Ukraine-Krise in den Medien: emotional, subjektiv, flach

Russische und westliche Medien stellen das ernst zu nehmende ethno-kulturelle und historische Problem in der Ukraine sehr vereinfacht dar, so die Experten. Foto: Arkadiy Kolybalov / RG

Russische und westliche Medien stellen das ernst zu nehmende ethno-kulturelle und historische Problem in der Ukraine sehr vereinfacht dar, so die Experten. Foto: Arkadiy Kolybalov / RG

Selbst zu Zeiten des Kalten Krieges sei die Rhetorik der Konfliktparteien nicht so emotional und subjektiv gewesen wie jetzt bei der Ukraine-Krise – so lautet das Urteil von Medienexperten, die bei einer von Russia Beyond The Headlines veranstalteten Podiumsdiskussion in Moskau die internationale Berichterstattung diskutierten.

Am 26. und 27. Juni trafen sich in Moskau zum fünften Mal die Projektpartner von Russia Beyond The Headlines (RBTH). Im Rahmen dieses Treffens fand eine Podiumsdiskussion über die internationale Berichterstattung zur Krise in der Ukraine statt, an der neben Medienvertretern von 26 großen Zeitungen aus 23 Ländern, darunter „The Washington Post“, „The Wall Street Journal“ und „The Daily Telegraph“ aus den USA, „Le Figaro“ aus Frankreich, „The Economic Times“ aus Indien, „La Nacion“ aus Argentinien und „China Business News“, auch namhafte Experten teilnahmen. Emotional und subjektiv sei die Darstellung, lautete das Urteil der Medienexperten.

 

Die Situation ist viel komplexer, als berichtet wird

Das betreffe beide Seiten, sagte Fjodor Lukjanow, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik der Russischen Föderation. „Russische und westliche Medien stellen das ernst zu nehmende ethno-kulturelle und historische Problem in der Ukraine sehr vereinfacht dar“, sagte er. Es sei zunehmend schwierig, den Unterschied

zwischen Fakten und emotionalen Verlautbarungen, die viele Sachverhalte verzerrt darstellten, zu erkennen. „Die Ursache des Blutvergießens in der Ukraine ist die Unzufriedenheit der Massen mit den Politikern“, stellte der Experte klar. Doch „die Medien verbreiten viel zu viele unterschiedliche Informationen über die Ukraine, zu viele vermeintliche Fakten prasseln auf den Leser herein“, kritisierte Lukjanow. In den Köpfen der Leser entstehe so ein „großes Durcheinander“.

Dieser Beobachtung stimmt Alexander Gabujew, Redakteur der Zeitschrift „Kommersant-Wlast“ zu. Unzulängliches ethno-kulturelles, historisches und politisches Wissen nicht nur der Leser, sondern auch auf Seiten der Journalisten führe zu Propaganda und verzerrten Vorstellungen über die Realität. „Unabhängig von den Problemen des Journalismus für die Massen muss ein Korrespondent in ständigem Kontakt mit entscheidungskompetenten politischen Führern beider Seiten stehen, nur so kann die journalistische Qualität steigen. Andernfalls wird die Berichterstattung einseitig und nimmt propagandistischen Charakter an“, bemerkte er.

Diesen Standpunkt teilt Greg Walters, Mitarbeiter des Verlags Dow Jones und Gastredakteur der RBTH-Beilage im „Wall Street Journal“, und erinnert an den Krieg in Georgien. Die georgische Seite hätte es damals viel geschickter verstanden, die Medien für sich zu nutzen. Die russische Regierung hingegen sei konsequent vor der Presse abgeschirmt worden. Das habe sich als Fehler erwiesen, denn so gelangten nur einseitige Informationen an die Öffentlichkeit. „Wir kamen überraschend leicht an Kommentare von hochrangigen georgischen Politikern und Beamten heran, und das jederzeit, sogar um drei Uhr in der Nacht“, erinnerte sich Walters. „Die georgische Regierung wollte, dass die Welt über ihre Einschätzung zu den Ereignissen in der Region informiert ist, und das erreichte sie auch.“ Russland dagegen habe sich mit der ausländischen Presse erst nach dem Krieg abgegeben, bemerkte der Journalist.

 

Ist die Ukraine bereit für Europa – und willkommen?

Auf der Tagesordnung stand auch eine Diskussion über die ukrainische Annäherung an Europa. Die Ukraine habe, so Lukjanow, mehr Chancen, in die „europäische Familie“ aufgenommen zu werden, als Moskau vor 20 Jahren. Um das zu erreichen, müsse die neu gewählte ukrainische Regierung allerdings einen steinigen Weg zurücklegen. „Die Ukraine ist, was ihre Voraussetzungen für eine Integration in die Europäische Union betrifft, unendlich weit von ihrem Ziel entfernt. Es sind drakonische Maßnahmen erforderlich, um das Land an die EU-Standards heranzuführen. Ich weiß nicht, ob das derzeit realistisch ist“, bemerkte er.

Außerdem sei Europa selbst nicht sicher, ob es zur Aufnahme eines weiteren Mitgliedstaates bereit ist, und sei es auf der Basis einer Assoziation: „Die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine kamen für die Europäische Union unerwartet. Auf der einen Seite steht die deutliche und machtvolle Willensbekundung des Volkes, das eine Annäherung an die EU anstrebt, auf der anderen Seite kämpfen Politiker für ihre Interessen in der Region“, sagte Timothy Balding, Redaktionsberater von RBTH und ehemaliger Chef der World Association of Newspapers and News Publishers (WAN-IFRA). Die Europäische Union habe sich mit Erweiterungsrunden übernommen und die Nato kämpfe mit internen Problemen, die gelöst werden müssten, bevor Entscheidungen in der Ukraine-Frage getroffen werden könnten, bemerkte er weiter.

Lukjanow ergänzte, dass Europa die Ukraine mental noch nicht als Mitglied seiner „Familie“ begreife. Das Interesse an der Ukraine sei in erster Linie

durch die schwierigen und komplexen Beziehungen zu Russland motiviert. „Die Ukraine ist zum Brennpunkt einer sehr komplizierten historischen Beziehungskonstellation zwischen Moskau und Europa geworden. Das Zusammentreffen historischer Ereignisse heizt Spekulationsgeschäfte westlicher Länder an“, sagte er. In der politischen Kultur der Ukraine gebe es eine lange Tradition, interne Probleme auf andere Staaten abzuwälzen. Früher sei das Russland gewesen, heute auch die USA und die EU.

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