Ukraine im Medienspiegel: Tote Journalisten und Eiserner Vorhang

Der Journalist des russischen staatlichen Fernsehsenders WGTRK Igor Korneljuk (links) kam am 17 Juni nahe Lugansk ums Leben. Foto: Pressebild

Der Journalist des russischen staatlichen Fernsehsenders WGTRK Igor Korneljuk (links) kam am 17 Juni nahe Lugansk ums Leben. Foto: Pressebild

Die Berichterstattung der russischen Medien wird vom Tod zweier Journalisten in der Südostukraine dominiert. Weiterhin fordert Russland die ukrainische Regierung zu einem gesamtnationalen Dialog über die Zukunft des Landes auf.

„Kommersant": Lawrow sieht den Westen in der Pflicht

Die Zeitung „Kommersant" berichtet über den Tod von zwei Journalisten der staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft WGTRK unweit der Stadt Lugansk. Diese seien als Teil eines Fernsehteams von WGTRK in Lugansk unterwegs gewesen, um über Fortschritte bei der Umsetzung des Friedensplans für den Südosten der Ukraine und über die Einrichtung des „grünen Korridors" zu berichten, einem Fluchtweg aus dem Krisengebiet für die Zivilbevölkerung. Während des Berichts seien der Sonderkorrespondent Igor Korneljuk und der Toningenieur Anton Woloschin unter Beschuss geraten und nur wenig später ihren Verletzungen erlegen, schreibt die Zeitung.

Nach Angaben von „Kommersant" wollten die russischen Sender ihre Filmteams jedoch nicht aus der Kampfzone abziehen. Es sei ihre journalistische Pflicht, dort die Stellung zu halten, um die Berichterstattung fortsetzen zu können – auch wenn dies lebensgefährlich sei.

„Kommersant" zitiert des Weiteren aus der offiziellen Stellungnahme des russischen Außenministers Sergej Lawrow, der die ukrainische Regierung zur Einleitung von objektiven Ermittlungen und einer strengen Bestrafung der Schuldigen aufrief. Lawrow erklärte, dass die Journalisten in Krisengebieten zwar immer mit einem Risiko leben müssten, betonte aber auch, dass die Bedingungen in der Ukraine zurzeit extrem gefährlich seien. Der russische Außenminister hätte in seiner Stellungnahme die „westlichen Patrone Kiews" aufgefordert, auf die ukrainische Regierung einzuwirken, damit solche Gewaltakte keine Unterstützung mehr fänden, kommentiert die Zeitung. Zudem solle der Westen die ukrainische Regierung zwingen, einen „gesamtnationalen Dialog über die Zukunft des Landes" zu führen.

 

„Wsgljad": Poroschenko will niemandem Rechenschaft ablegen

Die Zeitung „Wsgljad" berichtet ebenfalls über den Tod der Journalisten, der große Empörung auf der höchsten internationalen Ebene ausgelöst habe. Mitglieder des UN-Sicherheitsrats hätten in einer vor dem Gremium verlesenen Erklärung zu einer gründlichen Untersuchung aller Zwischenfälle unter Anwendung von Gewalt, darunter auch gegen Journalisten, aufgerufen, so die Zeitung.

Bezeichnend ist laut „Wsgljad" die offizielle Reaktion Petro Poroschenkos in den ukrainischen Medien. Dieser habe zwar ebenfalls „eine gründliche Ermittlung" angekündigt. Damit wolle er aber lediglich auf eine Anfrage der

OSZE reagieren, behauptet die Zeitung. Gegenüber den Verwandten der getöteten Journalisten habe er zwar sein Mitgefühl ausgesprochen, doch er sei ihnen oder der russischen Gesellschaft und Behörden keiner Rechenschaft schuldig, zitiert die Zeitung den ukrainischen Präsidenten. Nach ukrainischer Lesart seien die Aufständischen im Donezk-Becken für den Tod der russischen Journalisten verantwortlich zu machen, so „Wsgljad".

Die Zeitung versucht darüber hinaus, einen Vorwurf der ukrainischen Sicherheitsbehörden zu entkräften. Diese habe behauptet, der getötete Korneljuk hätte keine Arbeitsgenehmigung für die Ukraine gehabt. Laut „Wsgljad" ist diese seit 2011 für russische Journalisten in der Ukraine allerdings nicht mehr notwendig.

 

„Nesawisimaja gaseta": Ukraine will Grenze zu Russland schließen

Die „Nesawisimaja gaseta" berichtet, dass die Ukraine in Betracht ziehe, den Kriegszustand in den Regionen Donezk und Luhansk auszurufen und einen vorläufigen Waffenstillstand zu vereinbaren. Während eines Waffenstillstandes hätten die Aufständischen Gelegenheit, sich zu ergeben und das Land freiwillig zu verlassen. Die Zivilbevölkerung könne in dieser Zeit aus der Kampfhandlungszone evakuiert werden. Aufständische, die sich nicht ergeben wollen, sollen wie Terroristen behandelt werden, berichtet die Zeitung.

Zudem gebe es in der Ukraine laut „Nesawisimaja gaseta" Pläne, die Grenze zu Russland zu schließen und einen durchgehenden Elektrozaun zu errichten. Das Gebiet rund um den Zaun könnte zudem vermint und mit

einem tiefen Graben versehen werden, spekuliert die Zeitung. Bis über den Plan entschieden sei, wolle die Ukraine die Grenzen mit einem verstärkten Truppenkontingent sichern. Die Soldaten sollen mit modernen Waffensystemen ausgerüstet werden.

Die „Nesawisimaja" berichtet weiterhin, dass in der ukrainischen Bevölkerung die Forderung nach vorgezogenen Wahlen laut werde. Die Wahlen sollten dabei nach dem Proporzsystem und mit offenen Parteilisten durchgeführt werden. Außerdem werde überlegt, dass die Werchowna Rada die Wahlgesetzgebung und die ukrainische Verfassung auf den Prüfstand stellt. Doch für die Zeitung ist die Hauptfrage, vor der die Ukraine steht, eine andere: Sie solle sich entschließen, „wie ihre Beziehungen zu Russland künftig gestaltet werden sollen – nach dem Prinzip eines kalten Friedens oder eines kalten Kriegs".

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland