MH17: Die Raketenwerfertheorie

Das Flugabwehrraketensystem Buk mit Feststoffantrieb und seine Nachfolger sind heute eine sehr verbreitete Technologie der Mittelstrecken-Flugabwehr. Foto: Alexej Kudenko/ RIA Novosti

Das Flugabwehrraketensystem Buk mit Feststoffantrieb und seine Nachfolger sind heute eine sehr verbreitete Technologie der Mittelstrecken-Flugabwehr. Foto: Alexej Kudenko/ RIA Novosti

Die Ursache für den Absturz der malaysischen Boeing in der Ukraine war vermutlich eine abgefeuerte Rakete. Beobachter zufolge stammt sie von einem Flugabwehrraketensystem Buk. Über dieses System verfügt Russland und die Ukraine. Russische Militärexperten bewerten für RBTH die aktuelle Situation.

Anton Geraschtschenko, ein Berater des ukrainischen Innenministers, gab auf seiner Facebook-Seite bekannt, dass das Passagierflugzeug der Malaysian Airlines von den Aufständischen mit dem Flugabwehrraketensystem Buk abgeschossen wurde. Geraschtschenko behauptet, dass am Morgen des 17. Juli die Augenzeugen sahen, wie die Vertreter der Volksrepublik Donezk das Abwehrsystem dorthin transportierten, wo später das Flugzeug abstürzte.

 

Buk: Ein weitverbreitetes Waffensystem im postsowjetischen Raum

Das Flugabwehrraketensystem Buk mit Feststoffantrieb und seine Nachfolger sind heute eine sehr verbreitete Technologie der Mittelstrecken-Flugabwehr. Dieses System ist in der Lage ein Flugzeug in Höhe von 10 km zielgenau zu treffen, weil es für den Abschuss von ballistischen Raketen sowie strategiescher und taktischer Flugzeuge aus 18 km Entfernung zum bewegenden Ziel konzipiert wurde, berichtet Oberst Vladimir Kljutschnikow, Militärexperte, der im Bereich der Militärwissenschaft promovierte, gegenüber RBTH.

Das Flugabwehrsystem Buk wurde zum ersten Mal im Jahr 1979 in die Streitkräfte der UdSSR eingeführt. Heute zählen zu den Nutzern des

Außer Russland und der Ukraine, besitzen Finnland, Zypern, Ägypten, Venezuela und Syrien Flugabwehrraketensysteme Buk verschiedener Typs.

Systems die russischen Truppenverbände, mit rund 360 Kampfeinheiten des Typs Buk M2 und die ukrainische Armee mit mehr als 50 Einheiten des Typs Buk M1-2. Während des Militärkonflikts zwischen Russland und Georgien im August 2008 wurden von diesen Systemen vier russische Kampfjets abgeschossen. Das Abwehrsystem erhielt Georgien von der Ukraine, die nach dem Zerfall der Sowjetunion die Systeme an andere Länder weiter verkaufte. Außer im aktuellen Syrien-Konflikt, waren die Buk-Flugabwehrsysteme nicht weiter eingesetzt worden.

Diese Abwehrsysteme stellen eine komplexe Waffe dar. Eigentlich ist es eine ganze Division aus fünf beziehungsweise sechs Fahrzeugen, die außer der Abschussrampe sowie der Einheit zur Zielerkennung, ein Kommandofahrzeug und eine Reihe von Hilfstechnik umfasst. „Auch wenn die Aufständischen der Volksrepublik Donezk solche Systeme zur Verfügung hätten, wären sie nicht in der Lage, diese Systeme in Kampfzielen einzusetzen", meint Kljutschnikow. Unter ihnen sei kein qualifizierter Experte zu erkennen, der solche Waffen bedienen könnte, fügt der Oberst hinzu. „Es ist auch zu bezweifeln, dass die Volkswehrleute ein funktionsfähiges Radarsystem hatten. Außerdem wäre es merkwürdig, wenn sie nun im Besitz

solcher kampfbereiten Buk-Systeme wären und sie vorher gegen die ukrainischen Erdkampfflugzeuge SU-25 nicht eingesetzt hätten", ergänzte Kljutschnikow gegenüber RBTH.

„Wenn man eine schlechte Qualifizierung der ukrainischen Armee annimmt, könnte die Rakete theoretisch aus Versehen abgeschossen werden, wie es zum Beispiel im Falle des 2001 von der ukrainischen Flugabwehr abgefeuerten Passagierflugzeugs der Siberia Airlines war, das von dem israelischen Tel Aviv nach Nowosibirsk flog", vermutet Kljutschnikow.

Der Hauptredakteur der Zeitschrift „Nationale Verteidigung" und Militärexperte Igor Korottschenko vertritt eine ähnliche Ansicht: „Angesichts der Bereitstellung von zusätzlichen Truppen und Einheiten der ukrainischen Flugabwehr sowie ihrer heutigen erhöhten Kampfbereitschaft ist es offensichtlich, dass in Folge der Tests der ukrainischen Flugabwehrsysteme ein zufälliger oder unbeabsichtigter Abschuss der Rakete wegen eines Bedienfehlers passiert ist, der auf eine unzureichende Qualifizierung des Personals zurück zu führen ist. Dieser Abschuss der Rakete führte zum Absturz der malaysischen Boeing", meinte der Experte live im russischen Fernsehsender „Pervyj Kanal".

Den Angaben der Leitung des Pressedienstes des russischen Verteidigungsministeriums zufolge sind in der von der ukrainischen Armee eroberten Umgebung Donezks die Divisionen des 156. Flugabwehrraketenbataillons der ukrainischen Streitkräfte mit 27 Flugabwehrsystemen des Typs Buk M1 stationiert.

 

Weiter Theorie: Die Luft-Luft-Rakete

Aber man kann noch nicht mit Sicherheit sagen, dass die Ursache des Absturzes des Passagierflugzeugs, die von dem Flugabwehrsystem Buk abgeschossene Rakete ist, obwohl die amerikanischen Nachrichtendienste genau das behaupten. „Das Flugzeug könnte auch von einer Luft-Luft-Rakete einer ukrainischen SU-27 abgeschossen worden sein. Das könnte die Tatsache erklären, warum der Abschuss der Rakete von den russischen Radarstationen nicht registriert wurde", denkt Kljutschnikow weiter.

Das ukrainische Verteidigungsministerium kündigte offiziell an, dass in der Zeit des Absturzes der malaysischen Boeing 777 keine ukrainischen Streitkräfte im Luftraum waren. Außerdem gab das Ministerium in Kiew bekannt, dass das Flugzeug außerhalb des Abschussradius der Boden-Luft-Raketen der Flugabwehr der ukrainischen Streitkräfte war.

 

Taktische und technische Eigenschaften des Flugabwehrraketensystems Buk Typs M1-2

 

Zerstörungsradius:

nach der Entfernung - 3,3km - 35 km

nach der Höhe 15 m - 22 km

nach dem Parameter - 22 km

 Trefferwahrscheinlichkeit einer Luftabwehrrakete:

Typ Erdkampfflugzeug - 80% - 95%

Typ Hubschrauber -  30% - 60%

Typ Marschflugkörper -  40% - 60%

 Maximale Geschwindigkeit des Zielobjekts -  800 m/s

Durchschnittliche Reaktionszeit des Zielobjekts - 22 s

Fluggeschwindigkeit - 850 m/s

Raketengewicht - 685 kg

Gefechtskopfgewicht - 70 kg

Anzahl Zielkanäle -  2

Anzahl Empfangskanäle je Rakete - 3

Zeit für Übergang aus Marsch- in Gefechtslage -  5 Min.

Anzahl von Flugabwehrraketen auf einem Fahrzeug -  4

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