Ukrainischer Nationalismus zwischen Mythos und Wahrheit

Foto: Reuters

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Welchen Einfluss haben die nationalistischen Ideen auf die Geschichte und das politische Leben der postsowjetischen Ukraine? RBTH sprach darüber mit dem Historiker Oleg Nemenskij.

Vom Standpunkt der russischen Regierung und den russischen Medien aus betrachtet, ist die quasi führende Rolle der „Banderowzy", der „Neonazis", in der neuen politischen Landschaft der Ukraine der Dreh- und Angelpunkt im gegenwärtigen Informationskrieg zwischen Russland einerseits und dem Westen und der Ukraine andererseits. Die ukrainische Regierung und der sie unterstützende Westen weisen alle Anschuldigungen von „Neonazis" in der Ukraine zurück und bezeichnen diese Darstellungen als „Lüge der Kreml-Propagandisten".

Wie sieht die Ideologie des Maidans nun aber wirklich aus? Wie nationalistisch sind die Aktivisten eingestellt? Können tatsächlich alle „patriotischen" Kräfte, die an der Umwälzung beteiligt waren, als Nachfolger der „Banderowzy", der ukrainischen Aufständischen der Dreißiger- und Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts bezeichnet werden? Welchen Einfluss haben die nationalistischen Ideen, die Ideen der „Banderowzy" auf die Geschichte und das politische Leben der postsowjetischen Ukraine? Das alles wollte RBTH von Oleg Nemenskij, promovierter Historiker und führender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Russischen Instituts für strategische Forschungen, wissen.

 

RBTH: Wer bildete den Kern der Aktivisten auf dem Maidan?

Oleg Nemenskij: Die Aktivisten auf dem Maidan waren im Wesentlichen Vertreter der westlichen Regionen der Ukraine. Deren ideologische Vorstellungen sehen keinen gesellschaftlichen Konsens mit den Vertretern des Ostens vor, wie auch die Ideologie des ukrainischen Nationalismus keine integrale Sichtweise aufweist.

Worin bestehen diese ideologischen Vorstellungen?

Der ukrainische Nationalismus hat sich als Ideologie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts herausgebildet und ähnelt in seiner Natur dem deutschen Nazismus und einer Reihe anderer ultrarechter Ideologien der damaligen Zeit. Das erklärt seine extreme Intoleranz und den Drang zu politischer Handlung, Gewalt und Verleugnung der Rechte von Minderheiten. Die ukrainischen Nationalisten erachten eine „eiserne Hand" zum Aufbau der Nation als notwendig und unterdrücken deshalb alle nicht ukrainischen Elemente in der Gesellschaft. Das Problem besteht allerdings darin, dass die nicht ukrainischen Elemente in der Ukraine in der Mehrheit sind. Sie stellen selbst in der ukrainischsten aller ukrainischsten Regionen der Westukraine – in Galizien – einen nicht kleinen Teil der Bevölkerung.

Manchmal wird zwischen gemäßigtem und radikalem ukrainischen Nationalismus unterschieden – wie auch bei anderen europäischen Völkern. Im Falle der Ukraine trifft dies jedoch nicht zu. Alle Formen des

europäischen Nationalismus entwickelten sich zuerst als „gemäßigt" und verwandelten sich erst später in eine radikalere Variante. In der Ukraine allerdings stand die radikale Ideologie an der Wiege der Entwicklung.

Wie berechtigt ist eine historische Parallele zwischen den heutigen Aktivisten mit der Philosophie und den Praktiken der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) und anderer Organisationen des 20. Jahrhunderts?

In den Jahren des Zweiten Weltkriegs war die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) unter Führung von Stepan Bandera und dessen rechter Hand Roman Schuchjewitsch tätig, vor allem auf dem Territorium der Westukraine. Das sind die bedeutendsten Momente des ukrainischen Nationalismus.

Die „Banderowzy" hatten ein angespanntes Verhältnis zu den deutschen Okkupanten, sahen ihren Hauptfeind jedoch immer in der Sowjetunion. Dieser Grundsatz basierte auf der Ideologie des ukrainischen Nationalismus, laut der der Erzfeind der Ukrainer die „Moskali" sind, das heißt all jene Russen, die die Werte des ukrainischen Nationalismus nicht teilen, obwohl die Polen und Juden natürlich auch Feinde darstellten.

Bis 1939, als das Gebiet der Westukraine noch zu Polen gehörte, betrieben die ukrainischen Nationalisten des Stepan Bandera antipolnische politische Arbeit und Diversionstätigkeit, schwenkten dann allerdings um und bekämpften die Sowjetmacht.

Im Dritten Reich erkannte man, dass man die „Banderowzy" durchaus für eigene Interessen einsetzen kann. Zum Beispiel, wenn man deren Wunsch nach einer „Säuberung des ukrainischen Bodens von unerwünschten Elementen", das heißt vor allem von Juden und Kommunisten, ausnützen würde. Banderas Idee einer unabhängigen Ukraine stieß im Dritten Reich jedoch nicht auf Unterstützung. Er wurde in ein Konzentrationslager gesteckt, in dem er bis 1944 einsaß, im Vergleich zu anderen Insassen allerdings unter recht komfortablen Bedingungen.

Welche Rolle spielten die ukrainischen Nationalisten während der deutschen Besatzung?

Während der deutschen Okkupation dienten die ukrainischen Nationalisten aktiv in den deutschen Militärstrukturen, vor allem in den SS-Divisionen „Galizien", dem Bataillon „Nachtigall", der „Ukrainischen Legion" und der

sogenannten „Polizei". Verbände, die nicht dem Deutschen Reich unterstanden, führten darüber hinaus ethnische Säuberungsaktionen in den Gebieten durch, die sie als ur-ukrainisch empfanden, wobei sie immer wieder in bewaffnete Konfrontationen mit den Truppen der deutschen Okkupanten gerieten. Zu trauriger Berühmtheit gelangten die antijüdischen Pogrome in der Westukraine im Jahre 1941 sowie das Massaker von Wolhynien 1943 bis 1944, bei dem nach Angaben polnischer Historiker etwa 150 000 polnische Staatsangehörige ermordet wurden. Dem Terror wurden auch jene Russen und Ukrainer ausgesetzt, die sich nicht mit der Theorie und Praxis der ukrainischen Nationalisten einverstanden erklärten.

1944 wurde Bandera aus dem Konzentrationslager entlassen, um den Kampf der Mitglieder der UPA gegen die vorrückende Rote Armee und die sowjetische Verwaltung anzuführen.

Wie ging es dann in den Nachkriegsjahren weiter?

Ihre größten Aktivitäten entfachten die „Banderowzy" im Zeitraum von 1944 bis 1945 sowie in den ersten Nachkriegsjahren, als mit zunehmendem Kalten Krieg die Zusammenarbeit mit britischen und US-amerikanischen Geheimdiensten aufgebaut wurde. Bis Mitte der Fünfzigerjahre kam die Diversionstätigkeit jedoch zum Erliegen und die

meisten Aktivisten kehrten zu einem friedlichen Leben zurück. Bandera selbst lebte nach dem Krieg unter dem Schutz des britischen Geheimdienstes in München, bis er dann im Jahre 1959 von dem KGB-Agenten Bogdan Staschinskij ermordet wurde.

Im April 2014 drangen Informationen über die „Banderowzy" aus den geöffneten Geheimarchiven des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation an die Öffentlichkeit. Diese Dokumente werfen ein neues Licht auf die Aktivitäten der „Banderowzy" zur Unterstützung der deutschen Okkupationstruppen sowie bei ethnischen Säuberungen. Neben Juden rotteten die „Banderowzy" auch Vertreter anderer Völker aus. Außerdem richtete sich der Terror der „Banderowzy" gegen das eigene Volk, wenn es sich nicht mit der Ideologie des ukrainischen Nationalismus einverstanden erklärte. Heutzutage wird den ukrainischen Kindern jedoch beigebracht, diese Leute als Nationalhelden zu verehren.

Das heißt, der ukrainische Nationalismus wird im ukrainischen Bildungssystem positiv dargestellt?

Die postsowjetische Südost-Ukraine unterschied sich vom Westen des Landes all die Jahre vor allem dadurch, dass sie keine eigene Identität und Ideologie entwickelt hat. Selbst als in Kiew Vertreter des Südostens an der Macht waren, war deshalb die gesamte geisteswissenschaftliche Politik den ukrainischen Nationalisten aus Galizien überlassen. So unterwarf sich

mit der Zeit alles im Bildungssystem und der Informationspolitik dem einheitlichen nationalistischen Trend. Die heutige Generation der ukrainischen Kinder lernt nach Lehrbüchern, die eine ultra-nationalistische Sichtweise auf die ukrainische Geschichte vertreten. Im Fernsehen werden ständig Sendungen gezeigt, die die Idee des ukrainischen radikalen Nationalismus propagieren. Die Früchte dieser schulischen Erziehung und Informationspolitik erntet die Ukraine jetzt, wo auch im Südosten der Ukraine viele Jugendliche, deren Eltern sich nicht gerade durch eine ukrainische Identität auszeichnen und sich eigentlich eher als Russen fühlen, ihr ukrainisches Herz schlagen spüren.

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