Vier russische Jahreszeiten für Edward Snowden

Während seines Aufenthalts in Russland erhielt Snowden ein Angebot als Fernsehmoderator und begann, Russisch zu lernen. Foto: Getty Images

Während seines Aufenthalts in Russland erhielt Snowden ein Angebot als Fernsehmoderator und begann, Russisch zu lernen. Foto: Getty Images

Edward Snowdens Asylantrag läuft Ende Juli 2014 aus. Es ist unklar, ob er verlängert wird oder ob Snowden dem Land den Rücken kehrt. RBTH fasst das russische Jahr des weltbekannten Whistleblowers zusammen.

Es begann damit, dass Edward Snowden im Sommer des vergangenen Jahres der Presse Informationen über Abhörmaßnahmen, die seinen Worten nach von den US-amerikanischen Geheimdiensten in 60 Ländern bei Milliarden von Einzelpersonen und 35 Regierungen durchgeführt wurden, übermittelt hatte. Auf der Flucht vor der US-amerikanischen Gerichtsbarkeit versteckte er sich zunächst in Hongkong und kam schließlich am 23. Juni 2013 im Moskauer Flughafen Scheremetjjewo an. Ein Visum hatte er nicht. Über das, was danach geschah, gibt es

unterschiedliche Versionen. Snowden selbst behauptet, dass er sich nach seiner Landung in einen Bus, der direkt an der Gangway des Flugzeugs gewartet haben soll, gesetzt und das Flughafengelände in unbekannte Richtung verlassen habe. Eine andere Version lautet, dass er sich im Erholungsraum des Flughafenpersonals im Transitbereich aufhielt. Erst am 12. Juli erklärte er auf einer von ihm selbst einberufenen Pressekonferenz seine Absicht, um politisches Asyl in Russland zu bitten. Nach Informationen der Nachrichtenagentur RBK hatte er einen solchen Antrag bereits am 30. Juni 2013 im russischen Außenministerium gestellt. Am 16. Juli wandte Snowden sich offiziell mit der Bitte um Asyl an den Föderalen Migrationsdienst Russlands. Seitdem lebt Edward Snowden in Russland.

 

Die Abenteuer eines Systemadministrators

Der ehemalige Systemadministrator Edward Snowden arbeitete auf einer Basis der National Security Agency (NSA) auf Hawaii, später als Internetspezialist bei der Informationsabteilung der CIA. Im Mai und Juni 2013 übergab Snowden den US-amerikanischen Zeitungen „The Guardian“ und „Washington Post“ Informationen über eine groß angelegte

Abhöraktion der US-Geheimdienste, von der einfache Bürger in aller Welt bis hin zu hochrangingen ausländischen Politikern Milliarden Menschen betroffen waren. Außerdem veröffentlichte er Dokumente über das Geheimprojekt „Prism“, das für die nicht sanktionierte Erfassung von Informationen über die Bürger entwickelt wurde.

Die Genehmigung von Snowdens Asylantrag führte zu einer Abkühlung in den Beziehungen zwischen Russland und den USA. Nach Meinung des Politologen und Leiters der Stiftung Sankt Petersburger Politik, Michail Winogradow, wollte Russland die USA damit nicht kompromittieren. Snowden sei allerdings so etwas wie eine Trumpfkarte gewesen, die bei Bedarf hätte gezogen werden können. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Gewährung des politischen Asyls für Snowden an die Bedingung geknüpft, er solle jegliche Tätigkeit, die „unseren amerikanischen Freunden“ schade, unterlassen. Offensichtlich fiel es Snowden nicht schwer, diese Bedingung zu erfüllen. Zu weiteren skandalösen Veröffentlichungen ist es seither jedenfalls nicht gekommen.

 

Staatsfeind Nr. 1 oder Held?

Snowden hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Für die USA wurde er zum Staatsfeind Nr. 1. Er war der offizielle Grund dafür, dass das Treffen des US-amerikanischen und russischen Präsidenten im September 2013

Der Fall Snowden in Deutschland:

 

- Am 2. Juli 2013 bittet Snowden in rund 20 Ländern um Asyl, darunter auch in Deutschland. Nach den starken Debatten lehnt Berlin aber die Aufnahme Snowdens ab. "Es liegen die Voraussetzungen nicht vor", heißt es in offizieller Begründung des Auswärtigen Amts.

- Die Grünen zeigen sich darüber empör. Ende Oktober reist ihr Abgeordneter Hans-Christian Ströbele nach Moskau. "Edward Snowden kann nur in Deutschland oder einem anderen demokratischen Staat frei aussagen. In Russland nutzt seine Aussage wenig, denn er muss ja berücksichtigen, dass sein Asyl an Bedingungen geknüpft ist", fordert er, Snowden in Deutschland vor dem NSA-Untersuchungsausschuss zu befragen.

- Ende Oktober wurde bekannt, dass Merkels Handy von NSA seit 2002 abgehört wurde. 

 - Es fängt eine Diskussion darüber an, ob Snowden in Deutschland vernommen werden sollte. 51 Prominente aus Kultur, Politik und Gesellschaft geben dem SPIEGEL Interviews und bejahen diese Frage. 

 - Am 5. Juni 2014 gibt die deutsche Bundesregierung Bescheid, sie wolle Snowden nicht als Zeuge vernehmen. Er beantragt Asyl nun auch in Brasilien.

abgesagt wurde. Er war auch der Anlass für die vom US-amerikanischen Senator Lindsey Graham geäußerte Forderung nach einem Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi. In vielen anderen westlichen Ländern hingegen war er ein gefeierter Held. Snowden wurde beispielsweise für den Sacharow-Preis für geistige Freiheit, der vom Europäischen Parlament ins Leben gerufen wurde, nominiert.

Während seines Aufenthalts in Russland erhielt Snowden ein Angebot als Fernsehmoderator und er begann, Russisch zu lernen. Im Oktober 2013 traf er sich mit seinem Vater Lonnie Snowden, der für mehrere Tage nach Moskau gereist war. Im November nahm Snowden laut Auskunft seines Anwalts Anatolij Kutscherena eine Tätigkeit in einem großen russischen Unternehmen auf. „Seine Arbeit besteht in der Beratung und der Weiterentwicklung einer der großen russischen Internetseiten“, erklärte Kutscherena gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax. Snowden gibt Interviews, nimmt über Videoschaltung als Spezialist für Informationssicherheit und Menschenrechte an diversen Kongressen teil und versichert, dass er seine Mission als absolut legal erachte und dass er gewonnen habe – was auch immer. „Alles, was ich wollte, war, der Öffentlichkeit zu zeigen, wie sie gesteuert wird“, sagte er am 24. Dezember in einem Interview mit der „Washington Post“.

„Für die US-Amerikaner war die Geschichte mit Snowden ein Glücksfall“, glaubt der Schriftsteller und Historiker Leonid Mletschin. Schwachstellen im System hätten dadurch aufgedeckt und die allzu eigenständig agierenden US-Geheimdienste wieder unter Kontrolle gebracht werden können.

Snowden selbst, findet Winogradow, hätte dabei am wenigsten profitiert. Auch Winogradow glaubt, dass Snowden als Trumpfkarte eingesetzt werden sollte, wenn sich Russlands Beziehungen zum Westen verschlechtern. Dieser Fall ist mit der Krise in der Ukraine nun eingetreten: „Die Situation ist so ernsthaft, dass der ohnehin bereits abflauende Effekt der Snowden-Enthüllung verpuffte“, erklärt Winogradow.

 

15 Minuten Ruhm

Der US-amerikanische Journalist Luke Harding veröffentlichte das Buch „The Snowden Files“. Snowdens Anwalt Anatolij Kutscherena schrieb das Buch „Wremja spruta“ („Zeit des Kraken“), das auf der Geschichte seines Klienten basiert. Wie er in einem Interview gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Novosti erklärte, habe er die Rechte an dem Buch bereits an den bekannten Regisseur Oliver Stone verkauft. Der Film solle noch in diesem Jahr in die Kinos kommen, sagte Kutscherena.

Winogradow bezweifelt dennoch, dass es Snowden gelingen wird, die Gesellschaft und Kultur nachhaltig zu verändern. In diesem Zusammenhang erinnert er an Mathias Rust, den deutschen Hobbypiloten, der im Jahre 1987 als Achtzehnjähriger mit seinem einmotorigen Sportflugzeug unbehelligt in den sowjetischen Luftraum eindringen konnte, auf dem Roten Platz in Moskau landete und kurzzeitig internationale Beachtung fand. „Auch Snowden hätte in die Geschichte eingehen können“, sagt Winogradow, „aber er konnte aus diesem Jahr in Russland keine Vorteile für sich ziehen.“

 

Lesen Sie weiter über die russischen Spione, die letztes Jahr in Deutschland enthüllt worden sind.

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