Ukraine-Krise: Nach MH17 ist alles anders

Foto: Reuters

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Die Tragödie von Flug MH17 der Malaysia Airlines, die 298 Todesopfer forderte, hat ein neues Kapitel in der Ukraine-Krise eingeleitet. Wie wird sich die internationale Politik entwickeln, wie geht es weiter mit den Beziehungen Russlands zu den USA und Europa? Russische Politik-Experten analysieren die Situation für RBTH.

Sergej Karaganow: Schärfere Sanktionen gefährden das System

Wie sich die internationalen Beziehungen weiter entwickeln werden, hängt von den Untersuchungsergebnissen zum Absturz der Boeing ab. Sollte sich herausstellen, dass die Aufständischen für den Flugzeugabschuss verantwortlich sind, wird Europa Russland eine mittelbare Beteiligung an dem Geschehen anlasten. Das wird einen Schatten auf die internationalen Beziehungen werfen. Sollten die Ermittlungen ergeben, dass Russland an dem Unglück mehr als nur mittelbar beteiligt war, ist nicht nur auf kultureller, sondern auch auf politischer Ebene mit einer Verschlechterung der Beziehungen zu rechnen. Bislang kann niemand sagen, wer verantwortlich ist für die Tragödie. Im Krieg sind schwarze Schwäne unausweichlich, lautet ein Sprichwort, das heißt, unvorhersehbare Katastrophen können immer passieren. Der Absturz der Boeing bestätigt das.

Die Sanktionen des Westens bekommt Russland in manchen Bereichen bereits zu spüren. Sie werden langfristig den internationalen Wirtschaftsbeziehungen den Boden entziehen. Die USA und ihre Verbündeten schufen sich einst eine Waffe, die für sie selbst erhebliche Gefahren birgt: das Bretton-Woods-System, die internationale Währungsordnung mit dem US-Dollar als Ankerwährung, von dem die „weiche" Macht Russlands, der USA und Europas lebt. Punktuelle Sanktionen beschleunigen den Wandel des internationalen Systems in die Richtung jener Prinzipien, auf denen es früher aufbaute. Präsident Obama scheint zu hoffen, dass Russland seine Truppen in die Ukraine schickt. Wir wissen aus der Geschichte, dass es die Operation in Afghanistan war, die den Zerfall der Sowjetunion einleitete.

Sergej Karaganow ist Politologe und Dekan an der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik an der Moskauer Higher School of Economics (HSE).

 

Alexander Konowalow: Die Ukraine ist verloren

Der Absturz der Boeing 777 macht den 17. Juli zu einem schwarzen Tag in der russischen Außenpolitik. Bildete der Ukraine-Konflikt früher nicht das Epizentrum der Aufmerksamkeit in Europa, so sehen wir uns heute mit einer ganz anderen Situation konfrontiert. Brüssel wird sich entschieden leichtfertiger dem Kurs der US-amerikanischen Sanktionspolitik anschließen. Unabhängig davon, ob das gegenüber Russland gerechtfertigt ist oder nicht.

Natürlich ist auch eine sensationelle Wendung im Zuge der Ermittlungen denkbar, etwa die Feststellung, dass das Flugzeug von der ukrainischen Luftwaffe im Rahmen einer gezielten Militäroperation abgeschossen wurde.

Aber das ist sehr unwahrscheinlich. Welches Interesse könnte die ukrainische Armee daran gehabt haben, ein Passagierflugzeug anzugreifen?

Die Beziehungen zu der einst brüderlich mit Russland verbundenen Ukraine sind einer echten Zerreißprobe ausgesetzt. Kiew und Moskau haben sehr viel dafür getan, nach dem Beitritt der Krim zu Russland sämtliche Voraussetzungen eines konstruktiven Dialogs zunichte zu machen. In absehbarer Zeit wird die Zusammenarbeit der beiden Länder im militärisch-industriellen Bereich neu geordnet. Die Motoren für russische Hubschrauber werden unter anderem in dem ukrainischen Werk Motorsitsch in Saporischschja gefertigt, Schiffsdieselmotoren in Mykolajiw. Moskau wird diese Produkte natürlich perspektivisch von anderen Herstellern kaufen, die Umstellung wird aber einige Zeit beanspruchen. Die Ukraine ist für Russland auf lange Sicht verloren.

Alexander Konowalow ist Direktor des Russischen Instituts für strategische Bewertungen (RISI).


Andrej Piontkowski: Leichtes Spiel für Obama

Wir beobachten eine drastische Verschlechterung der Beziehungen Russlands nicht nur zum Westen, sondern zur ganzen Welt. In Australien

und Malaysia, die viele Bürger durch das tragische Flugzeugunglück verloren haben, ist man infolge der vielen Spekulationen in der Presse weitgehend davon überzeugt, dass Russland zumindest mittelbar für das Geschehen verantwortlich zu machen sei. Präsident Putin versuchte in den letzten Tagen verzweifelt, die Situation zu entspannen. Das wurde in seiner nächtlichen Fernsehansprache sehr deutlich. Der Präsident richtete seine Worte übrigens in erster Linie an die USA und Präsident Obama, der die weiteren Schritte des Westens maßgeblich beeinflussen wird. Was Putin wirklich beunruhigt und den Nerv des Problems darstellt, sind die Wirtschaftssanktionen. Bislang hat Brüssel dem Druck der Amerikaner standgehalten, jetzt aber wird Obama ein leichtes Spiel haben und Brüssel in der Frage der Wirtschaftssanktionen auf seine Seite ziehen.

Andrej Piontkowski ist Politologe und Mitglied der Internationalen Akademie für Informationsprozesse und Informationstechnologien.


Sergej Michejew: Ein Rätsel der Geschichte

Für den Durchschnittseuropäer war die Ukraine früher ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt. Jetzt ist die Krise unmittelbar in die europäische Interessensphäre eingedrungen. Die USA setzen weiterhin alles daran, Brüssel von der Notwendigkeit einer radikalen Beschneidung der Wirtschaftsbeziehungen mit Russland zu überzeugen. Einige bemühen sich überhaupt nicht um Aufklärung, andere fragen zumindest zaghaft nach Fakten und Beweisen einer Beteiligung der Volksmilizen und Russlands an dem Flugzeugangriff.

Die ukrainische Regierung reagiert auf die Situation sehr emotional und irrational. Sie möchte eine Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk als internationale terroristische

Organisationen erreichen. Damit bereitet sie im Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit eine Parallele zur Al-Quaida und zur Lage in Afghanistan vor, sie möchte außerdem eine westliche Koalition für die Lösung des Ukraine-Konflikts gewinnen.
Wie Russland diese Situation bewerten wird? Wir dürfen nicht vergessen, dass die Welt nicht nur aus Amerika und Europa besteht. Beide gehören zweifellos zu den mächtigsten weltpolitischen Akteuren, und uns ist an guten Beziehungen zu ihnen gelegen. Aber wir dürfen uns den Blick nicht verstellen lassen. Wir müssen der ganzen Welt die Wahrheit beweisen, ob sie es hören will oder nicht, und unsere Position in der Boeing-Frage mit aller Macht verteidigen.

Die Mehrheit der europäischen Staaten würde überhaupt nichts daran gewinnen, sich dem amerikanischen Kurs anzuschließen. Sie haben nichts davon, Russland auch nur mittelbar verantwortlich zu machen für die Tragödie. Bei aller Tragik der Situation jedoch würden viele davon profitieren, wenn der Absturz der Boeing ein weiteres Rätsel der Geschichte bliebe. Beweise für eine direkte Schuld Russlands gibt es nicht, Beweise für eine direkte Schuld der Ukraine ebenso wenig.

Sergej Michejew ist Direktor des russischen Zentrums für politische Konjunktur.

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