Moskau und Peking – der Beginn einer Freundschaft?

Der Staatsbesuch Putins in China könnte der Beginn einer Annäherung sein. Foto: Konstantin Sawraschin / Rossijskaja Gaseta

Der Staatsbesuch Putins in China könnte der Beginn einer Annäherung sein. Foto: Konstantin Sawraschin / Rossijskaja Gaseta

Der russische Präsident Wladimir Putin befindet sich derzeit auf Staatsbesuch in Shanghai. In einem Interview mit der Zeitung Rossijskaja Gaseta erklärte China-Experte Sergej Lusjanin, dass es sich um den Beginn einer politischen Annäherung handeln könnte. RBTH gibt einen Überblick über die wichtigsten Aussagen des Experten.

Der Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in China wirft erneut die Frage auf, welche langfristigen Perspektiven die russisch-chinesischen Beziehungen haben. Sergej Lusjanin, Vizedirektor am Moskauer Institut für Ostkunde an der Russischen Akademie der Wissenschaften und Professor am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO), meint, dieser Besuch habe vor allem einen strategischen Hintergrund: „Russland und China stärken sich gegenseitig als neues Zentrum der Weltmacht, wenn sie Verträge zur Energie oder anderem unterzeichnen."

Der Experte merkte an, dass China offiziell eine neutrale Position zur ukrainischen Frage eingenommen habe, de facto aber Russlands Ansichten unterstütze. „Ich würde die Strategie Chinas als ‚freundliche Neutralität' in der ukrainischen Frage bezeichnen", sagte Lusjanin der „Rossijskaja Gaseta". Seiner Meinung nach empfinde Russland China schon lange als Verbündeten und werde die Partnerschaft ausbauen: „Wenn man die perspektivischen Möglichkeiten dieses Besuchs betrachtet, dann kann man sagen, dass er den Beginn einer nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Annäherung Russlands und Chinas darstellt."

Lusjanin schloss auch nicht aus, dass die Parteien in Schanghai am Rande des Besuchs über eine Reihe großer Projekte auf der Krim diskutieren werden. Das könnte beispielsweise den Bau einer Brücke über die Straße von Kertsch für die Anbindung der Krim an das russische Kontinentalgebiet oder eines Tiefwasserhafens für zivile Zwecke betreffen.

 

China ist auf Russlands Einfluss angewiesen

Hinsichtlich der militärisch-politischen Komponente der bilateralen Beziehungen sagte der Experte, dass China seine Politik durchaus ändern könne. Falls die USA ihre sehr harte Konfrontationspolitik in Asien fortsetze und an der Schaffung einer „asiatischen Nato" mit einer antichinesischen Ausrichtung arbeite, könnte sich Chinas „freundliche Neutralität" zu einer offenen Unterstützung der Handlungen Russlands wandeln: „Wenn sich dieser Trend verstärkt und Peking ganz klar versteht, dass an seinen südlichen Grenzen de facto und de jure ein feindlicher militärisch-politischer Block entsteht, der sogar aktive militärische Handlungen unternimmt, dann wird sich die russisch-chinesische strategische Partnerschaft natürlich ändern."

Der Experte bezweifelt jedoch, dass es zu einem tatsächlichen militärisch-politischen Bündnis zwischen Russland und China kommen werde. Allerdings werde der Vertrag über eine strategische Partnerschaft von 2001 wahrscheinlich um neue Punkte bezüglich Sicherheit und Strategiekooperation erweitert werden. Zudem räumt Lusjanin ein: „Landtruppen- und Kriegsschiffübungen zwischen Russland und China sind bereits zu alljährlichen Veranstaltungen geworden. Man kann sagen, dass es zwar kein Militärbündnis zwischen Moskau und Peking gibt, einige Elemente jedoch bereits sichtbar sind."

Ein weiteres Ziel der russisch-chinesischen Kooperation könnte das Projekt des „Wirtschaftsgürtels der großen Seidenstraße" sein, über das der Staatschef der Chinesischen Volksrepublik im September des vergangenen

Jahres gesprochen hatte. Die „Seidenstraße" soll 21 Staaten umfassen, darunter nicht nur Zentralasien, wo Russland einigen Einfluss hat, sondern auch Regionen in Süd- und Ostasien sowie in Europa. Aber, wie Lusjanin meint, werde das Projekt der „Seidenstraße" durch eine Reihe von Hindernissen gehemmt. Darunter falle zum Beispiel der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan, womit die Lage im Land nun viel weniger kalkulierbar und wesentlich explosiver werde. Damit sei die Sicherheit in den angrenzenden Regionen Zentralasiens gefährdet. „Deshalb wird China bei der Realisierung des Projekts ‚Seidenstraße' ohne Russland nicht auskommen", stellte der Experte fest.

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