charkiw, Donezk und Luhansk verschoben. Doch es gibt noch immer allerlei Spannungen in Bezug auf den neuen Status der Halbinsel, insbesondere unter den Kartografen.

„Wikipedia“ hat kürzlich die Landkarte der Region aktualisiert. Das löste einen mehrtägigen Streit unter den Redakteuren aus: Zunächst wurde die Krim der Russischen Föderation zugeordnet, dann wieder der Ukraine und schließlich wieder Russland, diesmal in Neongrün unterlegt, um sie vom Rest des Landes abzusetzen.

Doch auch so entging die Seite der Zensur nicht: Der russischen

Tageszeitung „Iswestija“ zufolge wandte sich Anatoli Sidjakin, Abgeordneter der Partei „Einiges Russland“, an den Föderalen Dienst für die Aufsicht im Bereich der Kommunikation und verlangte, die Krim auf der russischen Wikipedia-Seite nicht länger als umstrittenes Gebiet zu kennzeichnen.

Darüber hinaus forderte er die Aufnahme von Ermittlungen gegen Google, da die Krim bei „Google Maps“ weiterhin als Teil der Ukraine dargestellt wird. Bei Google zeigte man sich unbeeindruckt und nahm keine Änderungen vor.


Grenzen ausloten

Die renommiertesten Kartografen aus Russland und den USA formulierten ihre gegensätzlichen Positionen in den vergangenen Tagen deutlich.

Einen Tag, nachdem die Krim formal an Russland angegliedert worden war, veröffentlichte die Russische Geografische Gesellschaft auf ihrer Internetseite eine Stellungnahme zu ihrer Position in dieser Angelegenheit. Die 1845 gegründete Gesellschaft erklärte, dass sie „versucht, mit russischen Kartografen zusammenzuarbeiten (…) bei der Erstellung neuer Landkarten Russlands, welche die beiden neuen Subjekte mit einschließen: die Republik Krim und die Stadt Sewastopol.“

Die in Washington, D.C. ansässige National Geographic Society erklärte hingegen in einer Stellungnahme auf ihrer Internetseite, dass ihre kartografische Verfahrensweise auf der „aktuellen Realität“ beruhe und dass die Krim und ihr Verwaltungszentrum Sewastopol grau schraffiert und mit einem besonderen Symbol gekennzeichnet werden. „Wenn eine Region umstritten ist, entspricht es unseren Grundsätzen, diesen Status in unseren Landkarten darzustellen. Das ist nicht mit einem Anerkennung der Legitimität dieser Situation gleichzusetzen“, ist in der Erklärung zu lesen.


Uneinigkeit unter Kartografen 

Andere Kartografen entschieden sich jedoch für eine vorsichtigere Herangehensweise. Rand McNally, der führende US-amerikanische Verlag für geografische Medien, hat keine Eile, die Grenzen auf seinen Landkarten und in seinen Atlanten neu zu ziehen. „Rand McNally beobachtet die Ereignisse eingehend“, erklärte die Sprecherin Amy Krouse gegenüber RBTH. „Wir können nicht sagen, wie wir die Krim genau behandeln werden. Unsere Herangehensweise bestand schon immer darin, umstrittene Gebiete auf den Landkarten zu kennzeichnen, aber keine Änderungen der Grenzen vorzunehmen, bevor diese nicht vom US-amerikanischen Außenministerium offiziell anerkannt worden sind.“

Bei HarperCollins, einem weiteren großen Verlagshaus in den USA, reagiert man ebenfalls zurückhaltend. Ein Sprecher teilte RBTH mit, dass die Krim in aktuellen Karten zwar noch „als Teil der Ukraine“ behandelt werde, doch der Verlag „diese Politik im Lichte der jüngsten Ereignisse prüfe“.


Landkarten machen Politik

Wenn sich eine Region für die Abspaltung von einer größeren politischen Einheit mit deren Zustimmung entscheidet und die Legitimität des Referendums nicht von Organisationen wie den Vereinten Nationen infrage gestellt wird, ist die Situation eindeutig. Im Falle der Krim jedoch gibt es diesen weltweiten Konsens gerade nicht. Das wirft die Frage auf, wie genau ein umstrittenes Gebiet dargestellt werden sollte – ein Thema, das schon immer mit politischen Problemen verbunden gewesen ist und immer eine Frage der Perspektive war.

Im „Weltatlas“ des russischen Verlegers Astrel aus dem Jahr 2011 ist der

Kosovo, den Russland nicht anerkennt, weiterhin ein Teil Serbiens. Abchasien und Südossetien, die sich 2008 mit Russlands Unterstützung von Georgien abgespalten haben, werden als eigenständige Nationen dargestellt. Die von Moldawien abtrünnige Region Transnistrien wird nicht gesondert gekennzeichnet, da Moldawien ebenfalls von Russland unterstützt wird.

Rand McNally hingegen stellt Abchasien und Südossetien als umstrittene Gebiete dar, markiert aber auch Transnistriens umstrittenen Status. Hinsichtlich des Kosovo ist die Position des US-amerikanischen Verlegers eindeutig: „Wir zeigen den Kosovo als Staat, da das US-amerikanische Außenministerium ihn als solchen anerkennt“, erklärt Verlagssprecherin Amy Krouse.

Google hebt bei seinem Dienst „Google Maps“ umstrittene Territorien wie Abchasien und den Kosovo durch unterbrochene, fette Linien hervor.


Eine diplomatische Lösung

Im Hinblick auf die Krim hat Wikipedia möglicherweise eine gute Lösung gefunden. Neben der Hauptkarte bietet das Online-Lexikon nun zwei alternative Landkarten Russlands für englischsprachige Nutzer. Eine Version zeigt die Krim als Teil der Russischen Föderation, bei der anderen Version bleibt die Krim Teil der Ukraine. Russischen Nutzern wird nur eine einzige Karte gezeigt, auf der die Krim grün gestreift dargestellt ist. Dies passt zur üblichen Vorgehensweise der Internetseite in Bezug auf

annektierte Gebiete: Die Region Westsahara, die von Marokko annektiert wurde, ist auf dieselbe Weise schraffiert.

Die diplomatischste Lösung bietet die russische Suchmaschine „Yandex“: Auf ihrer russischen Seite wird die Krim als Teil Russlands dargestellt, während ukrainische Nutzer sie als Teil der Ukraine zu sehen bekommen.

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