De Maiziere: Nur ein Dialog schafft Lösungen

Dr. h.c. Lothar de Maizière, Vorsitzender des deutschen Lenkungsausschusses des Petersburger Dialogs. Quelle: Pressebild

Dr. h.c. Lothar de Maizière, Vorsitzender des deutschen Lenkungsausschusses des Petersburger Dialogs. Quelle: Pressebild

Der Ukraine-Konflikt wird immer brutaler und scheint auf diplomatischem Wege kaum lösbar. „Doch“, sagt Lothar de Maiziere, „Vorsitzender des deutschen Lenkungsausschusses“ des „Petersburger Dialogs“ und letzter Ministerpräsident der DDR im Interview mit RBTH.

Dr. h.c. Lothar de Maizière, Vorsitzender

des deutschen Lenkungsausschusses des

Petersburger Dialogs. Quelle: Pressebild

RBTH: Sie sind ein Verfechter der Strategie, mit den russischen Partnern auf allen Ebenen im Gespräch zu bleiben und den Dialog nicht abreißen zu lassen. Sehen Sie positive Signale dafür, dass diese Herangehensweise richtig ist?

Wer miteinander redet, schießt nicht aufeinander. Dass ist eine uralte Weisheit. Die Erfolge der bundesdeutschen Außenpolitik, bis einschließlich zur Einheit, waren immer Dialog und Kompromiss. Das allein hat zum Erfolg geführt. Insofern ist diese Herangehensweise das einzige Richtige. Alle guten Ergebnisse der internationalen Politik beruhen einzig und allein auf Dialog.

RBTH: Wie schätzen Sie den jüngsten Petersburger Dialog am 23. April 2014 in Leipzig ein? War das ein Erfolg?

Es war zumindest kein Misserfolg. Der erste Erfolg ist, dass er überhaupt stattgefunden hat. Das war ja aufgrund der Krise in der Ukraine in der Schwebe. Denn der „Petersburger Dialog“ findet normalerweise immer parallel zu den deutsch-russischen Regierungskonsultationen statt. Die fielen aber dieses Jahr aus. Was tun also? Wir sind dann geschickt gewesen in der Thematik.

RBTH: Nämlich?

Wir haben ganz bewusst gesagt, wir führen das dennoch durch. Also haben wir die Thematik gewählt: Zivilgesellschaftliche Friedensbemühungen  von 1914 bis 2014. Mir ging es darum, zu zeigen, dass dieses Jahrhundert von 1914 bis 2014 ein schwieriges Jahrhundert war für die beiden Nationen. Krieg und Frieden wechselten sich ab. Aber die beiden Völker hatten immer wieder die Kraft gefunden, aufeinander zuzugehen. Deswegen habe ich gesagt: Jetzt erst Recht!

RBTH: Wie ist denn das Verhältnis heute zwischen den Völkern, den Russen und den Deutschen?

Die Russen haben den 2. Weltkrieg nicht vergessen. Das können sie auch

nicht. Aber sie haben uns, den Deutschen, den Krieg verziehen. Das ist eine ungeheure Leistung. Das liegt auch daran, dass die Russen die Deutschen „lieben“, die deutsche Kultur, Sprache und die gemeinsame Geschichte.

RBTH: Es wurde dennoch der Vorwurf laut, dass die Russen derzeit gar kein Interesse am Dialog hätten. Sehen Sie das auch so?

Nein, die Russen wollten den Dialog. Doch sie hatten Befürchtungen, dass sie wegen der Krim hier quasi „vorgeführt“ würden. Das ist nicht geschehen. Es gab ein fruchtbares Gespräch, einen klugen Gedankenaustausch. Eben einen guten Dialog.

RBTH: In Leipzig waren einige traditionelle Teilnehmer wie Elmar Brok, Andreas Schockenhoff und Marieluise Beck nicht dabei. Sponsoren haben sich zurückgezogen.  Wird das Format Petersburger Dialog langsam zu Grabe getragen, wie einige behaupten?

Die genannten Personen hatten sich entschuldigt ohne Angabe von Gründen. Ihre Meinung zur Perspektive des Petersburger Dialogs haben sie dann später einer deutschen Tageszeitung erzählt. Das finde ich keinen guten Stil. Und was die Sponsoren angeht, so kann ich nur sagen: Wir schreiben keine roten Zahlen. Die Sponsoren kommen im Wesentlichen aus der deutschen Industrie und aus den großen deutschen politischen Stiftungen. Die, die normalerweise zahlen, haben auch in diesem Jahr gezahlt.  

RBTH: Sie haben als letzter DDR-Ministerpräsident und danach in den verschiedensten Funktionen viel mit Russen zu tun gehabt. Hat sich in Inhalt, Ton und „Chemie“ irgendetwas verändert?

Sicherlich. Als Ministerpräsident hatte ich eine offizielle staatliche Aufgabe. Meine Aufgabe jetzt ist eine rein zivilgesellschaftliche. Als wir mit dem „Petersburger Dialog“ begannen, war alles sehr förmlich. Inzwischen wurde es sehr freundschaftlich. Das hat sich jetzt auch in der Krise nicht geändert.

RBTH: Wie sprechen Sie denn über die Krimkrise im Dialog?

Ganz einfach: Aus westlicher Sicht ist es eine Annexion, aus östlicher Sicht eine Vereinigung. Man gewinnt aber nicht, wenn man ein Thema endlos ausdiskutiert. Man muss sagen können: Lass uns unterschiedlicher Meinung bleiben!

RBTH: Hängen viele der vorhandenen Probleme vielleicht auch mit mangelndem Verständnis für die jeweils andere Kultur zusammen?

 Zutreffend ist, dass es unterschiedliche Kulturkreise sind. Die Bundesbürger – Alt sind für den westlichen Kulturraum offen gewesen, aber mit geringem Verständnis für den Osten. Bei den ehemaligen DDR-Bürgern ist es eher umgekehrt. Schauen Sie sich an, wer jetzt im Petersburger Dialog und im Deutsch-Russischen Forum das Sagen hat. Die so genannten „Russland - Versteher“ kommen weitgehend aus dem Osten. Man muss auch sehen, dass der russischen Kultur sowohl Renaissance wie auch Aufklärung fehlen. Es fehlen das Gefühl und das Bewusstsein für die Würde des Individuums.  Das führt zur Menschenverachtung, weil das Individuum eben nicht viel zählt. Schauen Sie sich nur an, wie die Abgeordneten sich im Parlament von Kiew prügeln.

RBTH: Verstehen wir Deutschen die Russen nicht ausreichend?

Die Russen verstehen uns Deutsche besser als wir die Russen. Das ist wohl so. Das hängt eben damit zusammen, dass wir einerseits westlich orientiert waren nach 1945 und der andere Teil Deutschlands gen Osten.

RBTH: Was geht Ihnen gerade jetzt in den Tagen des Gedenkens an das Ende des 2. Weltkrieges durch den Kopf wenn Sie die besorgniserregenden Bilder aus der Ukraine sehen?

Die Situation in der Ukraine hat mehrere Ursachen: Zum einen eine historische. Die West-Ukraine ist lateinisch-katholisch geprägt, weil sie jahrhundertelang zu Polen und Österreich-Ungarn gehörte. Die Ostukraine ist orthodox und kyrillisch geprägt. Letztlich geht die Grenze zwischen Byzanz und Rom durch die Ukraine. Der Ukraine ist es in den letzten 20 Jahren nicht gelungen, diesem Unterschied in einer föderativen Staatsform Rechnung zu tragen. Die Ukraine gehört geopolitisch weder eindeutig zum Westen, noch eindeutig zu Russland. Wünschenswert wäre eine Brückenfunktion. Ob das nach der jetzigen Auseinandersetzung noch möglich ist, wird sich erst später zeigen.

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