Ukrainische Militäroffensive: Nächstes Ziel Donezk?

Der Kampf um Donezk werde nach dem Muster von Slawjansk ablaufen, so die Experten: Belagerung der Stadt, Unterbrechung der Versorgungswege, Einstellung der Belieferung mit Lebensmitteln und Evakuierung der Zivilbevölkerung. Foto: ITAR-TASS

Der Kampf um Donezk werde nach dem Muster von Slawjansk ablaufen, so die Experten: Belagerung der Stadt, Unterbrechung der Versorgungswege, Einstellung der Belieferung mit Lebensmitteln und Evakuierung der Zivilbevölkerung. Foto: ITAR-TASS

Die Belagerungstaktik der ukrainischen Armee hatte offenbar Erfolg. Der Widerstand im Südosten bröckelt. Die Aufständischen haben sich aus Slawjansk und Kramatorsk zurückgezogen. Das nächste Ziel könnte Donezk werden.

Nach Darstellung von Vertretern der selbsternannten Volksrepublik Donezk gelang es der Bürgerwehr, am Samstag bei Sonnenaufgang aus der von der ukrainischen Armee eroberten Stadt Slawjansk zu entkommen, sich in das benachbarte Kramatorsk und von dort aus nach Donezk zurückzuziehen. Der Rückzug aus der belagerten Stadt sei ein „taktisches Manöver“ gewesen, um die Truppen zu „konzentrieren und Donezk erfolgreich zu verteidigen“, hieß es in der Erklärung der Aufständischen. 

Zwei Monate lang dauerte die Blockade der 110 000 Einwohner zählenden Stadt. Während dieser Zeit war Slawjansk von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten und die Strom- und Wasserleitungen wurden gekappt. Die russische Zeitung Kommersant berichtet unter Berufung auf Bewohner von Slawjansk von Säuberungsaktionen durch die ukrainische Nationalgarde, die potentielle Saboteure und Mitstreiter der Aktivisten ausfindig machen wollte. Die ukrainische Armee eroberte auch die Stadt Kramatorsk.


Droht eine Schlacht um Donezk? 

Dmitri Ponamartschuk, ein unabhängiger ukrainischer Politologe, glaubt, dass die ukrainische Regierung die Militäroffensive nach den Erfolgen der letzten Tage fortsetzen werde, mit dem Ziel, auch Donezk zu erobern. Die Eroberung von Kramatorsk sei erfolgreich gewesen, weil die Bewohner der Stadt unter dem Eindruck eines massiven Beschusses die Aufständischen nicht länger unterstützten, sagte der unabhängige Militärexperte Viktor Litowkin.

Der Kampf um Donezk, der  Hochburg des Widerstandes, werde wohl nach dem Muster von Slawjansk ablaufen, so Ponamartschuk: Belagerung der

Stadt, Unterbrechung der Versorgungswege, Einstellung der Belieferung mit Lebensmitteln und Evakuierung der Zivilbevölkerung. Für Litowkin ist das ebenfalls ein wahrscheinliches Szenario: „Langfristig kann der Widerstand gegen die technologisch und zahlenmäßig überlegene Militärmacht des ukrainischen Staates nicht aufrechterhalten werden“. Donezk könnte eine humanitäre Katastrophe drohen und eine große Zahl ziviler Opfer, befürchtet Ponamartschuk.

Die ukrainische Regierung zeige sich davon unbeeindruckt: „Im Umfeld des Präsidenten gibt es eine einflussreiche Gruppierung von Hardlinern. Selbst wenn Poroschenko bereit wäre zu Kompromissen, Zugeständnissen und Teillösungen, würden diese Personen solche Lösungen nicht zulassen, insbesondere nicht zu diesem Zeitpunkt“, sagte Ponamartschuk.

Litowkin stimmt ihm zu. Die Regierung der Ukraine werde ihren Weg bis zum Ende gehen. „Ein Friedensvertrag zwischen dem Kiewer Machtzentrum und den selbsternannten Republiken könnte nach dem Muster des Abkommens von Chasawjurt zwischen Russland und Tschetschenien aus dem Jahr 1996 ausgehandelt werden“, schlägt Litowkin vor. Der Vertrag ermöglichte damals den Abzug der staatlichen Truppen, Tschetschenien wurde faktisch zu einem unabhängigen Staat mit seinem eigenen Präsidenten, einer Landesgrenze und Armee. Das Abkommen beendete den ersten Tschetschenienkrieg.

Doch in der Ukraine ist eine solche friedliche Lösung nicht in Sicht. Eine neue Verhandlungsrunde wurde bereits mehrfach verschoben. Nach den Meldungen über die Eroberung von Slawjansk veröffentlichte die Ukraine-Kontaktgruppe der OSZE eine Erklärung, in der sie eine unverzügliche Einleitung konkreter Maßnahmen zur friedlichen Regulierung der Krise und eine kurzfristige Anberaumung der nächsten Beratungsrunde forderte. Litwokin glaubt, dass allein verstärkter politischer Druck aus Paris, Berlin und Moskau das  Blutvergießen stoppen könne.


Die Lage an der russischen Grenze 

Die Lage an der Grenze zur Russischen Föderation ist weiter angespannt. Aus der selbsternannten Volksrepublik Lugansk würden regelmäßig Schüsse abgefeuert, mehrere Granaten sollen auf russischem Boden eingeschlagen sein, berichten russische Zollbeamte. Am vergangenen Freitag sei der Grenzposten Nowoschachtinsk im Gebiet Rostow unter Beschuss geraten. Nach Augenzeugenberichten explodierte eine  Granate mitten auf einer Straße und hinterließ ein Loch von einem halben Meter Durchmesser. Opfer gab es diesmal nicht. Bereits vor zwei Wochen wurde an diesem Grenzübergang ein russischer Zollbeamter verletzt.

Inzwischen sind wegen des anhaltenden Beschusses die Grenzübergangsposten Donezk, Wesselo-Wossnesenka und Kujbyschewo geschlossen.

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